Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von vergebenen Männern

Ich frage mich, wie wir auf das Thema Ehe gekommen sind. Mit Ehen habe ich doch gar keine Berührungspunkte. Fast gar keine. Höchstens verschwindet geringe Berührungpunkte. Zumindest rede ich mir das mehr oder minder erfolglos ein. Irritiert starre ich sie an.
"Weißt du", sagt meine Freundin, "Ich weiß, wie es ist, in einer Ehe unglücklich zu sein. Und das ist wirklich schlimm. Bedrückend. Aber irgendwann muss man sich eben entscheiden, dieses Gefängnis weiter zu erdulden oder die Kraft aufzubringen, sich selbst etwas Gutes zu tun und sich zu trennen. Verstehe mich bitte nicht falsch: Ich kann jedes Paar verstehen, das aus finanziellen Gründen zusammenbleibt. Mich hat meine Scheidung selbst fast meine Existenz gekostet. Ist eben alles eine Frage der Prioritätensetzung. Was mich aber zurzeit wirklich ankotzt, sind diese ganzen Ehemänner, die heimlich wildern gehen. In letzter Zeit lerne ich, wenn ich ausgehe, nur noch vergebene Männer kennen, die sich für ein paar Stunden die Seele aus dem Leib vögeln und ihre Frau bescheißen wollen." Ich starre sie ein wenig irritiert an. So eine heftige Ausdrucksweise bin ich nicht von ihr gewöhnt. Das spricht für eine Menge angestaute Frustration.

Meine Gedanken schweifen ab. Ich muss an eine Begegnung vor ein paar Wochen denken, als ich die Nacht zum Tag mache und mir in irgendeinem wahllos ausgesuchten Club die Füße wund tanze. Ich habe gar kein Interesse daran, einen Mann kennenzulernen. Aber wie es eben so ist, wird man genau in den Momenten gefunden, in denen man nicht sucht. Der Mann, der mich so beharrlich anlächelt, ist hübsch. Schön groß, bestimmt über 1.90 m, dunkle Haare, die ihm ins Gesicht fallen, blaue Augen, die wunderbar verschmitzt blitzen, schlank. Eigentlich ist er ein Typ Mann, der zu gut für mich aussieht. "Komm", sagt er trotzdem, nachdem wir eine Weile getanzt haben, nimmt mich an der Hand und zieht mich mit sich nach draußen. Wir rauchen, es nieselt leicht und ich strecke mein Gesicht dem Nachthimmel entgegen, während er mich darüber ausfragt, wo ich wohne, was ich "so mache" und wer ich bin. Als er merkt, dass ich nicht wirklich auskunftsfreudig bin, erzählt er mir von seinem Haus, seiner Frau und seinen drei Kindern. Ehrlich? Er redet mir zu viel. Eigentlich will ich nur spüren, wie der Bass der Musik meinen Körper flutet und mich von ihm tragen lassen. "Ich mag wieder reingehen.", teile ich ihm also mit. Er sieht ein bisschen enttäuscht aus. "Wollen wir nicht zu dir gehen?", fragt er versichtig, "Ich mag dich." Ich lächle. "Sorry.", sage ich und schüttle den Kopf, "Aber erstens habe ich kein Interesse und zweitens bist du ein verheirateter Mann. Ich bin nur hier um zu tanzen." Die Line, die er mir anbietet, um mich zu halten, lehne ich dankend ab. Meine einzige Erfahrung mit harten Drogen ist schon ein paar Jahre her. Damit hätte ich mich fast um die Ecke gebracht. Und irgendwie habe ich das Gefühl, dass sich das heute Abend nicht lohnt.

"Was ist denn nur mit dieser Welt los?!" Mit ihrer Frage holt mich meine Freundin zurück in die Realität. Ihr Blick ist vollkommen verständnislos. "Ehrlich", sagt sie, "Ich war nicht so, in den paar Jahren, die ich verheiratet war. Obwohl es mir nicht gut in der Ehe ging." Ich schweige. Muss an meine komische mädchenhafte Vorstellung von einer Ehe denken: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Bescheuert. So richtig blauäugig. Aber in meinem Kopf ist eine Ehe irgendwie etwas wert. Sie ist ein Versprechen. Tiefe Verbindung.
"Alles gut?", unterbricht sich die Freundin plötzlich in ihrem eigenem Monolog und mustert mich nachdenklich. Es fühlt sich an, als würde sie in meinen Kopf hineinsehen. Ich bekomme augenblicklich das Bedürfnis, mich ihr entziehen zu wollen. "Alles gut.", erwidere ich also und springe unvermittelt von dem Mauervorsprung, auf dem wir sitzen und uns von der Sonne bescheinen lassen, auf. Dann fällt mir etwas ein und ich drehe mich wieder zu ihr um.
"Wie reagierst du?", frage ich.
Sie hat den Faden verloren. "Was?", schaut sie verwirrt, "Wie reagiere ich worauf?"
"Wie reagierst du, wenn ein verheirateter Mann mit dir flirtet?"
Sie zuckt mit den Schultern, legt den Kopf schief und denkt nach.
"Das ist ganz unterschiedlich.", antwortet sie schließlich, "Und abhängig von der Situation."
Dann fängt sie an zu lachen.
"Den letzten habe ich gefragt, ob er brennt und ihn danach aufgefordert, nach Hause zu seiner Frau zu gehen. - Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich etwas mit einem verheirateten Mann anfange, Muschelmädchen?"

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