Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von 13 Gründen an sich selbst zu zweifeln

Heute Morgen fühle ich mich ein wenig wie Falschgeld. Die Nacht endet viel zu früh und der Kopf ist noch schummerig vom Alkohol des vergangenen Abends. Das hält ihn aber nicht davon ab, gedankliche Kapriolen zu schlagen: Willkommen, Selbstzweifel. Lass uns doch mal anschauen, was dich heute dazu bringt, mich zu besuchen und umzutreiben. Wahllos notiert:

  1. Ich kann nicht gut um Dinge herum schnacken. Smalltalk liegt mir nicht. Stattdessen steige ich gerne direkt tief ein. Mich interessiert weniger, was ein Mensch hat, als dass, was er ist. Deshalb stelle ich viele Fragen. Besonders die Psychologen unter den Nachtschwärmen fühlen sich im Angesicht meiner W-Fragen häufig unwohl. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft mir bereits gesagt wurde, dass man keine W-Fragen stellt. Leider habe ich in meiner Kindheit ein wenig zu oft die Sesamstraße gesehen. Das hat mich wohl hinsichtlich meiner rebellischen Grundstimmung sehr geprägt.
  2. Meine Lieblings-W-Frage ist: Warum? Wenn man mich beschreibt, fällt häufig das Wort "Analytikerin". Ich kann es nicht ertragen, Dinge nicht zu verstehen. Das gilt für alle Bereiche meines Lebens, also für berufliche, zwischenmenschliche und auch alle anderen Situationen. Um Ruhe zu finden und mit mir selbst im reinen zu sein, brauche ich ein grundlegendes Verständnis für die Dinge, die mich beschäftigen. Das gibt mir Sicherheit.
  3. Lustigerweise halte ich mich selbst nicht für kompliziert. Vor allem Männer behaupten aber gerne etwas anderes. Vermutlich ist das einer gewissen Empfindsamkeit geschuldet. Ich reagiere auf Versuche, mich einzusperren oder emotional unter Druck zu setzen ziemlich allergisch - allerdings nicht unbedingt mit Konfrontation, sondern einfach mit Rückzug. Mich voll und ganz zu gewinnen ist sicher nicht einfach, mich zu verlieren dagegen sehr. Ich brauche meine Freiheit, brauche Zeit für mich und Luft zum atmen. Hierzu begleitet mich seit vielen Jahren ein Satz von Schopenhauer zur Willensfreiheit, der mal schrieb: „Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Ich brauche die Freiheit, ein Wollen entwickeln zu können, um Dinge, die von mir gewollt werden, gerne zu tun. Wenn Menschen mich als kompliziert empfinden, beschäftigt mich das sehr. Grundsätzlich stelle ich mich gerne wieder und wieder infrage, noch lange bevor ich einen anderen Menschen hinterfrage. Vermutlich suche ich mit einer Beharrlichkeit nach meinen eigenen Fehlern, die ihresgleichen sucht. Was mich direkt zum nächsten Punkt bringt:
  4. Ich verletze eher mich selbst, als einem anderen Menschen meine Wut zuzumuten. Altes Verhaltensmuster, das ich mittlerweile versuche, ein wenig aufzubrechen. Ist allerdings schwieriger als es sich anhört. Irgendwo zwischen dem Missbrauch und Aros Selbstmordversuch habe ich mir angewöhnt, andere Menschen nicht mehr mit intensiven Emotionen von mir zu belasten, um keine für mich unkontrollierbaren Konsequenzen auszulösen. Wenn ich die Empfindungen aber nicht rauslasse, mutiere ich zum Schnellkochtopf. Dann baut sich ein enormer Druck in mir auf, den ich nur in Maßen aushalten kann. Für den Druckabbau gibt es dann zwei Möglichkeiten, die beide unter dem Begriff Selbstverletzung zusammengefasst werden können: a) Ich verletze mich selbst oder b) bringe mich in eine Situation, in der ich verletzt werde. 
  5. Andere Menschen zu verletzen, fühlt sich für mich schier unerträglich an. Das intensiviert das Bedürfnis, sich dafür selbst zu bestrafen, massiv.
  6. Vielen Menschen bin ich zu pragmatisch. Selbstmitleid (für die Seelenhygiene) kann ich nur über einen begrenzten Zeitraum ertragen, sowohl bei mir, als auch in meiner Umgebung. Nach Ablauf dieses Zeitraums stelle ich den Anspruch an mich, das, was mich stört, anzugehen und eine Veränderung anzustreben, damit es mir wieder besser geht. Wenngleich feinfühlig, neige ich doch dazu, Menschen, die mir etwas bedeuten, auch mal darauf hinzuweisen, dass Selbstmitleid die Situation, in der man sich befindet, nicht ändert und es einem selbst obliegt, den Hintern an die Wand zu bekommen und sein Leben zu gestalten.
  7. Ich habe noch immer ein gestörtes Verhältnis zu Frauen. Aufgrund einer einschneidenden Erfahrung von meinem zwölften bis vierzehnten Lebensjahr, habe ich mich später freundschaftlich immer eher an Jungen und heutzutage Männern orientiert. Frauen waren mir immer zu kompliziert. Häufig hatte ich das Gefühl, sie nicht zu verstehen und manchmal glaube ich noch immer, dass mir selbiges niemals gelingen wird. Außerdem bin ich Frauen gegenüber grundsätzlich misstrauischer. Begründen kann ich das nicht. Klar ist aber, dass mir, der Erfahrung nach, die männliche Art der Verständigung wesentlich mehr liegt. Ich bin gerne geradeheraus und weiß, woran ich bei meinem Gegenüber bin. Ohne Spielfelddekoration und anderen Blödsinn. Außerdem habe ich - ziemlich spleenig - Angst vor Blondinen.
  8. In sexuellen Situationen, in denen Alkohol oder ein fremder Mann im Spiel sind, neige ich zur Wehrlosigkeit, sodass ich aus der Situation herauskippe und nur noch körperlich anwesend bin, während in meinem Kopf ein ganz anderer Film läuft. Es ist möglich, dass ich mich von einer Sekunde auf die andere wieder wie ein Kind fühle. Gelähmt. Überfordert. Und - vor allem - diese Überforderung normalerweise dann eben nicht zum Ausdruck bringe. Ich dachte eine ganze Zeit lang, dass ich das mit dem wachsenden Alter sicher in den Griff gekriegt habe. Dass dem nicht so ist, bewies mir vor nicht allzu langer Zeit leider ein Übergriff in der Straßenbahn durch einen schwarzen, nach Zigarre stinkenden Ü-40er, gegen den ich mich nicht gewehrt habe - nicht wehren konnte. Sondern eben... ausgeharrt habe. Neu daran war immerhin, dass ich ab einem gewissen Punkt in blinde Panik ausgebrochen bin und nur noch um mich geschlagen habe. Was immerhin besser ist, als bis zum Ende zu erdulden. Aber trotzdem furchtbar. Schnell weg mit diesem Gedanken. Womit ich zum nächsten Punkt komme:
  9. Im allgemeinen bin ich ein wehrhafter Mensch. Böse - oder: es gut meinende Zungen - behaupten allerdings, man müsse mich manchmal vor mir selbst schützen. Als ich gestern Abend mit Asa in einem kleinen Italiener in der Innenstadt etwas essen war, haben wir uns an den Übergriff in der Straßenbahn erinnert. Ich habe ihm gesagt, dass er mich hätte zwingen sollen, diesen Typen anzuzeigen. Weil mir bei dem Gedanken, dass der noch da draußen rumläuft und das vielleicht bei anderen Frauen probiert einfach kotzübel wird. Aber ich war direkt danach einfach nicht dazu in der Lage. Ich konnte es nicht. Stattdessen habe ich mich einfach nur widerlich gefühlt. Als ob er schwarze Fingerabdrücke auf mir hinterlassen hätte. Insofern muss ich die Aussage, dass ich wehrhaft bin, wohl zurückziehen. Ich glaube, dass ich ab und an Unterstützung brauche. Aber ich weiß auch, dass ich eine starke Persönlichkeit bin. Bisher bin ich nach einem Fall noch jedes Mal wieder aufgestanden. Und ich habe nicht vor, das zu ändern.
  10. Ungerechtigkeit macht mich fertig. Ich kann nicht dabei zusehen, wenn jemandem Unrecht geschieht, vollkommen unabhängig, in welchem Kontext das geschieht. Es ist mir, so ruhig und introviert ich manchmal auch sein mag, vollkommen unmöglich, zu schweigen. Diese Eigenschaft ist für mich selbst allerdings noch einigermaßen neu. Ein gutes Gespür für Unrecht hatte ich schon als Kind. Aber den Zwang in eine Situation eingreifen zu müssen, verspüre ich erst seit ein bis zwei Jahren. Manchmal - viel zu oft - überrasche ich mich damit selbst.
  11. Ich kämpfe mit meinem Körpergefühl. Schon immer. Vermutlich ist das dem permanenten Kalorienzählen in meiner Familie geschuldet, mit dem ich aufgewachsen bin. Mir wurde gesagt: "Du muss schlank sein. Schlank und schön. Schlanke und schöne Menschen sind auch beruflich erfolgreich.". Das klingt irgendwie überspitzt, merke ich beim Aufschreiben. Trotzdem fasst der Satz die Erwartungshaltung an mich ganz gut zusammen. Schön bin ich nicht. Fail. Schade eigentlich. Und schlank auch nicht. Doppel-fail. Daran ist interessant, dass ich mich immer als fett empfunden habe. Sowohl als ich 49 Kilogramm auf 1.75m gewogen habe, als auch bei dem anderen Extrem von 86 Kilogramm. Es ist ein kleines Wunder, dass ich keine ausgewachsene Essstörung etabliert habe. Wobei ich mich noch sehr, sehr gut an eine Situation vor wenigen Jahren erinnere, als ich gefragt wurde, ob sich mein Freund nicht für mich schämt, weil ich so fett bin. - Das aufzuschreiben treibt mir übrigens heute noch die Schamesröte ins Gesicht. Und ich habe nie jemanden davon erzählt. Allerdings bin ich das Gefühl, mich für mich selbst schämen zu müssen, auch nie richtig losgeworden. Ich hätte gerne einen anderen Körper. Irgendeinen aus der Werbung. Ganz egal. Nur eben halt dünn. Am besten an der Grenze zur Magersucht. Damit ich ganz viel essen kann. Ich stehe doch so unwahrscheinlich auf gutes Essen...
  12. Angst vor Nähe. Auch so ein Punkt, der mich immer wieder an mir selbstzweifeln lässt. Genau ein einziges Mal habe ich mich Haut und Haar, mit allem was ich hatte, auf einen anderen Menschen eingelassen. Mit dem phantastischen Resultat, dass uns das beide fast umgebracht hätte. Seitdem tue ich mich schwer damit, anderen Menschen in Gänze zu vertrauen. Grundsätzlich vertraue ich. Viel und Leichtsinnig. Aber niemals rückhaltlos. Zu groß ist die Angst, durch dieses Vertrauen in eine Art von Abhängigkeit diesem Menschen gegenüber zu rutschen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, so einen Menschen zu verlieren. Es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen ich das Gefühl habe, ich könnte so ein Risiko erneut eingehen. Was mich, paradoxerweise, nicht davon abhält, immer und überall nach diesem Menschen zu suchen.
  13. Und dann gibt es da noch diese typisch weiblichen Eigenschaften, die mich an mir selbst zweifeln lassen. Ich sammle Klamotten, Schuhe und Taschen und ziehe doch den meisten Kram davon nicht an. Ich male Gartenzwerge an (Irgendwas stimmt mit meinem Verstand wohl nicht.). Auf ein Kleintier, wie eine Schnecke oder ein Insekt, zu treten, kann mir den ganzen Tag versauen. Sprichwörter kann ich mir nicht merken und mache meine Umgebung häufig ganz verrückt damit , weil mal wieder niemand versteht, was ich sagen will, wenn ich in vollkommener Selbstverständlichkeit erzähle, dass alle Wege nach Venedig führen und der Hase mal wieder im Salz liegt. Ich heule bei Filmen. Manchmal werde ich, pms-bedingt, sinnloserweise wütend auf Kaffeemaschinen oder Zwiebeln oder Staubsauger. Ich finde meinen Bauch fett, meine Brüste zu groß und nicht straff genug, meine Nase zu schräg, meinen Mund zu klein, meine Augen zu glubschig, meine... Ach, lassen wir das. Ich nerve meine Mitmenschen damit, dass ich manchmal in Gesprächen abdrifte und das Zuhören vergesse, weil es so schön ist, zu träumen. Mein Allgemeinwissen ist furchtbar. Ich halte lieber dreimal mehr den Mund, als etwas doofes zu sagen. Apropos doof: Ich befürchte permanent, dumm zu sein und wundere mich in starrer Regelmäßigkeit darüber, warum niemandem auffällt, dass dem so ist. Aber vor allem - vor allem - habe ich Angst davor, nicht genug zu sein, zu kompliziert, ein schlechter Mensch, ungenügend zu sein. Meine wohl größte Angst ist, für das, was ich bin, sage oder tue verurteilt zu werden. Als ob es wichtig wäre, was man über mich denkt. Als ob man über mich denken würde.

Kommentare

  1. Ich bin gleichzeitig fasziniert und perplex darüber, wie ähnlich wir uns zu sein scheinen. (War der letzte Satzteil jetzt so richtig?)
    Tatsächlich habe ich mich in ALLEN Punkten wiedergefunden und bis auf ein paar Details könnte man meinen, Du hast mich ausgelesen und hier beschrieben. Das ist irgendwie unheimlich - aber auch cool.

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    1. Ich kann dich beruhigen - zwar lese ich deinen Blog schon ein paar Jahre hin und wieder mal, aber Gemeinsamkeiten sind tatsächlich zufällig zustande gekommen. ;-) Irgendwie finde ich den Gedanken aber schön, dass ich nicht die einzige Meisterin der Selbstzweifel bin. Danke!

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