Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Flächenbrand

"Wir tauschen unser Sofa gegen einen Tag am Meer,
wir sitzen abends auf den Dächern und küssen gern,
wir sind am Strand die ersten, die ihre Schuhe verlieren.
Wir brauchen keine Thesen und keine Theorien,
wir träumen davon, dass es Realität nicht gibt,
wir sind aus bunten Farben und wir sind aus Magie...
Denn jetzt ist die Zeit und hier ist der Ort,
wir sind bereit, so sind wir geboren:
Wir sind frei."

(Berge: Wir sind frei)

"Wenn man dich kennenlernt, wirkst du, als ob du kein Wässerchen trüben könntest.", sagt sie. Ich lächle unschuldig. Sie zieht die Augenbrauen zusammen. "Aber eigentlich hast du es faustdick hinter den Ohren!", stellt sie nachdrücklich fest. Ich lache und zucke mit den Schultern. Keine Ahnung, ob ich es faustdick hinter den Ohren habe. Eigentlich halte ich mich für fast schon langweilig normal.

Am Ende des Tages liegt eine 70 Stunden-Woche hinter mir. Erstaunlicherweise überrasche ich mich jedoch selbst und bringe es tatsächlich noch fertig, die Musik laut aufzudrehen und laut singend durch die Wohnung zu tanzen, während ich wenigstens oberflächlich versuche, das Chaos in der Wohnung zu beseitigen. Eine Nachricht auf meinem Handy lässt mich über eine Erinnerung stolpern:
Lächelnd denke ich an einen warmen Sommerabend vor ein paar Jahren. Ich befinde mich in einer beliebigen Stadt in Niedersachsen. Mit einem Freund liege ich auf einer Wiese unter einem sternenklaren Himmel. Wir halten uns an unserem Billigbier fest und diskutieren, vermutlich auf Stammtischniveau, über Hobbes "Homo homini lupus est" und Rousseaus Annahme, der Mensch sei von Natur aus gut. Während mein Gegenüber Gott, die Welt und alle Menschen verteufelt, argumentiere ich inbrünstig dagegen, gehe vom Guten aus und versuche, ihn von meiner Meinung zu überzeugen. Wie immer gehen mir irgendwann die Worte aus, weil ich es nicht schaffe, das Grundgefühl, das sich durch mein Leben durchzieht, in passende Worte zu kleiden. Das bringt ihn zum Lächeln. Und weil das Bier anfängt uns zu drehen, zieht es uns zu Springbrunnen. Lachend greift er nach meiner Hand, nimmt mich mit sich, bis wir beide in das angenehm kühle Wasser kippen und uns atemlos treiben lassen. Es ist ein schleichender Prozess, aber wir verlieren uns beide in dieser Nacht. Lassen los. Leise. Kontrolllos. Sehnsüchtig. Das Gefühl von Glück kitzelt sich mit einer Intensität durch uns hindurch, die sich kaum ertragen lässt. Wie schön es ist, dass wir am Leben sind!
Ich kaufe uns im Rotlichtviertel die teuerste Flasche Wein, die ich je erstanden habe. Einen Korkenzieher brauchen wir nicht. Korkenzieher sind etwas für Mädchen. Er zieht die Spraydosen aus dem Rucksack. Mir gehören die Litfaßsäulen und ihm die Werbeplakate. Eine Friedenstaube nach der anderen spraye ich. Es kann nicht genug Frieden geben, denke ich mir. Und überhaupt kann ein wenig Liebe der Welt nicht schaden. Um wenigstens ein paar Menschen am kommenden Tag zum Lächeln zu bringen, pflücken wir anschließend bunte Blumen, die wir in Briefkästen, unter Scheibenwischer und an Fenster klemmen.

Der Tag hat längst die Nacht abgelöst, als wir heimkehren.
"Was tun, wenn´s brennt?", flüstert er leise, als wir nebeneinander im Bett liegen. Ein Satz, der seit Jahren unsere Freundschaft besiegelt. "Brennen lassen!", antworte ich und lächle mit geschlossenen Augen. Seine Hand schiebt sich behutsam auf meine.


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