Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von der Altlast

Wie beschreibe ich das jetzt, ohne einen kompletten Seelen-Sex-Striptease hinzulegen?
In kurzen Worten - Rückblende in ein anderes Leben:

Er neigt dazu, immer ein bisschen mehr von mir zu nehmen, als ich ihm freiwillig geben will. Mir fällt das erst ziemlich spät auf. Aber das erste Mal wird es mir klar, als wir uns in einer ziemlich verfänglichen, sexuellen Situation befinden und er mich, kurz vor dem Orgasmus, mit einem (für mich) sehr harten Kick kommen lässt, indem er mir zuflüstert, was für eine kleine Schlampe ich bin.
Danach geht er. Ziemlich abrupt, weil er noch eine Verabredung hat. Ich bleibe zurück und fühle mich sicher. Es ist okay, dass er geht. Weil mich das Gefühl trägt, aufgehoben zu sein. Ein trügerisches Gefühl. Wie ich später feststellen darf.

Es ist reiner Zufall, dass ich ihn in unserem nächsten Gespräch frage, mit wem er sich getroffen hat. Als er mir den Namen seiner Verabredung nennt, frage ich unvermittelt, ob er mit ihr geschlafen hat. Damit überrasche ich mich selbst, denn ich spreche, noch bevor ich einen Gedanken fassen kann. Und fühle mich unglaublich vor den Kopf geschlagen, als er meine Frage bejaht. Dann brennen mir die Sicherungen durch. Statt mich zurückzuziehen, wozu ich von meinem Naturell her eher neige, trete ich den Weg nach vorne an: Ich provoziere die Verletzung. Weil ich weiß, dass er nicht lügen kann, erfrage ich jedes Detail seiner Verabredung. Mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen. Und er gibt mir all die schmutzigen Antworten, die ich haben will. Anstatt mich zurückzuweisen erzählt er mir von ihrem Körper, ihren Brüsten und ihrem Hintern. Ich erfahre nicht nur, wo er sie gevögelt hat, sondern auch, wie sie ihn geritten und sich dabei bewegt hat. Von ihren Küssen, seinen Fingern in ihr, ihren Berührungen. Und während der ganzen Zeit, die dabei vergeht, lächle ich mich zu Tode, während sich in mir qualvoll langsam ein Flächenbrand ausbreitet und alles, was sich ihm in den Weg stellt, verschlingt. Alles, was er hinterlässt, sind Rauch und Asche.

Später erzählt er mir irgendetwas von Bedürfnissen. Davon, wie es ist, ein Mann zu sein und Sex zwingend zu brauchen. Es fühlt sich an, als ob er versucht, mich davon zu überzeugen, keine Wahl gehabt zu haben. Auf den Rest seiner Worte kann ich mich nicht mehr richtig konzentrieren. Mir ist vollkommen klar, dass ich die Grenzen der dritten Person, dieser Frau, die hier nicht anwesend ist, zu unrecht übergangen habe. Und das tut mir leid. Auch wenn ich ihr, zu meiner eigenen Schande, nicht ein einziges positives Gefühl entgegenbringen kann. Vielleicht sind die Bilder, die sich in meinem Kopf wieder und wieder abspielen, Strafe genug für meinen Grenzübertritt. Ich werde lange von ihnen zehren. Viel zu lange. Gleichermaßen werden sie mich jedoch stets daran erinnern, dass ich mich niemals wieder so fühlen möchte. Als ein Mensch, der benutzt wird und nicht ausreichend genug ist. In diesem Moment fühle ich das erste Mal, dass ich zu viel Herz in diese Begegnung gelegt habe. Ich wünsche mir, dass er aufhört zu reden. Mir ist schlecht und eigentlich ist alles, was ich will, alleine zu sein und mich endlich übergeben zu dürfen.

Kommentare

  1. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  2. *zweite Version, der zahlreiche Tippfehler wegen*

    Die Taktik, den Gegenüber dazu zu bringen, Dich mit seinen Ausführungen und Detailschilderungen tief zu verletzen, hat auf den ersten Blick etwas Cleveres:

    1. er merkt es nicht, während es geschieht
    2. Du zwingst ihn, die hässliche Seite an sich bühnenreif zu präsentieren, weil Du glaubst, die Loslösung/Distanzierung von diesem Menschen gelänge hiermit scharfkantiger/härter
    3. zwar hat ER Dich aktiv verletzt, aber DU hattest die Fäden in der Hand dazu.

    Der Nachteil dieses Vorgehens ist:

    1. Du kannst nicht die Tiefe der Schnitte bestimmen, denn was Du im Redefluss erfährst, lässt sich nicht ungesagt machen
    2. Du wirst Dinge gehört haben, die nicht geeignet sind, Dein Selbstwertgefühl zu untermauern (bspw. die körperliche Detailattraktivität der anderen Frau)
    3. es ist unfraglich ein manipulatives Verhalten von Dir

    Letztlich ist es auf eine dritte Person outgesourcte Selbstverletzung von Dir, abstrahiert auf den Gegenüber als Scheintäter.
    Aber Selbstverletzung ist es dennoch, zumal Du die Bilder in Deinem Kopf noch lange als Selbstbestrafung empfandest.

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    1. Was soll ich schreiben? Deine Zusammenfassung ist absolut perfekt. Du hast uneingeschränkt recht. Dennoch bin ich sicher, dass ich in einer ähnlichen Situation noch einmal ähnlich handeln würde. Ich weiß das, weil ich mich in letzter Zeit immer mal wieder in Situationen befinde, in denen mir danach ist, genau dieses manipulative Verhalten, aus verschiedenen Beweggründen heraus, an den Tag zu legen und ich mich ziemlich selbstdisziplinieren muss, dies nicht zu tun.

      Vielleicht hilft es manchmal, sich das ganze Ausmaß einer Situation in all ihren Gefühlen bewusst zu machen, auch wenn die Situation manipulativ herbeigeführt wurde. So kann das harte, scharfkantige Loslösen gelingen. Und es ist schon sinnvoll, zu erkennen, wann ein Mensch nicht mehr gut für einen selbst ist und aus dieser Erkenntnis entsprechende Konsequenzen zu ziehen.

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  3. Nein, nicht Du hast eine Grenze übergangen, sondern er. Du warst verletzlich und er hat es ausgenützt. Ich schätze Rain, aber in diesem Fall widerspreche ich ihm komplett.
    Es gibt Typen, die haben es raus, einen genau da hin zu bringen, die manipulieren so geschickt, dass man plötzlich Dinge tut, die man sonst nicht tut, man seine Souveränität verliert. Sie machen es über lauter kleine Nadelstiche und diese Typen sind toxisch. Sie sind emotionale Gewalttäter. Darüber habe ich mal viel und lange geschrieben und möchte hier nicht weiter darauf eingehen. Schüttel Dich, definiere Deine Grenzen klar und wirf ihn raus. Egal was ihr für ein Verhältnis habt, vögeln und dann gleich gehen, auch noch zur nächsten ist einfach unhöflich. Punkt.

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar!
      Auch wenn ich eine Menge Anlauf nehmen musste und ziemlich (sehr, sehr, sehr) lange dafür gebraucht habe, habe ich letztendlich das getan, was du mir geraten hast: Ich habe mich geschüttelt, meine Grenzen definiert und bin weitergegangen.
      Allerdings habe ich manchmal das Gefühl, dass ich noch ziemlich viel aufzuarbeiten habe, um wirklich meinen Frieden mit dieser Geschichte schließen zu können. Aber das gehört irgendwie dazu, oder?

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