Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von viel zu kurzen Momenten

Früher hätte er gelesen, aber in den letzten Jahren hat er fast vollständig sein Augenlicht verloren. Außerdem konnte er sich, im Zuge der fortschreitenden Demenz, irgendwann nicht mehr auf seine Bücher konzentrieren. Was ihm geblieben ist, ist seine Liebe zur klassischen Musik. Als wir ihn besuchen, sitzt er, eine dünne Decke über seinen Knien, in seinem Lieblingsessel und lauscht mit halb geschlossenen Augen hingebungsvoll der Sinfonia No. 9 von Johann Sebastian Bach, die im Hintergrund läuft. Um ihn nicht zu erschrecken, dreht meine Oma die Musik vorsichtig leiser, bevor sie an ihn herantritt.
"Hallo Hans.", grüßt sie ihn leise. Instinktiv wendet er sein Gesicht ihr zu. Blinzelt gegen die Schatten, die vor seinen Augen tanzen, an. Sie beugt sich zu ihm hinab, so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berühren. Damit er sie schemenhaft erkennen kann.
"Weißt du heute, wer ich bin?", fragt sie sanft und senkt die Augen, um die Angst, die in ihrem Blick liegt, zu verbergen. Doch bei dem Klang ihrer Stimme fängt mein Opa plötzlich an über das ganze Gesicht zu strahlen. Seine Hände tasten nach ihr und legen sich auf ihre Wangen. Behutsam zieht er sie näher zu sich heran und küsst sie auf ihre Lippen. Wobei er die Leidenschaft eines jungen Mannes an den Tag legt.
"Aber natürlich weiß ich, wer du bist.", antwortet er liebevoll. Seine Stimme klingt fest und sicher:
"Du bist meine geliebte Frau. Seit über 60 Jahren." Die Augen meiner Oma weiten sich überrascht, als sie versteht, dass er sich heute an sie erinnern kann. Zu ihr zurückgekehrt ist für ein paar viel zu kurze Momente.
"Und du bist mein Mann.", flüstert sie heiser, während sie sich in seinen Arm schmiegt. In ihren Augen schimmern Tränen.


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