Vom Irren

Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, mich mit ihm darüber zu unterhalten. Aber wenn ich daran denke, wird mir übel. Weil ich seine Argumentation so unterirdisch finde.
"Was soll ich denn tun, wenn ich dich anfassen will? Dann muss ich das doch."
"Ich kann nichts dafür, dass du scharf bist."
"Du tust ja gerade so, als hätte ich dich vergewaltigt."
"Nicht, dass du jetzt zu einer frigiden Trulla wirst!"

Heute hat mich jemand, der diesen Blog liest, gefragt, ob mich dieses Thema, das ich in meinem Jahresrückblick angeschnitten habe, noch beschäftigt. Meine Antwort war "Ja." Danach konnte ich nicht mehr sprechen, weil der müselig zusammengekleisterte Staudamm sich angefühlt hat, als wäre er kurz davor, zu brechen. Ich hatte sofort Tränen in den Augen und einen riesigen Kloß im Hals. Das hat mich selbst erschrocken. Bisher war mir nicht bewusst, wie tief meine Empfindungen dazu gehen. Aber wie sollte mir das auch bewusst sein: Ich…

Von viel zu kurzen Momenten

Früher hätte er gelesen, aber in den letzten Jahren hat er fast vollständig sein Augenlicht verloren. Außerdem konnte er sich, im Zuge der fortschreitenden Demenz, irgendwann nicht mehr auf seine Bücher konzentrieren. Was ihm geblieben ist, ist seine Liebe zur klassischen Musik. Als wir ihn besuchen, sitzt er, eine dünne Decke über seinen Knien, in seinem Lieblingsessel und lauscht mit halb geschlossenen Augen hingebungsvoll der Sinfonia No. 9 von Johann Sebastian Bach, die im Hintergrund läuft. Um ihn nicht zu erschrecken, dreht meine Oma die Musik vorsichtig leiser, bevor sie an ihn herantritt.
"Hallo Hans.", grüßt sie ihn leise. Instinktiv wendet er sein Gesicht ihr zu. Blinzelt gegen die Schatten, die vor seinen Augen tanzen, an. Sie beugt sich zu ihm hinab, so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berühren. Damit er sie schemenhaft erkennen kann.
"Weißt du heute, wer ich bin?", fragt sie sanft und senkt die Augen, um die Angst, die in ihrem Blick liegt, zu verbergen. Doch bei dem Klang ihrer Stimme fängt mein Opa plötzlich an über das ganze Gesicht zu strahlen. Seine Hände tasten nach ihr und legen sich auf ihre Wangen. Behutsam zieht er sie näher zu sich heran und küsst sie auf ihre Lippen. Wobei er die Leidenschaft eines jungen Mannes an den Tag legt.
"Aber natürlich weiß ich, wer du bist.", antwortet er liebevoll. Seine Stimme klingt fest und sicher:
"Du bist meine geliebte Frau. Seit über 60 Jahren." Die Augen meiner Oma weiten sich überrascht, als sie versteht, dass er sich heute an sie erinnern kann. Zu ihr zurückgekehrt ist für ein paar viel zu kurze Momente.
"Und du bist mein Mann.", flüstert sie heiser, während sie sich in seinen Arm schmiegt. In ihren Augen schimmern Tränen.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Von Tagebuchsachen

Vom Aufräumen

Vom Blowjob