Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom inneren Druck

Manchmal sehne ich mich nach einer Berührung. Der wohl intimsten Berührung, die es für mich gibt. Sie ist nicht sexueller Natur. Und trotzdem ist sie so viel bedeutsamer. Ich sehne mich nach jemanden, der sich vor mich setzt und seine Hände um meine Handgelenke legt. Der seine Daumen dorthin schiebt, wo man meinen Puls fühlen kann und sie unter leichten Druck dort ruhen lässt. Dabei nicht mit mir spricht, aber mir, indem er meinen Blick hält, das Gefühl vermittelt, dass alles gut ist. Und das es okay ist. Und dass es vorbei geht. Dass es manchmal nur darum geht, zu atmen und zwei, drei, vierhundertundfünf Momente vorbeiziehen zu lassen. Bis das Bedürfnis, körperlichen Schmerz zu fühlen, allmählich schwindet.

Manchmal jogge ich in diesen Momenten einfach los. Das hilft. Heute setze ich Musik dagegen. Das entpuppt sich nicht als die beste Wahl, weil ich irgendwann am frühen Abend ein paar alte Bands ausgrabe, die ich vor vielen Jahren in einer Phase, in der umgedrehte Kreuze und schwarze Kleidung einen großen Teil meines Lebens einnahmen, gehört habe - nicht gerade lebensbejahende Musik. Alles, wie immer, ganz okay, bis ich nicht mehr widerstehen kann und "12 Black Rainbows" von Type O Negative anschalte. Von da an geht es wie gewöhnlich abwärts. Von Sekunde zu Sekunde werde ich unsicherer, wie lange ich die Spannung in meinem Körperinneren noch aushalten kann.

Aber es geht schon.
Wenn ich die Kuppen von Zeigefinger und Daumen fest zusammendrücke, habe ich das Gefühl, ein bisschen besser atmen zu können. Einfach die Musik noch ein bisschen lauter drehen. Den Kopf frei pusten lassen.


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