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Von Entscheidungen

Eine Zeitlang war ich traurig. Ich habe mein Herz an die falschen Dinge - oder den falschen Mann - gehangen. Manchmal denke ich, wie ich gestehen muss, noch sehr wehmütig zurück. Aber ich kann es mittlerweile lächelnd tun. Auch wenn es ab und an noch zwickt.  Und nun? Nun haben sich die Dinge geändert. Ich habe mich für mich selbst entschieden, habe mich festgelegt und Entscheidungen, gleich mehrere, getroffen, die mich für den Rest meines Lebens begleiten werden. Das ist irgendwie verrückt, weil es so erwachsen ist Aber vor allem fühlt es sich gut an.  Mein Haus hat keine blauen Fensterläden mehr. Sie hätten nicht mehr gepasst, sondern nur von geplatzten Träumen erzählt. Stattdessen besteht es aus wunderbaren roten Backsteinen und jeder Menge Fenster. Durch den Garten toben Hasen und wilde Fasane. Ich glaube, ich habe mein Paradies gefunden. Zumindest aber einen Ort, der sich nach Glück und Ruhe anfühlt. Einen Ort, der mein Ort ist. Der Ort, den ich verdient habe. Zuhause. (Ich weiß n

Von Ostern. Und von Veränderungen.

Ich habe gerne einen Plan. Und richte mich nach diesem. Allerdings habe ich in den letzten Jahren, aufgrund einer sehr tiefgreifenden Veränderung in meinem Leben, gelernt, dass Pläne Schall und Rauch sind. Und das es wichtig ist, die Tage zu nehmen und zu genießen, wie sie kommen.  Auch mein Osterplan platzte. Der Plan von einem gemütlichen Frühstück mit einem Glas Sekt, gefärbten Eiern und ein paar freundlich angerichteten Leckereien. Stattdessen gab es ein spontanes Frühstück, nicht besonders liebevoll angerichtet, erst nach dem Frühstück haben wir Ostereier gefärbt und die tiefgreifendste (aber zweifellos beste) Veränderung meines Lebens hatte schlechte Laune. Es gab viele Aufstände, viele Tränen und zu guter Letzt knickt auch ich ein und ließ schließlich am Ende des Tages, im Dunkeln, alle Dämme einmal brechen. Ich vermisse meine Familie schon zu lange, finde Corona blöd und habe mich einfach, bis in die letzte Faser meines Körpers hinein, erschöpft gefühlt. Ostern war für die Tonn

Vom Unrecht

Ich unterhalte mich mit einem kleinen, mopsigen Jungen. Wir kennen uns nicht. Einfach so hat er mich angesprochen und mir, ganz stolz, sein neues Fahrrad gezeigt. Zwar haben seine Eltern nie Zeit für ihn, aber seit er das Fahrrad hat, kann er zumindest herumfahren. Und wenn seine Feinde ihm auflauern, kann er mit seinem Fahrrad flüchten. Falls er aber doch mal nicht entkommen kann, trägt er ein Seil mit sich. Das zeigt er mir. Es ist blau, mit einem Knoten, der sich selbst zuzieht. "Aber du weißt", frage ich vorsichtig, "dass das sehr gefährlich ist, oder?“ “Ja.", sagt er und nickt ernsthaft. "Ich will ja auch gefährlich sein." Ich muss schlucken. "Manchmal binde ich mich mit dem Seil aber auch am Bett fest. Vor allem Nachts, wenn die Stimmen mit mir reden." "Welche Stimmen denn? Die von deinen Eltern? Oder deinen Geschwistern?“ "Nein. Ich weiß nicht, was das für Stimmen sind. Die kommen aus der Wand." "Hast du Angst vor ihnen

Vom Tanzen

Als ich den Saal betrete, legt sich eine Gänsehaut auf meine Arme. Es ist lange her, das ich das letzte Mal getanzt habe. Die Sehnsucht kitzelt mich. Zu gerne würde ich tanzen können. Natürlich ohne zu üben. Prüfend sehe ich mich in der Spiegelfront an. Eine erwachsene Frau sieht zurück. Aber in dem Glitzern ihrer Augen kann ich das Mädchen von früher noch erkennen.  Ganz automatisch greift meine Hand nach der Stange. Mein Rücken streckt sich. Probehalber spitze ich die Zehen. Mein Fuß schabt leise über das Parkett. Ganz behutsam. Die einzelnen Positionen. Immer die Stimme meiner Ballettlehrerin im Ohr: Kopf rein, Brust raus, Po anspannen! Fingerhaltung nicht vergessen. Demi-plié tiefer. Tiefer! Jeté. Erstaunlich, dass ich mich doch, nach so vielen Jahren, noch an so einige Einzelheiten erinnern kann, die darüber hinausgehen, dass meine Ballettlehrerin meinen Bauch dick fand. Und mich das in jeder einzelnen Stunde spüren ließ.  Plötzlich mutiger geworden, wage ich eine schüchterne Dreh

Von neuen Freunden

Im letzten Jahr habe ich mir neue Freunde gesucht. Ich habe, ganz plump, annonciert. Und Fremde angesprochen, die mir sympathisch schienen. Das hat recht gut geklappt. Ich zähle drei neue Mädels zu meinem Freundes- und Bekanntenkreis, mit denen ich regelmäßig etwas unternehme. Ich genieße den Kontakt und den Austausch sehr. Von Tag zu Tag fühle ich mich mehr angekommen. Plötzlich kann ich hier im Viertel über die Straße laufen und bin nicht mehr anonym. Weil ich plötzlich Menschen kenne, angesprochen werde. Die Gegend ist zu meinem Zuhause geworden. Trotzdem bleibt ein kleiner, schaler Nachgeschmack. Denn es ist immer so, dass ich mir die Menschen aussuche, deren Freundschaft ich gewinnen will. Ich gebe viel in diese Beziehungen hinein, fühle mich manchmal aufdringlich, ernte letztendlich jedoch reichlich. Nichtsdestotrotz würde ich gerne mal ausgesucht werden. Ich wünsche mir jemanden, der versucht, mich für sich zu gewinnen, der mir das Gefühl gibt, mich aus einer Gruppe von Menschen

Vom Glücklichsein

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Die Kerze wiegt sich leicht im Wind und ihr Licht flackert. Es bricht sich an dem grauen Tag. Die vielen verschiedenen Grautöne verschlucken jedes Geräusch. Und in mir ist es genauso still. Friedlich. Ich glaube, jetzt habe ich den Knoten in meinem Herzen entwirrt. Kann wieder sanft und nachsichtig sein. Trotzdem spüre ich, dass ich ein bisschen besser auf mein Herz aufpassen muss, denn es wird von Mal zu Mal schwieriger, die kleinen und großen Risse zu kitten, das Gefühl, nicht verstanden zu werden, wegzudrücken und mich wieder aufzurichten. Der Gedanke, dass die Zeit irgendwann nicht mehr ausreicht, um zu heilen, gruselt mich. Dieses Mal habe ich lange damit gehadert, nicht genug, nicht ausreichend, nicht allein zu sein. Doch das hatte auch etwas Gutes. So konnte ich lernen, die Augen zu öffnen und genauer hinzusehen. Menschen zu sehen, die schon längst da waren. Die mir lange viel zu nahe waren, als das ich sie bewusst hätte wahrnehmen können. Jetzt ist die Zeit, um glücklich zu sei

Von Tagebuchsachen

Heute hat meine Oma versucht, sich das Leben zu nehmen. Sie ist 95 Jahre alt und Ende des letzten Jahres auf eigenen Wunsch in ein Seniorenstift gezogen. Und dann kam Corona. Meine Oma war schon vor Corona sozial isoliert, weil sie kaum noch hören und sehen kann. Aber die zusätzlichen Kontaktbeschränkungen durch das Virus haben ihr sehr zugesetzt. Den Anruf, dass sie sich im Krankenhaus befindet, habe ich vor vier Stunden bekommen. Zuerst war ich erschrocken. Dann voller Mitgefühl. Ziemlich schnell kamen auch Schuldgefühle dazu, trotz regelmäßiger Telefonate und Briefe. Aber irgendwann hat eine Taubheit eingesetzt. Sie zieht sich durch alle meine Glieder, lässt einzig an meinen Rändern einen scharfen, wenngleich gedämpften Schmerz zu. Die Haut tut mir weh. Früher hätte ich in Momenten wie diesem für einen Ausgleichsschmerz gesorgt. Durch das zarte Streicheln einer Rasierklinge. Heute habe ich zuallererst das Bedürfnis, mich selbst fest in den Arm zu nehmen. Nur geht das eben nicht.