Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Pferdestehlen

Mitten in der Nacht vibriert mein Handy. Ich liege ohnehin wach, aber ob der Uhrzeit bin ich ein wenig verwirrt, sodass ich ziemlich neben mir selbst liegend mit der Hand nach dem Telefon angle und ein Auge gerade so weit öffne, dass ich die Helligkeit des Displays ertragen kann.
Es ist egal, wie viele Kilometer uns trennen, sein Gefühl für mich ist untrüglich. Beständig taucht er in den richtigen Momenten meines Lebens auf. In denen, in denen ich ihn brauche oder mir ein liebes Wort von ihm gut tut. Er ist annähernd der einzige Mensch auf der Welt, von dem ich mich traue, Hilfe anzunehmen. Und schon viel zu oft Hilfe angenommen habe. Er ist mein engster, treuester Freund seit vielen, vielen Jahren. Der Mensch, für den ich zweifellos barfuß über Scherben nach China laufen oder morden würde. Auf meine Füße könnte ich verzichten und die Leiche würden wir gemeinsam verscharren.

"Hallo tollste aller Frauen, wie geht es dir?", schreibt er, "Fühl dich sanft gedrückt. Ich liebe dich." Es ist drei Uhr morgens und für ein paar Momente schmunzle ich ziemlich grenzdebil in die Schwärze der Nacht hinein. Ich sehne mich auf die kleine, schmutzige Parkbank unserer Jugend zurück. Wie schön wäre es jetzt, sich in seinen Arm zu kuscheln, gemeinsam ein Tütchen zu rauchen und die Welt sich drehenzulassen. Mir ist vollkommen unklar, womit ich einen Menschen wie ihn, der die hellen und dunklen Momente des Lebens mit mir teilt, verdient habe. Aber ich bin unendlich dankbar dafür, dass er ein Teil meines Lebens ist. ❤

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