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Es werden Posts vom Juni, 2018 angezeigt.

Von der Gefühlsachterbahn

Es ist die Zeit der Oktoberfeste und auf einem solchen befinde ich mich schließlich am Samstagabend. Aus beruflichen Gründen. Der Brausepulvermann ist nicht anwesend. Und so gehe ich entspannt an diesen Abend heran, drehe mich in meinem Dirndl über die Tanzfläche und lasse mich, um meine Füße zu schonen, immer mal wieder von Gespräch zu Gespräch treiben.
"Wer ist eigentlich der Mann, der dich so scharf findet?", fragt eine Bekannte, "Zeigst du ihn mir?".
Als ich auf einen Mann, an einem der Tische in unserer näheren Umgebung, deute, zieht sie die linke Augenbraue nach oben.
"Ernsthaft?!", fragt sie, "Dem ist aber schon klar, dass er so gar nicht in deiner Liga spielt, oder?"
"Bitte?", frage ich verblüfft.
"Na ja. Der ist ungefähr 15 Jahre älter als du und... nicht dünn. Und er bekommt graue Haare!"
Ich schweige. Mir gefällt nicht, was sie sagt. Weil ich Laurenz mag. Ihn und seine Augen. Die mir so viel mehr über ihn verraten, …

Von alten Zeichnungen

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Heute, beim Aufräumen, bin ich über eine Menge alter Zeichnungen gestolpert. Versteckt in alten Uniunterlagen. Und weil ich gerade noch dabei bin, Worte für den nächsten Post zu sammeln, überbrücke ich die Zeit bis zum nächsten Post mit alten Bildern...














Von der Glaskugel

„Ich lebe in einer engen Welt der alten Wörter, dachte er, es gibt keine neuen. Selbst die neuen Dinge benennen wir mit alten Wörtern. Und für die Dinge, nach denen man sich sehnt, findet man keine. Wenn man die Sehnsüchte benennen könnte wie die tausend Düfte der Tees...“
(Ewald Arenz: Der Teezauberer)

Muschelmädchen ist ein aufgewecktes Kind. Das ihr der Schalk im Nacken sitzt, ist kaum zu übersehen. Die blonden Haare stehen wirr in alle Richtungen ab, tausende kleiner Sommersprossen sammeln sich auf ihrer Nase und beginnen zu tanzen, wenn sie lacht. Sie ist fröhlich und frech, lässt sich schnell von den Dingen begeistern, die die Welt zu bieten hat, und hinterfragt annähernd alles. Die Liebe zur Sprache lernt sie schon früh. Oma und Opa sind Lehrer, sie schenken ihr ihr erstes eigenes Balladenbuch und noch bevor sie eingeschult wird, kann sie lesen. Sie liest annähernd alles, was ihr in die Finger gerät: Zuerst wahllos Pferdebücher wie Bille und Zottel, dann Die rote Z…

Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Erkenntnissen

Es fällt mir schwer, Worte zu finden. Und es fällt mir gerade ziemlich schwer, hier meine Seele auf den Tisch zu legen. So ganz kann ich es auch noch nicht. Zuerst muss ich noch zwei Dinge in der echten Welt dort draußen klären. Aber das mache ich erst dann, wenn ich nicht mehr so unfassbar wütend bin, dass ich das Gefühl habe, aus den Ohren zu rauchen. Sondern ruhige, liebevolle Worte finden kann.
So gibt es hier vorerst nur ein paar Erkenntnisse. Aus den letzten zweieinhalb Wochen.

Ich habe ziemlich liebe Kollegen. Das ist mir in letzter Zeit gleich zweimal klar geworden. Und besonders, als ich einen Zusammenbruch im Büro hingelegt habe.Für gewöhnlich gehe ich erst dann zum Arzt, wenn ich kurz davor bin, ein Gliedmaß zu verlieren. Denn meine Ärztephobie habe ich mir über Jahre liebevoll antrainiert. Sie hat sich seither auch kein bisschen verbessert. Vielleicht sogar eher verschlechtert. Das zumindest zeigt mein Blutdruck, wenn er vor Ort gemessen wird. Denn direkt in der Arztpraxis …

Vom Stillsein

"Ich habe auf einen Sturm gewartet, der mich retten und fortreißen müßte; doch nun ist es leise gekommen, ohne daß ich es gefühlt habe. Aber es ist da. Während ich verzweifelte und alles verloren glaubte, wuchs es still heran. Ich glaubte, Abschied sei immer ein Ende. Heute weiß ich: Auch Wachsen ist Abschied. Auch Wachsen heißt Verlassen. Und es gibt kein Ende."

(Erich Maria Remarque: Der Weg zurück)

Von Dingen

Es heißt, dass es Dinge gibt, die das Leben von Grund auf ändern. Hätte ich diesen Satz vor kurzem gelesen, hätte ich ihn als übertrieben und pseudo-dramatisch empfunden. Seit Sonntag weiß ich es aber besser. Es gibt Dinge, die das ganze Leben ändern. Ganz ohne unnötige Dramatik und Übersteigerung.
Was ich jetzt bräuchte ist Zeit für mich. Um mich zu sortieren, meine Gedanken und Gefühle in Form zu bringen, um zu realisieren. Aber stattdessen schneidet sich einer meiner Mitarbeiter die Pulsadern auf. Während der Arbeitszeit. Absichtlich. Und so tobe ich mich zusammen mit Notarzt, Polizei, Chirurg und sozialpsychiatrischem Dienst durch den Tag. Bis ich abends ziemlich erschöpft auf dem Sofa lande. Und Curry beim Lieferservice bestelle. Bevor mir wahrscheinlich in circa sieben Minuten die Augen zufallen.

Von der verlorenen Nacht

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"Can anybody see me?
Can anybody help?"

(Sia - I´m in here) 
Es ist mitten in der Nacht, als ich aufwache und nicht mehr einschlafen kann. Ich versuche, das Gedankenkarussell loszuwerden, aber habe keine Chance. Zu sehr tobt sich der vergangene Abend durch meinen Kopf. Zu laut, zu intensiv, zu verzweifelt.

Es ist - für meine Verhältnisse - schon relativ spät, als gestern Abend das Rufbereitschaftstelefon klingelt. Am Apparat ist eine Mitarbeiterin von mir. Sie weint heftig und vor lauter Schluchzen kann ich kaum verstehen, was sie mir erzählen will. Zumal wir uns auf englisch unterhalten. In der Regel verstehe ich englisch ziemlich gut. Besser als ich letztendlich spreche. Aber dieses Mal fällt mir das Verstehen schwer. Weil die Mitarbeiterin immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Alles, was ich wieder und wieder aus ihrer Erzählung rausfiltern kann, ist das Wort "Polizei". Und das sie morgen nicht arbeiten gehen kann. Ich habe keine Ahnung, was passiert is…