Von der Gefühlsachterbahn

Es ist die Zeit der Oktoberfeste und auf einem solchen befinde ich mich schließlich am Samstagabend. Aus beruflichen Gründen. Der Brausepulvermann ist nicht anwesend. Und so gehe ich entspannt an diesen Abend heran, drehe mich in meinem Dirndl über die Tanzfläche und lasse mich, um meine Füße zu schonen, immer mal wieder von Gespräch zu Gespräch treiben.
"Wer ist eigentlich der Mann, der dich so scharf findet?", fragt eine Bekannte, "Zeigst du ihn mir?".
Als ich auf einen Mann, an einem der Tische in unserer näheren Umgebung, deute, zieht sie die linke Augenbraue nach oben.
"Ernsthaft?!", fragt sie, "Dem ist aber schon klar, dass er so gar nicht in deiner Liga spielt, oder?"
"Bitte?", frage ich verblüfft.
"Na ja. Der ist ungefähr 15 Jahre älter als du und... nicht dünn. Und er bekommt graue Haare!"
Ich schweige. Mir gefällt nicht, was sie sagt. Weil ich Laurenz mag. Ihn und seine Augen. Die mir so viel mehr über ihn verraten, …

Von der Aussprache

Erst zwei Stunden nach dem Gespräch begreife ich, dass ich seit Jahren täglichen Umgang mit jemandem pflege, der mir Angst machen sollte. Und obwohl ich der größte Feigling der Welt bin, obwohl absolut alles es vermag, mir Angst einzujagen, empfinde ich ausgrechnet diesem Menschen gegenüber keine Furcht. Die Auflistung der Straftaten ist ein paar Seiten lang. Und es ist keine einzige Banalität darauf zu finden. Dennoch spüre ich eine Art Gottvertrauen: Ich fühle mich aufgehoben bei ihm. Das Gefühl, dass ich ihn um Hilfe bitten könnte, wenn ich sie bräuchte, vermittelt mir Sicherheit. Auch wenn ich niemals - nie - in dieser Art und Weise Schulden machen würde. Und überhaupt kein Freund von Angst, Vergeltung oder Gewalt bin. Ich vertraue auf seine Loyalität. Heute versichert er sie mir.
"Ich bin loyal.", sagt er, "Ich mag dich."
Seine Worte überraschen mich nicht.

Später ruft er noch einmal an. Er scheint ein feines Gespür für das zu haben, was mich ängstigt. Er versichert mir, dass alles, was ich ihm anvertraue, bei ihm bleibt. Ich habe das Gefühl, dass er versucht, mir die Angst vor sich zu nehmen. Dabei habe ich keine Angst. Einzig das Wissen darum, dass ich der Grund dafür bin, dass einem anderen Mensch kein ernsthafes Leid zugefügt wird, bereitet mir Sorge. Diese Verantwortung möchte ich nicht tragen.
Was ist, wenn ich nicht bleibe und damit meine Stelle als Puffer zwischen ihm und diesem anderen Menschen aufgebe?

Ich weiß jetzt, dass ich ihn mir niemals in meinem Leben zum Feind machen darf.
"Wir beide", sagt er, "Wir werden nie ein Problem mit einander haben. Alles ist gut."

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