Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Bodensatz

In meinem Beruf erfahre ich sehr viel menschliche Härte. Ich lerne die Menschen kennen, die am absoluten Rand der Gesellschaft stehen. Unsere Gesellschaft hat einen Bodensatz, wenn man es grob formulieren möchte. Den hatte ich hier mal beschrieben: Bodensatz

Ich beginne, eine ziemliche Wut auf das System zu entwickeln, in dem wir leben. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass ich das Gefühl nicht loswerde, dass man vor diesem Teil der Gesellschaft einfach die Augen verschließt, immer in der Hoffnung, dass der Mob schon nicht auf die Idee kommen wird, zu den Mistgabeln zu greifen. Obwohl ich diese Menschen wieder und wieder versuche aufzufangen, ihnen Sinnhaftigkeit und eine neue Richtung versuche zu geben, fühle ich mich so hilflos in Anbetracht der finanziellen, materiellen, geistigen und menschlichen Armut mit der ich konfrontiert werde. Der Kampf, den ich in meinem Beruf führe, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Und er macht mich an vielen Tagen einfach nur müde, weil ich nicht frustrationstolerant genug bin und zu viel Herz in die Dinge lege, die ich tue. Ich wünsche mir oft einen anderen Job. Einen Job, in dem ich mich nicht mit den kleinen und großen Sorgen anderer Menschen beschäftigen muss, sondern einfach nur meine Aufgaben "abarbeiten" und danach nach Hause gehen und mich mit Banalitäten beschäftigen kann. Aber auf der anderen Seite kann ich mir häufig ebenso wenig vorstellen, etwas anderes zu tun. Denn wenn ich mir vorstelle, einem anderen Beruf nachzugehen, beschleicht mich das Gefühl, einer von denen zu werden, die weggucken. Das möchte ich nicht. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder werde weggucken können.

Warum gehen wir nicht ein bisschen Sand ins Getriebe der Gesellschaft streuen?
Warum werfen wir keine Steine?

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