Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von den Sonntagsgedanken

 (1)

Am Samstag habe ich Lust, mich mal wieder ans Klavier zu setzen. Nur steht mein Klavier an einem anderen Ort. Und ich finde das Netzteil für das Keyboard partout nicht. Trotzdem spüre ich, dass ich irgendetwas kreatives tun muss, um meine Gedanken zu sortieren. Also greife ich nach langer Zeit mal wieder zu Papier und Bleistift und merke dabei, dass meine Finger richtig eingerostet sind. Es ist schon einige Monate her, dass ich das letzte Mal versucht habe, etwas Sinnvolles zu Papier zu bringen. Wie auch beim letzten Mal, schaffe ich es innerhalb von 15 bis 20 Minuten, mich so richtig schön selbst zu frustrieren. Also fliegt der Stift kurzerhand wieder in die Ecke und das Papier folgt auf dem Fuße. Denn das Problem ist: Ich möchte Zeichen nicht lernen. Stattdessen will ich es einfach können. Ich bin zu perfektionistisch für dieses Hobby. Die Bilder nicht exakt so hinzubekommen, wie ich sie mir in meinem Kopf vorstelle, macht mich einfach nur wahnsinnig.

(Zeichnung, 22.07.17)

Ich beschließe also, lieber online Kunst zu shoppen. Und das wiederrum gelingt mir super: Ich stolpere über einen Druck, in den ich mich sofort verliebe. Er zeigt eine Frau, die ein wenig altertümlich gekleidet ist. Auf ihrer Brust, an der Stelle, wo sich ihr Herz befinden sollte, befindet sich eine zierliche, runde Tür. Die Frau öffnet diese Tür behutsam mit ihren Fingerspitzen. Aus der Öffnung der Tür heraus flattern 24 blaue Schmetterlinge. Öffne dein Herz - so oder so ähnlich ist der Druck benannt. Und er erinnert mich an jemanden, den ich sehr gerne mag.
Ich glaube, mein Kunstgeschmack ist fürchterlich kitschig. Das würde wohl auch der Druck bezeugen, der auf meinem Schrank steht und einen Gartenzwerg zeigt, der auf einem Hirsch reitet. Ich glaube, ich bin ein wenig seltsam. Wenn das mit dem Alter noch schlimmer wird, werde ich vermutlich eine ziemlich verschrobene, dicke, alte Katzendame.

(2)

"Ich weiß, dass ich dich sehr verletzt habe, mit meiner Bitte, es zu beenden. Im Nachhinein ist mir das klar geworden. Das war wohl sowas wie die Verletzung aller Verletzungen."

(E-Mail, 22.07.2017)

Obwohl die unfreundliche E-Mail, die ich am Samstagmorgen schreibe, lediglich dazu dient, meine Grenzen festzuzurren, ich keinerlei persönliche Details aufgreife, sondern lediglich um Konsequenz bitte und darum, meinen Namen aus dem gemeinsamen Projekt zu entfernen, trudeln nur kurze Zeit später zwei weitere E-Mails ein. Und ich lese sie. Obwohl ich gar nicht so genau weiß, warum ich das tue. Irgendwie kann ich es nicht kontrollieren. Miss-Selbstdisziplin höchstpersönlich ist überfordert. Außer Kontrolle.

Er schreibt, dass es ihm bewusst ist, dass er mich darum gebeten hat, mich nicht mehr bei ihm zu melden, sondern konsequent jeglichen Kontakt zu vermeiden, damit es ihm wieder besser geht. Aber dass es ihm nicht besser geht, seitdem ich weg bin bin, sondern er sich noch nie so einsam gefühlt hat. Unglücklich. Scheiße. Und sein Leben aus den Fugen geraten ist. Dass ich für ihn nicht aus seinem Leben verschwunden bin, sondern wir uns lediglich nicht mehr mit einander unterhalten. Er weiß, wie sehr er mich verletzt hat. Und dass er nicht einfach weitermachen kann, ohne zu wissen, ob es mir gut geht. Er spricht meinen Hang zur Selbstverletzung an. Fragt, ob ich das alles aushalte. Diese Kontaktlosigkeit zwischen uns. Was für mich gut wäre? Was ich brauche, um zufrieden und glücklich zu sein?
In einer zweiten E-Mail schiebt er nach, dass er mir vielleicht die selbe Konsequenz entgegenbringen könnte, die er von mir gefordert hat, wenn er wüsste, dass ich auf dem Weg dahin bin, glücklich zu werden. Dann könnte er vielleicht loslassen und wäre beruhigt.
Meinen Namen aus dem gemeinsamen Projekt hat er entfernt.

(An der Stelle wird es jetzt sehr persönlich und deshalb 
wechsle ich dafür heute mal die Plattform.)

Kommentare

  1. liebes muschelmädchen, die zeichnung ist wunderschön. ich habe vor jahren auch immer wieder frauen gezeichnet, es funktionierte quasi wie von allein...

    leider kann ich nicht weiterlesen, aber bis zu der stelle kann ich dir nur migeben, dass kommunikation das schlüsselwort ist, gepaart mit ehrlichkeit, auch wenn es manchmal weh tut...ich wünsche dir einen schönen sonntag..

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    1. Dankeschön. Aber irgendwann ging mir das Zeichnen schon mal besser von Hand...
      Der weibliche Körper ist einfach wunderbar ästhetisch, oder?

      Danke für deinen Rat.

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  2. Die Zeichnung gefällt mir.
    Und Zwischenmenschliches kann echt furchtbar sein.

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    1. Das ist schön...
      Und ja: Das stimmt. Dem Himmel sei Dank ist es das nicht immer.

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