Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Wiedererkennen

"Da habe ich begriffen, dass manche Momenente ewig andauern. Sogar, wenn sie vorbei sind, dauern sie noch an, sogar, wenn man tot und begraben ist dauern diese Momente noch an, vorwärts und rückwärts, bis ins Unendliche. Sie sind alles und überall gleichzeitig. Sie sind es, worauf es ankommt."

(Lauren Oliver : Before I fall) 




Um 16:55 Uhr, während ich noch auf Arbeit bin, klingelt mein Telefon. Beiläufig angle ich danach spüre regelrecht, wie mein Blick entgleist, als mir der Name des Anrufers ins Auge fällt: Es ist P. Und ich denke, dass das doch völlig verrückt ist und überhaupt nicht sein kann. Nicht jetzt und nicht heute. Besonders nicht, weil ich gestern diesen Blogpost über P. geschrieben habe und dabei so unglaublich traurig geworden bin. Und das Telefon klingelt und meine Hände zittern und ich starre auf den Absender, bis das Handy schließlich verstummt. "Entschuldige bitte.", flüstere ich leise in mich hinein. Es ist mir so unverständlich, warum er das tut. Mich anruft. An mir festhält. Seit vier langen Jahren. Ohne eine Reaktion zu erhalten.

Und dann kommt alles ganz anders:
Abends, als ich schon lange wieder Zuhause bin, tue ich etwas, was ganz typisch für mich ist. Ohne darüber nachzudenken folge ich einem Impuls, greife nach meinem Telefon und wähle seine Nummer. Erst während es schon klingelt, komme ich auf die Idee, mich zu fragen, ob das, was ich hier tue, wirklich richtig ist. Aber um darüber nachzudenken, bleibt mir keine Zeit. Er hebt ab, schweigt ein bis zwei Sekunden und sagt einfach:
"Hallo Muschelmädchen."
Mein Herz stolpert. Ich kann gar nichts sagen. Seine Stimme zaubert mir eine Gänsehaut, die sanft meinen Rücken hinabrollt. Ich schließe die Augen. Atme tief ein.
"Hallo", antworte ich schließlich.
Es ist unglaublich, wie einfach er es mir macht. Keine Vorwürfe, keine Fragen. Vier Jahre sind seit unserem letzten Telefonat vergangen. Und alles, was er tut, ist anzuknüpfen.
"Wie geht es dir?", fragt er sanft.
"Ich weiß nicht genau.", sage ich und höre, wie meine Stimme wackelt, "Ich rufe zu einem schlechten Zeitpunkt an, oder? Bei dir ist es laut. Sollen wir wieder auflegen?"
"Nein.", sagt er bestimmt. Plötzlich verstummt der Lärm im Hintergrund. "Ich habe Besuch. Meine Familie ist da.", erzählt er.
"Ich will nicht stören...", erwidere ich.
"Das tust du nicht.", ich kann das Lächeln in seiner Stimme hören, "Ich bin froh, dass du anrufst. Du bist wichtiger."
"Hast du vorhin aus einem bestimmten Grund angerufen?", frage ich zögernd.
"Nein.", sagt er, "Ich hatte vorhin so ein Gefühl, als sollte ich es mal wieder versuchen... Warum fragst du?"
"Weil das gruselig ist, dass du ausgerechnet heute angerufen hast.", antworte ich.
"Warum?"
"Ich habe gestern an dich gedacht. Und dich vermisst. So sehr, dass ich einen Text über dich geschrieben habe.", erzähle ich.
Seine Stimme ist ganz liebevoll, als er sagt:
"Wir können es noch immer, Muschelmädchen."
Ich nicke. Bis mir einen Moment später einfällt, dass er das ja gar nicht sehen kann.
"Ja.", sage ich.
Wir hatten immer ein gutes Gespür dafür, wie es dem anderem geht und was er gerade empfindet. Das hat schon damals zu zahlreichen, stundenlangen Telefonaten mitten in der Nacht geführt. Jedes einzelne davon begann mit den Worten "Ich hatte so ein Gefühl als würdest du mich brauchen...".

Und dann telefonieren wir anderthalb Stunden. Es ist, als hätten wir gestern das letzte Mal mit einander gesprochen. Gar nichts hat sich zwischen uns verändert. Wir sind ein eingespieltes Team, Wort fügt sich an Wort, einer ergänzt den anderen. Noch immer ist er so verrückt und liebenswert wie eh und je. Und er interessiert sich für mich. Ganz behutsam stellt er mir seine Fragen. Und taut mit seinen Worten vorsichtig das Eis in mir.
Am Ende unsere Telefonates frage ich ihn nach einer Leseempfehlung. Er empfiehlt mir Pippi Langstrumpf. Ich muss lächeln. Weil mir so warm ums Herz wird. Und ich spüren kann, wie weit mein Vermissen wirklich reicht. In all seinen Worten erkenne ich ihn wieder. Weiß, wer er ist.
"Hören wir uns wieder, Muschelmädchen?", fragt er, bevor wir auflegen.
Ich zögere.
"Vielleicht haben wir einen Anfang gemacht...", antworte ich schließlich vage.

Trotzdem spüre ich, wie der Zweifel in mir hochkriecht, nachdem wir uns von einander verabschiedet haben. Aber ich habe das getan, was ich wollte. In diesem einen Moment, der sich angefühlt hat wie eine kleine Ewigkeit, habe ich genau das getan, was ich wollte.


Kommentare

  1. Ich bin gespannt, wie es weitergeht.

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    1. Oh, das bin ich auch. Wirklich. Vor allem bin ich gespannt, ob es überhaupt weitergeht. Ich sollte mir vielleicht angewöhnen vor dem Handeln auch mal zu Denken...
      Ich wünsche ein schönes Wochenende, DrSchwein.

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    2. Danke sehr, wünsche auch ein schönes Wochenende.

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