Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Auslöser

(Post über Missbrauch. Zur Vorwarnung)



"Sie bleibt am liebsten für sich allein,
betet zu Gott und wünscht sich dabei,
dass der böse Wolf niemals wieder kommt
und mit festem Griff um ihren Hals verlangt,
dass sie keinem ein Sterbenswörtchen sagt,
weil er sie dafür sonst fürchterlich bestraft..."

(DTH: Böser Wolf)

Am frühen Morgen verwickle ich mich in ein Gespräch mit einer jungen Mitarbeiterin, das eine recht unerwartete Wendung nimmt: Sie erzählt mir von ihrem Leben. Unter anderem vertraut sie mir an, dass sie als Kleinkind, im Alter von 2 Jahren, von einem fremden Mann entführt und vergewaltigt wurde. Ich lasse sie erzählen, die ganze Geschichte, mit all ihren Details, bis sie irgendwann, mit Tränen in den Augen, innehält und schweigt. Ich kann ihre Verunsicherung fast körperlich spüren. Als ich ihren Blick auffange, sehe ich das Erstaunen, das in ihrem Blick schimmert. Es ist nicht schwer zu erahnen, dass sie mir all das gar nicht erzählen wollte. Also tue ich das, was ich immer tue, wenn ich jemandem eine Angst nehmen will. Ich ziehe nach und erzähle ihr von mir. Von dem Missbrauch, den ich an mir erlebt habe. Dabei fühle ich, wie sie allmählich zur Ruhe kommt.

Allerdings wühlt mich dieses Gespräch auf, viel mehr als sie es mir letztendlich anmerkt. Der Tag färbt sich langsam unter dem Eindruck der gesprochenen Worte. Passend zu dem Wetter vor dem Fenster. Grauschwarzregnerischdunkeltrüb. All die Stunden über, die ich auf Arbeit verbringe, versuche ich mich immer mal wieder an das zu erinnern, was mir passiert ist. Aber immer an den gleichen Stellen gerate ich ins Stocken:
Ich erinnere mich an eine Fahrt aufs Land hinaus. In einem dieser grauen Brandenburg-Dörfer beziehen wir ein Pensionszimmer. Linoleumboden, kleiner Plastiktisch, Plastikstühle, vergilbte Spitzengardinen. Doppelbett. Ich liege lesend im Bett, er sitzt am Tisch. Und obwohl ich nur ein Kind bin, spüre ich, dass er unglücklich ist. Um uns herum stehen Bierflaschen. Schnaps. Ein voller Aschenbecher.
In der Nacht, als er anfängt, mich zu berühren, ist er ganz sanft.
Ich weiß, auch in meinem Alter, ganz genau, dass das, was hier passiert, falsch ist. Aber ich kann nicht gegen die Hand, die furchtbar genau weiß, was sie will, ankämpfen, gegen diesen schweren Körper, der mir den Atem nimmt. Hilflosigkeit krabbelt in mir hoch, macht mir Angst und beschleunigt den Herzschlag. Ich zittere. Alles, was ich tue, ist so weit wegzurutschen, wie es ein kleines Ehebett eben zulässt. Bis ich nicht mehr zurückweichen kann. Und still ausharre. Das Gefühl, das mich überflutet, ist Wehrlosigkeit in Perfektion.

Dann wird es dunkel in meinem Kopf und die Erinnerungen an diesen Abend versiegen.
Und ich frage mich, wo sie hin sind, die Tage, die wir dort verbracht haben. Was passiert ist. Was er gemacht hat. Was ich gemacht habe.
Welche Erinnerungen sind es, die mir fehlen?
Ich suche in mir nach Bildern, grabe nach Anhaltspunkten, wiederhole die Sequenzen wieder und wieder. Aber ich finde: Gar nichts. Keine Bilder, keinen Geruch, nicht einmal eine Ahnung von dem, was geschehen sein könnte. Mein Kopf ist absolut leer. Als hätte es die Tage darauf niemals gegeben.

Manchmal, wenn ich ängstlich genug bin, kann ich noch immer seine Hand zwischen meinen Beinen spüren. Dann frage ich mich oft, ob ich vielleicht, irgendwann in zwanzig Jahren, eine dieser Frauen werde, bei denen die Erinnerung an diese Tage plötzlich wieder auftaucht und die so spät anfängt, mit den Folgen dieses Erlebnisses zu kämpfen. Der Gedanke macht mir Angst. Denn ich will das nicht und eigentlich geht es mir gut. Auch wenn auch ich niemals ein Sterbenswörtchen gesagt habe. Aber ich bin ja noch da und am Leben.

Kommentare

  1. ich habe auch nie etwas gesagt. ich glaube der übelste auslöser dieser erinnerung brach bei mir mit anfang 30 durch. magersucht (bei 1,78 wog ich noch 50kg), danach kam eine zeit in der ich meinen körper nicht mehr spürte und fing an zu ritzen. heute bin ich froh, dass ich das irgendwie alles hinter mir gelassen habe. vielleicht, weil ich es ausgelebt habe. keine ahnung. solange du damit klar kommst, ist alles ok. wenn es jedoch für dich nicht mehr ok ist, dann vielleicht professionelle hilfe suchen. aber es ist müssig. ich habe das auch nie gemacht. und wenn du einfach mal von der seele schreiben willst, dann schreib mir, wenn du magst. ich gebe dir dann meine mail. immerhin habe ich schon fast 20 jahre mehr an erfahrung. ;-)

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    1. Du bist so lieb. Vielleicht komme ich auf dein Angebot zurück...
      Dass du diese Zeit für dich verarbeitet und damit abgeschlossen hast, macht mir Mut. Und Mut kann ich gerade gut gebrauchen. Dankeschön!

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  2. Mein inneres Kind friert in Gegenwart von alkoholisierten Männern ein. Zumindest dann, wenn sie nicht "nett angeheitert" sind, sondern in Richtung Aggression kippen. Habe mir demzufolge einen Partner gesucht, der mit Alkohol nicht viel am Hut hat und kam mir dabei sehr klug vor. Vor nicht allzu langer Zeit ging mir das Licht auf, dass sich die immergleiche Geschichte auch hervorragend ohne Alkohol nachspielen lässt. Nun ja. Jetzt stehe ich nicht mehr auf meinem selbst errichteten "ich bin ja so klug"-Sockel und nehme erstaunt zur Kenntnis, welch merkwürdige Blüten Selbsthass treiben kann. Ich "ritze" gewissermaßen innerlich (wenn man das so sagen kann). Unsichtbar, aber gründlich.

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    1. Dieses Einfrieren des inneren Kindes kann ich sehr gut nachempfinden. Genauso wie die nicht körperliche Selbstverletzung. Darin bin auch ich Profi... Vermutlich besteht der erste Schritt darin, diese merkwürdigen Blüten des Selbsthasses zu erkennen. Und wenn man dann die eigenen Verhaltensmuster durchschaut hat, kann man wenigstens versuchen, sie aufzubrechen.
      Nichtsdestotrotz klingt das nicht, als ob es dir gut geht...
      Kann ich dir etwas Gutes tun?
      (Okay - das ist jetzt echt merkwürdig, dass einer unbekannten Person zu schreiben, oder? Aber... egal. Sag mal. :-))

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    2. [Das ist nicht merkwürdig. Ich kenne diesen Impuls. ;)) Und ich danke dir wirklich ganz herzlich für dein Angebot. Aber bisher gilt: Unkraut vergeht nicht. Es lässt nur mal kurz den Kopf hängen. ;)]

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    3. [Das ist ein wenig gruslig, denn du benutzt exakt die Antwort, die ich auf meinen eigenen Kommentar gegeben hätte. ... ]

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    4. [Herrlich. Das Unkraut muss gerade laut lachen. 😂]

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