Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von der Abnutzung

"Jedes Kind unter sieben beherrscht die Was-wenn-Sprache fließend. Was, wenn jetzt eine giftige Spinne aus dem Loch da über Deinem Kopf gekrochen kommt und dich in den Hals beißt? Was, wenn das einzig wirksame Gegengift in einem Tresor ganz oben auf einem Berggipfel liegt? Was, wenn Du den Biß überlebst, aber nur noch die Augenlider bewegen kannst und das Alphabet blinzeln mußt? Wie weit Du gehst, ist eigentlich egal. Wichtig ist, daß es eine Welt voller Möglichkeiten ist."

(Jodi Picoult: Beim Leben meiner Schwester)

Als ich mit dem Auto nach Hause fahre, höre ich ein Lied aus "Der Traumzauberbaum" von Reinhard Lakomy. Unwillkürlich muss ich lächeln. Ich erinnere mich daran, wie mich meine Mama, als ich noch ganz klein war, jeden Morgen geweckt hat, indem sie das "Küsschenlied" gesungen hat. Dabei hat sie mich sanft am großen Zeh gekitzelt, bis ich langsam wach wurde.
Wie leicht das Leben doch in diesem Alter war. Ich war die berühmteste Forscherin, die beste Rennfahrerin, die größte Abenteurerin. Rätsel habe ich gelöst, Schätze habe ich gefunden und Wunder gesehen. Dabei konnte ich am Abend schon wieder die kribbelige Vorfreude auf den nächsten Tag in meinem Bauch blubbern spüren. Ich war so neugierig und voller Tatendrang. Und so unglaublich unschuldig.

Auch heute bin ich noch verliebt in das Leben. Aber ich spüre eine gewisse Abnutzung. Ecken und Kanten habe ich mir abgestoßen, alles, was anders war, wurde gesellschaftsfähig zurechgestutzt und mittlerweile ist mir bewusst, dass ich von Unbeteiligten komisch angesehen werde, wenn ich Selbstgespräche mit mir führe und meinem Bauchgefühl folge, indem ich mich auf dem Gehweg tanzend einmal um die eigene Achse drehe. Noch immer löse ich täglich Rätsel, finde Schätze und sehe Wunder. Aber während ich mit der Zeit erwachsener, größer geworden bin, hat sich die Welt verkleinert. Von Tag zu Tag muss ich genauer hinsehen, um all die Möglichkeiten, die sie bietet, erkennen zu können.


Kommentare

  1. wenn ihr einfach nicht erwachsen werden wollt....;-)
    aber das kommt...mit der zeit....versprochen...

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    1. Zwangsläufig kommt das, ja.
      Um mal ganz ehrlich zu sein: Ich glaube, ich bin erwachsen.
      Was ich aber keineswegs verlieren möchte, ist der kindliche Blick für all die bunten Dinge in unserer Welt, die kindliche Begeisterungsfähigkeit, das Staunen ob der vielen kleinen und großen Wunder, die Fähigkeit einen Menschen vollkommen unvoreingenommen kennenzulernen, die Lebensfreude.
      Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, was ich mir mit dem Erwachsenwerden bewahren darf, dann wäre es das.

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  2. Ich kann Ihnen versprechen, dass die Welt wieder größer wird, bunter und aufregend. Wenn sich die Augen wieder angewöhnen, nicht nur gerade aus zu sehen

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    1. Das wäre sehr, sehr schön... Ich glaube, die Augen sind in dieser Hinsicht trainierbar. Im Laufe des Lebens - zwischen Job, Familie, Alltag - ist es mehr als leicht, den Blick für diese Dinge zu verlieren.
      Ihr Versprechen ist wunderbar...

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    2. Der Kommentar von Ms. Whimsy ist einer der bisher schönsten dieses Jahr.
      Finde ich.

      Und so wahr.

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