Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von der Betrügerin in mir

P., zu dem ich stets ein freundschaftliches Verhältnis genossen habe, hat irgendwann mal zu mir gesagt: "Du bist jemand, der niemals in seinem Leben alleine sein wird. Es wird immer einen Menschen geben, der dich liebt." Dieser Satz von ihm hat mir damals sehr zu denken gegeben. Ich habe ihn zergrübelt, bis mir keinerlei neue Gedanken mehr einfielen. Dabei habe ich mich stets hin- und hergerissen gefühlt zwischen dem leisen Wunsch, wirklich niemals vollkommen einsam sein zu müssen und dem Bedürfnis, ihn für diese kleine verbale Ohrfeige zur Rede zu stellen. Denn ich bin und war nie ein Mensch, der (um jeden Preis) geliebt werden muss. Selbst zu lieben - Menschen, Tiere, das Leben, die Farben - habe ich immer als viel wichtiger empfunden. Rückblickend vermute ich, war es das, was die Menschen in meiner Umgebung angezogen hat. Und Menschen gab es viele.

Manchmal, wenn der Tag sich dem Ende entgegen neigt und meine Kraftreserven verbraucht sind, habe ich Angst davor, eine Betrügerin zu sein. Ich bin mir oft nicht sicher, ob es nicht den einen oder anderen Menschen in meinem Leben gibt, der wesentlich mehr in mir sieht, als ich bin. Denn ich glaube, rein realistisch betrachtet, bin ich eigentlich ziemlich wenig. Also: Durchschnittlich. Normal. Nicht besonders hübsch, nicht besonders intelligent, nicht besonders. Ich kann auch nichts überdurchschnittlich gut. Viele Dinge habe ich mal ausprobiert - Stockkampf, Gleitschirmfliegen, Motocross, Improvisationstheater - , aber in keinem dieser Dinge habe ich je irgendeinen Anflug von Talent bewiesen. Zwar kann ich eine Handoberfräse bedienen, eine Wand mauern und tapezieren, aber bei jedem zehnten Nagel, den ich in die Wand schlage, rutsche ich trotzdem ab und haue mir mit den Hammer auf den Daumen. Und ich frage mich Tag für Tag, wann mal auffällt, wie unfähig ich eigentlich bin. Dass ich eigentlich die ganze Zeit nur hochstaple.
Vielleicht würde ich mich mehr wie ich selbst fühlen, wenn man mich endlich als Betrügerin entlarven würde. Oder ist das hier, dieser Text, schon ein Ausdruck dessen, was ich bin?
Ich habe keine Ahnung, wer hinter all diesen Worten steckt.


Kommentare

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    1. Es beruhigt mich, dass ich mit diesen Gedanken nicht alleine bin. Danke.

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  2. Mich hat es irgendwie beruhigt zu lesen, dass sogar Sheryl Sandberg in ihrem Buch von ähnlichen Gedanken berichtete. Glaube, sie nannte das Hochstapler-Syndrom und das ist wohl vor allem bei Frauen weit verbreitet. Schrieb sie zumindest. Seither nehme ich diese ständig wiederkehrenden Gedanken etwas gelassener hin. Etwas. ;)

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    1. Oh... Vielen lieben Dank für deinen Kommentar - ich werte das gleich mal als Empfehlung und gehe das dazugehörige Buch von Sheryl Sandberg suchen. Ich brauche unbedingt noch interessante Lektüre für den Urlaub. Und vermutlich würde es mir auch ganz gut tun, diese Gedanken etwas gelassener hinzunehmen.

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    2. Ich habe das Buch sehr gerne gelesen. Von daher: ja, Leseempfehlung. ;)

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    3. Welches war es denn genau? Es gibt mehrere... Für einen Tipp wäre ich dankbar! :-)

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    4. Schau mal nach "LEAN IN". ;)

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  3. ich denke, jeder hat solche gedanken im laufe seines lebens. wir werden einfach zu sehr darauf gedrillt uns selbst die ziele zu hoch zu stecken. wenn wir das nicht erreichen fühlen wir uns als versager. es gibt einen spruch: 100% sind in der realität niemals zu erreichen, egal um was es geht, eal wie sehr man sich anstrengt. also wenn man 85% erreicht hat, dann ist man verdammt gut, 70% sind völlig ausreichend. mir geht es jedenfalls besser mit erreichten 70%. ;-)

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    1. Stimmt. Die Devise ist Leistung: Höher, schneller, weiter. Vielleicht wird es Zeit, alles mal ein wenig zu entschleunigen. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich mich auch an 70% gewöhnen könnte...

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    2. Ein Vorstand von IBM Deutschland hat einmal rechnerisch begründet, warum es für jede Firma und jeden Menschen ein ineffektiver WAHNSINN ist, ein System / einen menschlichen Arbeitsplatz mit mehr als 85% Auslastung zu planen / anzusetzen.
      Es führt unausweichlich zu Verlusten.

      85% sind demnach nicht nur "verdammt gut", wie Würfelzucker sagt - es ist sogar das planbare Maximum.

      Ich selbst schaue immer, dass ich unter 80% Reaktorleistung bleibe.
      Es gibt immer wieder Phasen, in denen ich auf 110% gehen muss - und dann brauche ich die Reserven von vorher. Sonst bin ich dann nicht "gut".

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    3. Im Moment fühle ich mich wie einer dieser Verluste.

      Gut bin ich. Bin ich wirklich. Nur sicher nicht dauerhaft, wenn es so bleibt, wie es gerade ist.
      Es ist schön, dass du so gut auf dich aufpasst!

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