Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Wunsch nach Kompensation

Im letzten Jahr hatte ich die Polizei ziemlich oft im Büro. Dieses Jahr ist es andersherum und ich selbst bin es, die fast schon regelmäßig auf der Polizeiwache sitzt. Oder bei der Kripo. Und allmählich spüre ich, dass das anfängt, mir an die Substanz zu gehen. Die Themen, die besprochen werden, sind bunt: Menschenhandel, Freiheitsberaubung, räuberische Erpressung, Körperverletzung, Stalking, Beleidigung, Diebstahl, Hehlerei ... Ich habe zu großen Teilen Jura studiert, unter anderem Europäisches Recht. Darauf aufbauend habe ich bei meinem Zwischenjob in einer Anwaltskanzlei ziemlich viel Wissen anhäufen können. Vor allem in den Bereichen Strafrecht, Arbeitsrecht, Familien- und Sozialrecht. Dieses Jahr aber schult mich in rechtlicher Hinsicht nochmal ordentlich nach. Und außerdem lerne ich, dass es Frauen gibt, die ihre Knutschpartner verklagen, weil sie glauben, Küssen würde Schwangerschaften verursachen. Ein Hoch auf unsere geduldigen Polizisten. Die klären auch diese Fälle auf.

Ich bin davon überzeugt, dass man helfen muss, wenn man Elend sieht oder bemerkt, dass jemandem Unrecht widerfährt. Dass es wichtig ist, etwas Gutes zu bewirken und sich sein Mitgefühl zu bewahren. Aber mittlerweile verbringe ich wahnsinnig viel Zeit damit, diese Art von (Lebens-)Hilfe zu leisten. Nicht nur beruflich, sondern auch ehrenamtlich. Und die Wahrheit ist, dass mich all die Geschichten, die ich selbst erlebe oder die mir meine Mitarbeiter und Klienten anvertrauen, müde machen. An Tagen wie diesem bin ich mir nicht mehr sicher, ob es wirklich gut ist, so tiefen Einblick in menschliche Abgründe zu nehmen. Ich begegne Menschen, die sexuell missbraucht oder vergewaltigt wurden, Alkohol- und Tablettenabhängigen, Suizidgefährdeten, Menschen mit jeder Menge Autoaggression, Essgestörten, Leuten die hochverschuldet sind, ... Ich sehe die Narben und die frischen Schnitte, die blauen Augen, die geprellten Rippen, treffe die Betrunken, die Depressiven, die Menschen, die von Sorgen und Nöten so sehr geplagt sind, dass sie daran zu zerbrechen drohen. Und dann sind da die Täter. Denen ich nicht selten begegne. Ich hatte sie alle schon mal im Gespräch. Die Erpresser, die Pädophilen, die Mörder, die Schläger, die Zoophilisten, die Stalker, ...

Manchmal weiß ich nicht, was das mit mir macht. Denn ich glaube schon, dass mich all das verändert. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich meinen klaren Blick verliere und nicht mehr offen, vorurteilsfrei und mit der mir wohl recht eigenen Art von Ur- und Gottvertrauen auf einen fremden Menschen zutreten kann. An dem ich meinem Gegenüber nicht mehr zuallererst nur Gutes unterstelle.
Klar ist, dass ich das, was ich erlebe, auf irgendeine Art und Weise kompensieren muss. Dabei hilft mir, wenigstens zu einem kleinen Teil, das Bloggen. Allerdings sind viele Dinge zu sensibel, um sie (offen lesbar) in Worte zu fassen. Die Alternative zum Schreiben besteht in Gesprächen. Mit Freunden, Familie und Bekannten. Nur will niemand all diese Geschichten hören. Weil sie zu bedrückend sind. Und auch zu weit weg, wenn man sie nicht am eigenen Leib erfährt.

Vor ein paar Wochen habe ich im Supermarkt einen Mitarbeiter von mir getroffen. Ich war mit einer Freundin unterwegs. Also habe ich ihr den Mann gezeigt. Einen Menschen mit Migrationshintergrund, der wochenlang den gleichen schmuddeligen Jogginganzug trägt, aber von seinem gerade volljährigen Sohn jeden Tag mit einem 3er BMW zur Arbeit gefahren wird. Der 11 Stunden-Schichten buckelt, um die arbeitslose Familie über Wasser zu halten. Und sich nie etwas zu Essen oder zu Trinken zur Arbeit mitbringt, weil dafür das Geld einfach nicht reicht.
Meine Freundin spricht heute noch über den Tag, an dem sie diesen Mann das erste Mal sah. Sie hat mich völlig überrascht mit ihren großen Augen angesehen. "Solche Leute beschäftigst du?! Der Mann hat sich gerade einen Kippenstummel aus dem Mülleimer dort hinten gefischt und ihn sich angesteckt! Ich dachte, der wäre obdachlos...!"
Seitdem gibt es wenigstens einen Menschen, der ein kleines Gefühl für diesen Job hat.
Das reicht nur nicht. Es braucht ein paar mehr Menschen, die mit offenen Augen durch die Welt gehen.

Ich brauche jemanden, der den ganzen Dreck, diese ganzen menschlichen Abgründe wieder aus mir herausstreichelt. Und der die Kraft hat, mich darin zu bestärken, dass Menschen gut sind. Ich brauche Umarmungen. Oder so einen Umarmungroboter. Aus Japan.
Irgendeine Art von Kompensation.



Kommentare

  1. Das hört sich alles nicht wirklich gut an. Kann Dich leider nur virtuell "umärmeln". Ein Ohr leihen scheitert an der Entfernung ...

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    1. "Umärmeln"? Das ist aber ein tolles Wort...! Das stibitze ich bestimmt mal bei Gelegenheit, sofern ich darf. Und du leihst mir ja schon deine Beine - hab keine Sorge, da werde ich nicht noch dein Ohr fordern. Das wäre ja sonst frech von mir. ;-)
      Das virtuelle umärmeln ist trotzdem schön. Danke!

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  2. Antworten
    1. Danke, liebe Würfelzucker!
      Das ist ein schöner Gedanke.

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  3. Ja, bloggen hilft. Weil es Böses, Gutes, Schlechtes und Wunderbares zumindest in Worte fasst. Es damit fassbarer, beherrschbarer und kategorisierbar macht. Und das hilft, weil man nicht mehr ganz so hilflos davor steht.
    Und Du hast hier Zuhörer, die auch Deine Herztöne dazwischen lesen und verstehen

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    1. Stimmt. Bloggen leert den Kopf.
      Jemand hat hier mal in einem Kommentar geschrieben, dass man sich seine Leser nicht aussucht, aber das man hoffen kann, von den richtigen Lesern gefunden zu werden. Das ist ein Satz, der sich viel in mir bewegt, seitdem ich ihn gelesen habe.
      Deshalb lass dir sagen, dass es schön ist, dass du hier bist. Wirklich.

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  4. Irgendwie scheint heute die direkte Antwortfunktion nicht zu funktionieren. Nicht wundern, wenn meine Antwort unten, anstatt direkt unter Deiner Antwort vom 29.11./21:20 steht ...

    Selbstverfreilich darfst "Umärmeln" nutzen. :-) Ist ja auch nicht auf meinem Mist gewachsen ...
    Ein schönes Wort, fast so schön wie "Umärmeln" selbst.

    Und mein Ohr hast Du. Überleg´ Dir, wie und wann Du es nutzen willst!

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    1. Oh. Das klingt wie ein ernsthaftes Angebot?
      Das ist toll.

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    2. Natürlich ist das Angebot ernsthaft. Sonst würde ich es nicht machen.
      Also: Zier` Dich nicht!

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