Von 33 Fragen an Frauen / 1-11

Zurzeit mag ich keine Freitexte schreiben. Aber das macht ja nichts, weil das Internet ein stetiger Quell der Freude ist. So bin ich über einen (wenig anspruchsvollen) Artikel in der Welt gestoßen, in dem Männer Fragen an Frauen stellen, deren Antwort sie angeblich schon immer mal interessiert hat. Weil ich gerade selbst dabei bin eine Liste von Mädchenfragen zu erstellen, die ich Männern schon immer mal stellen wollte, nutze ich die Gelengeheit und hangle mich mal durch den Wust an mehr oder minder seltsamen Fragen.

Quelle: 33 Dinge, die Männer gern von Frauen wissen wollen, von welt.de
1. Sollen wir Euch auf der Straße ansprechen?

Ja. Ein paar alternative Vorschläge habe ich trotzdem noch:
in der Bahn (Bahngespräche können bezaubernd sein, wenn der Mann interessant ist. Und irgendwie sind sie wild romantisch, weil sie immer mit einem Abschied enden.)in einer Buchhandlung (Mein Favorit! Männer die lesen sind sehr attraktiv!)in einer Kneipe (Wobei es hierbei von Vorteil wäre, wenn du, …

Vom Muschelmädchen: U-Boot-Christin

Wenn ich an dich denke, dann sehe ich dich mit geschlossenen Augen an deinem Küchentisch im Obergeschoss sitzen, die Hände ordentlich zum Gebet gefaltet. Jedesmal, wenn ich zu dir komme, um mich in die Schule zu verabschieden und dir einen schönen Tag zu wünschen, zuckst du zusammen und erschreckst dich. Deshalb beginne ich irgendwann damit, mich während deiner Gebete still an den Türrahmen zu lehnen, dein Mienenspiel zu beobachten und dich einfach in Ruhe dein Morgengebet beenden zu lassen. Bis du die Augen öffnest.

An jedem einzelnen Tag laufe ich an deinem Steckkalender vorbei, der neben der Haustür hängt. Er ist ganz schwer und viele Jahre lang bin ich felsenfest davon überzeugt, dass er aus echtem Gold besteht. Mehr als das beeindruckt mich aber der Spruch, der mit zarten Lettern in den Kalender eingraviert ist: "Edel sei der Mensch, / hilfreich und gut! / Denn das allein / unterscheidet ihn / von allen Wesen, / die wir kennen." (Johann Wolfgang von Goethe) Diese Zeilen, die aus dem Gedicht "Das Göttliche" stammen, sind dein Leitspruch. Und mit den Jahren, die vergehen, werden sie auch zu meinem werden. Schon als Kind möchte ich sein, wie du längst bist. Denn du bist ein guter Mensch. Um ehrlich zu sein, kenne ich keinen besseren Menschen als dich. Du bist freundlich, liebevoll und großherzig. Sanft und nachsichtig. Selbst dann, wenn man es gar nicht verdient hat.

Eines Tages, als herauskommt, was ich lange zu verhindern wusste, nämlich das ich die Ersparnisse aus der Clown-Spardose meiner Mutter auf dem Schulhof verschenkt habe, rutscht meiner Mama die Hand aus. Wie so oft, entzieht sie sich danach einem Gespräch. Meine Entschuldigungen hört sie nicht und verweist mich stattdessen auf mein Zimmer. Das ist das Schlimmste. Wenn sie aufhört, mit mir zu reden und mich nicht mehr ansieht. Dann fühle ich mich verloren. Ungeliebt und unnütz. Das Glitzern in den Augen der Kinder, denen ich unzählige 5 Markstücke aus der Spardose geschenkt habe, tröstet mich nicht. Ihre Freude über meine Freigiebigkeit ist bereits verblasst. Längst nicht mehr als eine farblose Erinnerung.
Du aber kochst deine Hühnersuppe. Die Suppe, die gegen alles hilft. Mit einem Teller, der bis zum Rand gefüllt ist, schleichst du dich heimlich in mein Zimmer hinab, trommelst mit den Fingerspitzen leise an meine Tür und trittst ein. Als ich dich sehe, fange ich an zu weinen. Du stellst den Teller auf meinem Schreibtisch ab, legst leise deinen Zeigefinger auf deine Lippen und schließt mich in die Arme. "Alles wird gut.", sagst du. Und wiederholst es so lange, bis ich anfange, dir zu glauben.
Ich habe keine Ahnung, wie lange meine Mutter nicht mit mir spricht. Auf jeden Fall spüre ich ihren Widerwillen, sich mir zuzuwenden, wenn ich sie anspreche. Also lasse ich es irgendwann. Stattdessen fange ich an, mich im Unsichtbarsein zu üben. Und vielleicht ist das der Moment, in dem ich das erste Mal meine Hände falte und zu Gott bete, meine Mutter möge mir mein dummes Verhalten verzeihen.

Ich bin ein Kind und Gott ist für mich da. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann ich mich mit meinen Gedanken, meinen Sorgen und Nöten, die so lächerlich sein mögen, an ihn wenden. Wir führen lange Zwiegespräche. Ich spreche, er hört mir zu, lässt mich manchmal Antworten finden. Und während ich rede und rede und rede, ordnen sich meine Gedanken. Sich jemanden anzuvertrauen, ist ein gutes Gefühl. Die Gebete beruhigen mich, entschleunigen meinen Herzschlag und nehmen mir ein wenig der Angst, die ich vor der Welt habe, die dort draußen vor meinem Fenster tobt. Zudem fügen sich die Dinge, die ich erbitte, tatsächlich häufig zum Guten. Und das ist es, was meinen Glauben zweifellos stärkt.
Mit einem Lächeln auf den Lippen beobachtest du, wie ich mich den Nachbarskindern anschließe und sie Sonntagmorgen, pünktlich um 9:30 Uhr, in die Sonntagsmesse begleite. Als ich das erste Mal von dort zurückkomme, nimmst du mich hinterher beiseite. Du spürst, dass etwas nicht stimmt. Also erzähle ich dir davon, wie sich der Sohn unserer Nachbarin beim Beten des "Vaterunser" über mich lustig gemacht hat. Anstatt die Hände zum Gebet zu verschränken, habe ich sie, wie immer, flach aneinander gelegt. Eine Geste, die ihn zum Kichern bringt. Du jedoch runzelst bei meinem Bericht die Stirn. Mit sanfter Hand streichst du mir über den Rücken und erklärst mir, dass ich beten soll, wie ich es für richtig halte. Denn wichtig wäre nicht, wie man bete, sondern das man bete. In der nächsten Sonntagsmesse verschränke ich meine Hände in einander. Den prüfenden Blick des Nachbarkindes auf mir spürend, brennt die Scham über mein Fehlverhalten noch immer in meinem Gesicht. Ich will es richtig machen.

Ich tue viel, um dir zu gefallen. Denn deine Anerkennung und dein Respekt sind mir wichtig. Deshalb schließe ich mich meiner besten Freundin an, die viele Nachmittage freiwillig im christlichen Jugendclub verbringt. Dort sitzen wir Nachmittags mit anderen Jugendlichen im Kreis und singen Lieder. "Stern über Betlehem" wird zu meinem Lieblingslied. Natürlich würde ich niemals zugeben, dass ich es besonders mag, weil Samuel, der vier Jahre älter ist, als ich es bin, dieses Lied bis zur Perfektion auf seiner Gitarre spielen kann. Er würdigt mich zwar keines Blickes, aber dennoch singe ich inbrünstig mit. Ich lerne das "Hohelied der Liebe" (1. Korinther 13) auswendig. Ebenso wie den Hirtenpsalm (Psalm 23). Vor allem weil ich die Sprache dieser Bibelstücke mag. Aber auch weil sie mir Kraft geben. Nachts, wenn die Dunkelheit nach mir greift.
Schließlich aber ist es dein Tod, der vieles ins Wanken bringt. Ich bin 12 Jahre alt, als ich aus einem Türkeiurlaub wiederkehre und du plötzlich nicht mehr da bist. Noch heute kann ich mich an den genauen Wortlaut erinnern, den man Vater verwendet, als er mich vom Flughafen abholt. Seine Augen sind rot vom Weinen, er sieht aus, als hätte er nächtelang nicht mehr geschlafen.
"Ich muss dir etwas Schlimmes sagen.", flüstert er, "Uroma ist gestorben." Und ich kann nicht weinen. Weil ich nicht verstehe, was passiert und gar nicht begreifen kann, dass du mit einem Male weg sein sollst. Erst die verstimmte Orgel, die zu deiner Beerdigung Tage später spielt, lässt die ersten Tränen rollen. Viele Tränen mehr rollen etliche Jahre später, als ich die wahren Umstände herausfinde, unter denen du gestorben bist. Dass man die Geräte abgestellt hat. Ohne das ich mich von dir verabschieden konnte. Erst zu diesem Zeitpunkt habe ich das Gefühl, deinen Tod begreifen zu können.

Vermutlich als Reaktion auf deinen Tod, fange ich damit an, zu rebellieren. Zwei Jahre meines Lebens laufe ich von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet herum und behänge mich mit umgekehrten Kreuzen. Gott ist ein Arschloch und seine Wege sind unergründlich.
Den Gedanken, dass du mich dafür verachten könntest, schiebe ich ganz weit von mir fort. Immerhin bist du nicht hier. Du hast mich allein gelassen. Und auch die Freunde, die ich im christlichen Jugendclub kennengelernt habe, sogar meine beste Freundin, wenden sich von mir ab. Ich bin einsam. Umso richtiger fühlt es sich an, die satanistische Bibel zu lesen, mich mit dem Gedanken an einen Selbstmord auseinanderzusetzen und akribisch satanistische Messen vorzubereiten. Ich - das Mädchen, das nicht einmal Insekten tötet - trage mich plötzlich mit dem Gedanken, dem Teufel ein Meerschweinchen opfern. Eine Opfergabe, zu der es, dem Himmel sei Dank, niemals kommen wird. Der Plan an sich ist schlimm genug. Untermauert wird er von den neuen Freunden, die ich finde. Freunde, die der Satanismus ebenso fasziniert. Die ebenso über dem Leben verzweifeln wie ich es von Tag zu Tag tue. Wir schwimmen gegen den Strom. Scheiß auf "carpe diem". Carpe noctem! Ich bin 15 Jahre alt und habe mich noch nie in meinem Leben so orientierungslos gefühlt.
Irgendwann aber spüre ich, dass ich die Antworten auf die Fragen, die ich dem Leben stelle, im Satanismus nicht finden werde. Also fange ich an, die Weltreligionen durchzukauen. Philosophiebücher zu wälzen. All das ist der Beginn einer Suche, die mich bis heute antreibt. Mit dem Unterschied, dass ich heute mehr Wissen angehäuft habe als damals. Und mittlerweile nur noch dem vagen Gefühl folge, dass es irgendwo dort draußen, in dieser Welt, noch etwas geben muss, dass mich glücklicher macht, als es das Leben hier tut. Ich suche nach dem "mehr" im Leben. Nach der Befriedigung meines Lebenshungers. Und nach der Liebe.

Heute Morgen denke ich an dich, Oma. Mir ist bewusst, dass ich sehr viel weniger du geworden bin, als ich es gerne sein würde. Ich bin langweiliger, farbloser, normaler als du es warst. Weniger mutig. Aber ich hoffe, dass du den Menschen, der ich geworden bin, trotzdem magst. Denn ich bemühe mich wirklich, mein Leben nach besten Wissen und Gewissen zu leben. Versuche, ein guter Mensch zu sein. Auch wenn ich heute, wie meine Mama es so schön nennt, nur noch ein so genannter U-Boot-Christ bin. Ich bete in den Momenten, in denen ich das Gefühl habe, unterzugehen. Dann, wenn ich glaube, keine Luft mehr zu bekommen. Und ein Gebet wirklich nötig habe.

Manchmal stelle ich mir vor, wie du da oben, im Himmel, auf einer Wolke sitzt und mich bei dem Leben, das ich hier unten führe, beobachtest. Dann hoffe ich sehr, dass du, trotz all meiner Fehler und der vielen falschen Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe, stolz auf mich sein kannst.
Wenn du magst, dann schnäpsel doch heute einen. Zusammen mit all den Menschen, die uns in den letzten Wochen und Jahren verlassen haben. Trinkt auf unser Wohl.
Wir haben euch nicht vergessen.

Alles Gute zum 106. Geburtstag, Oma.


(https://stocksnap.io/photo/7XQHYBOHLC, 19.11.2017)

Kommentare

  1. Das ist wunderschön. Ein ehrendes Gedenken an die Oma zum 20. (?) Todestag.

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    1. Zum 106. Geburtstag. Aber ja... Vor 20 Jahren ist sie verstorben.
      Ich glaube, schön werden die Texte dann, wenn sie von Herzen kommen. So wie dieser. Er hat sich quasi von selbst geschrieben.
      Danke dir. :-)

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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  3. Wunderschön geschrieben.

    Was diese Suche nach "mehr" angeht: Ich suche ja seit jeher das Buch, in dem das ultimative Geheimrezept für mein sinn-volles Leben steht und die Antworten auf unzählige Fragen. Dieser Fingerzeig darauf, wo ich dieses "Mehr" finde, das (m)ein Leben bedeutsam macht. Mittlerweile denke ich aber, dass ich es da draußen nicht finden werde. Nirgendwo. Weil es in mir versteckt ist. Schon immer. Wahrscheinlich fasziniert mich das Märchen "Ali Baba und die 40 Räuber" deshalb so sehr. Also suche ich jetzt kein Buch mehr. Sondern den Schlüssel. Oder den Zauberspruch. Zur Not auch Breicheisen und Vorschlaghammer, ich werde langsam ungeduldig. ;)

    Die überschaubaren Momente, in denen ich bisher das Gefühl hatte, dass sie "mehr" waren, waren allerdings durch die Bank weg unspektakulär. Kein Feuerwerk, keine Glocken, keine Orgien. Eher so eine stille Zufriedenheit, die sich vielleicht am besten mit einer Teeblume beschreiben lässt. Unscheinbar, nicht besonders... bis du die Teeblume ins Wasser gibst. Und leider ebenso vergänglich.

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    1. *räusper* Ich suche natürlich ein Brecheisen. Aber ich googele sicherheitshalber mal nach Breicheisen... vielleicht ist es ja auch das, was ich suche.^^

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    2. Danke, liebe Anna.
      Beim Lesen deines Kommentares kam mir der Gedanke, dass du das Buch, das du suchst, vielleicht einfach selbst schreiben musst. Wer, wenn nicht du, könnte so ein Buch wohl schreiben?

      Was Zaubersprüche angeht, empfehle ich dir den Zaubermann. Der verrät dir sicher ein Sprüchlein. Und zaubern kann er. Auch Breicheisen und einen Pippi-Langstrumpf-Spunk. Ich bin sicher!

      Brauchen nicht schöne Momente zwingend die Vergänglichkeit?

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    3. Das stimmt natürlich. Schöne Momente gibt es nicht ohne Vergänglichkeit. Danke für die Erinnerung. ;)

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