Von der Gefühlsachterbahn

Es ist die Zeit der Oktoberfeste und auf einem solchen befinde ich mich schließlich am Samstagabend. Aus beruflichen Gründen. Der Brausepulvermann ist nicht anwesend. Und so gehe ich entspannt an diesen Abend heran, drehe mich in meinem Dirndl über die Tanzfläche und lasse mich, um meine Füße zu schonen, immer mal wieder von Gespräch zu Gespräch treiben.
"Wer ist eigentlich der Mann, der dich so scharf findet?", fragt eine Bekannte, "Zeigst du ihn mir?".
Als ich auf einen Mann, an einem der Tische in unserer näheren Umgebung, deute, zieht sie die linke Augenbraue nach oben.
"Ernsthaft?!", fragt sie, "Dem ist aber schon klar, dass er so gar nicht in deiner Liga spielt, oder?"
"Bitte?", frage ich verblüfft.
"Na ja. Der ist ungefähr 15 Jahre älter als du und... nicht dünn. Und er bekommt graue Haare!"
Ich schweige. Mir gefällt nicht, was sie sagt. Weil ich Laurenz mag. Ihn und seine Augen. Die mir so viel mehr über ihn verraten, …

Von der Sehnsucht

Ich spüre, wie ich Distanz erzeuge. Weil ich mich in der Distanz sicherer und nicht so sehr leicht verletzbar fühle. Wie immer setzt dieses Verhalten eine ganz eigene Kreativität frei: Die besten Zeichnungen entstehen in solchen Momenten. Also setze ich mich an meinen Schreibtisch und fokussiere mich vollkommen auf mich selbst. Und je länger der Bleistift über das Papier gleitet, desto leerer wird mein Kopf.

Während des Zeichnens denke ich darüber nach, dass meine Bibliothek groß und ich eine Geschichtensammlerin wäre, wenn Menschen Bücher wären. Alle Geschichten habe ich verwahrt, sorgsam. Manche führen ein Eigenleben in meinem Kopf und verändern sich mit der Zeit, die ihnen mit ihrem Verstreichen eine andere Färbung verpasst. Bisweilen erinnert diese Färbung kaum noch an das Original, wie alte Fotografien, die über die Jahre hinweg an Farbe verlieren und an den Rändern brüchig werden. Andere Geschichten habe ich mit Tinte auf Papier tropfen lassen, um ihnen die Färbung vorzuenthalten, um sie zu bewahren, zu versiegeln und etwaige Interpretationen auszuschließen. Viele Geschichten: Kleine und große, schwarze, graue, weiße und bunte Geschichten, Kriminalromane, Liebesgeschichten, gruselige Erzählungen, weise Fabeln und Novellen. 

Später stehe ich auf und lege eine Schallplatte auf. Während Frank Sinatra "Killing me softly" singt, genieße ich die kleinen Staubkörnchen, die auf der Platte vor sich hinknistern. Leise mitsingend schenke ich mir ein Glas Weißwein ein und setze mich auf den Balkon. Ich sehe der Sonne dabei zu, wie sie langsam hinter den Bäumen versinkt und spüre dabei so lange der Sehnsucht nach, die sich durch mich hindurchzieht, bis ich es kaum noch auszuhalten vermag. Wenn Menschen Bücher wären, wurde ich mir die nächste Begegnung ein Märchen wünschen.


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