Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Biest

"You were gonna come to me
But you better choose carefully
I am capable of anything
Of anything and everything
"

(Katie Perry: Dark Horse)

Ich spüre schon morgens, kurz nach dem Aufstehen, dass das Biest in mir erwacht ist. Es kitzelt mich, brüllt, kratzt mit seinen Krallen an der Tür, hinter der es gefangen gehalten wird. Ich wehre mich. Will es nicht hinauslassen. Aber es ist stärker als ich. Je mehr ich versuche, mich von ihm abzulenken, desto größer wird es. Bis die Tür plötzlich kein Hindernis mehr darstellt und es ausbricht. In rasanter Geschwindigkei versucht es, sich in mir auszubreiten und die Kontrolle zu übernehmen. Anfangs kann ich standhaft bleiben. Aber während ich zur Arbeit fahre, bricht es durch und nimmt mich in Besitz. Erst kocht meine Wut nur leise hoch. Aber es dauert nicht lange, bis sie laut in mir tobt. Das Biest in mir fordert Schutt und Asche.

Ich habe mir die Rachsucht, die man dem Sternzeichen Skorpion nachsagt, in mühseliger Kleinstarbeit abgewöhnt. Dennoch gibt es Tage, an denen es mich all meine Energie kostet, das Biest unter meiner Kontrolle zu halten. Es will wegstoßen und randalieren. Ein Feuerzeug nehmen und einen Flächenbrand auslösen. Vergelten. Aber vor allem will es eines: Es will, dass ich mein Feingefühl dazu nutze, meine Fingerspitzen genau dorthin zu legen, wo es richtig wehtut. Es will verletzen. Aug um Aug, Zahn um Zahn. All das will es in dem Anschein absoluter Leichtigkeit, Gleichgültigkeit und Kälte tun.

Ich schaffe es immer, mein Biest auf mich selbst umzulenken. Ehe ich einem anderen Menschen Schmerz zufüge, tue ich lieber mir selbst weh. Das ist eine charmante Lösung: Indem ich nicht auf Verletzungen aus meinem Umfeld reagiere, erzeuge ich somit tatsächlich den Eindruck vollkommener Gleichgültigkeit in meinem Gegenüber. Das ist die einzige Art und Weise, auf die ich jemanden verletze. Alles andere vereinbare ich mit mir selbst. Deshalb fühle ich mich wohl mit mir. Weil ich in entscheidenden Situationen niemals das Wort oder die Hand erhebe, um mich zu wehren. Stattdessen entziehe ich mich der Situation.

Am Ende eines solchen Tages dränge ich das Biest mit aller Kraft, die ich aufbringen kann, zurück in die dunkelste Ecke meiner Seele. Ich schließe die Tür. Verriegle sie noch einmal mehr, als ich es beim letzten Mal getan habe. So viele Riegel. Und dennoch höre ich es hinter dem Holz rumoren. Das Biest begehrt auf. Es schreit und wütet und macht mir Angst. Also atme ich tief in mich hinein. Atemzug um Atemzug. Stunde um Stunde. Bis ich spüre, dass es hinter der Tür ruhiger wird. Erst als schon lange alle Geräusche verstummt sind, verebbt mein Zittern. Hoffentlich erblickt das Biest niemals das Tageslicht. Ich möchte das nie jemandem zumuten.

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