Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom freitäglichen Lichtblick

"[Sein] Herz wurde so leicht, dass es ihn nicht verwundert hätte, wenn es einfach aus ihm herausgeschwebt wäre."
(Cornelia Funke: Tintenherz)

Freitage sind doofe Tage. Da ist so viel zu tun, dass ich meistens überhaupt nicht hinterher komme. Da heute ein 15 Stunden-Tag hinter mir liegt und die Rufbereitschaft schon wieder in regelmäßigen Abständen klingelt, beginne ich jetzt schon, mich vor dem morgigen Tag zu fürchten.
Mein einziger Lichtblick an Freitagen ist Erhardt, der meistens nach der Arbeit einmal kurz nach der Arbeit im Büro vorbei schaut, um einen kurzen Schnack zu halten. Letzte Woche war er auch da.

"Hallo mein Engel", ruft er mir fröhlich entgegen, als ich zum Empfang komme. "Hallo Sonnenschein.", erwidere ich und fange an zu lächeln. "Weißt du", sage ich, "Wenn ich dich sehe, dann geht für mich die Sonne auf. Du machst aus einem anstrengenden, nervigen und sogar aus dem allerdoofesten Tag einen guten Tag!" "Ehrlich?", fragt er mich. An seinem Tonfall erkenne ich, dass er die Frage ernst meint. Ein Hauch von Unsicherheit blitzt in seinen Augen auf. Und ich kann sie reinen Herzens beantworten. "Ja.", sage ich einfach und schaue ihn an. Es macht mich glücklich zu sehen, wie meine Worte ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Ich weiß, dass ich ihn berühre. Aber ich glaube, dass er keine Vorstellung hat, wie sehr er mir in den letzten Jahren, als Mitarbeiter, vor allem aber als Mensch, ans Herz gewachsen ist. Was dieser Mensch neben seinem Vollzeitjob noch leistet, indem er rund um die Uhr seinen dementen Vater pflegt, ist einfach unglaublich. Mehr noch: Er bietet sogar mir an, mich hinsichtlich meiner Großeltern zum Thema Pflegestufen zu beraten ("Für dich nehme ich mir gerne Zeit!"). Sein ganzen Leben hat er seiner Familie und seinen Freunden geopfert. Tut es noch immer.
Viele meiner Mitarbeiter verstecken so einige Leichen in ihrem Keller. Aber er... Er ist sicher nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen. Nicht einmal lesen und schreiben hat er gelernt. Aber er hat ein gutes Herz. Ein so gutes Herz, dass ich permanent den Wunsch verspüre ihm etwas Gutes zu tun. Eines Tages, vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft, wenn ich diesen Job aufgebe, werde ich mir seine Adresse aus dem System klauen. Und dann werde ich ihm anonym ein riesiges Paket schicken. Mit Dingen, die für ihn sind. Die er liebt und sich nicht leistet. Weil er lieber anderen Gutes tut, als auf sich selbst zu achten.


"Ich hab dich lieb.", sagt er plötzlich und reißt mich damit aus meinen Gedanken. Vermutlich sollte es mich überraschen, dass er mir plötzlich so nahe tritt. Aber das tut es nicht. Stattdessen fühlen sich seine Worte einfach richtig an. Auf seltsame Art und Weise sind sie selbstverständlich. "Ich habe dich auch lieb.", antworte ich darum. Vollkommen aufrichtig. Es ist mir schlicht egal, welche Grenzen wir gerade übertreten. Ich blinzle ihm zu. "Erzähl mir, wie es dir geht und was dein Papa macht.", fordere ich ihn auf,  "Wie schläft er zurzeit? Geht es dir gut?..." Und Erhardt beginnt zu erzählen. Genießt die wenigen Minuten der ungeteilten Aufmerksamkeit. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht vertiefen sich während unseres Gespräches. Doch nicht ein Wort der Klage verlässt seinen Mund.

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