Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Tagebuchsachen

Zurzeit bin ich ziemlich verletzlich. Ich merke das daran, dass sich meine Haut am Ende des Tages so dünn anfühlt, als könnte sie unter der leichtesten Berührung reißen. Das ist ein Gefühl, dass ich kaum auszuhalten vermag. Und dem ich früher mit Rasierklingen entgegengewirkt habe. Um Kontraschmerz zu schaffen. Heute versuche ich es auszuhalten. So lange wie möglich. Und bohre maximal den Fingernagel meines Zeigefingern so stark ich kann in meine Daumenkuppe. Das hilft für den Augenblick. In diesen Momenten fühle ich mich regelrecht autistisch. Denn das, was ich eigentlich bräuchte, wäre eine viel zu feste Umarmung, die ich auf jeder Faser meiner Haut spüren und aus der ich mich nicht lösen könnte. Oder jemanden, der seine Hände behutsam um meine Handgelenke schließt, den Daumen dorthin schiebt, wo man den Puls fühlen kann. Die - für mich - intimste Berührung der Welt.

Momentan versuche ich mich von allem, was ein potentielles Verletzungsrisiko birgt, fernzuhalten. Von entsprechenden Gegenständen. Und von Menschen, die mir gefährlich werden könnten. In den letzten ein, zwei Jahren sind mir Teile der Naivität und der Gutgläubigkeit, mit denen ich vorher auf mir unbekannte oder auch lange bekannte Menschen zugegangen bin, abhandengekommen. Das ist doof. Ich habe es immer an mir gemocht, dass ich vollkommen unbedarft auf andere Menschen zugehen konnte. Es ist zweifellos schwerer geworden, sich mein Vertrauen zu verdienen. Früher habe ich es freigiebig verschenkt. Heute achte darauf, wem ich es anvertraue. Und misstraue manchmal sogar. Ohne einen legitimen Grund dafür nennen zu können. Das ist nicht gut. Viel lieber will ich grundsätzlich vom Guten ausgehen. Das Gute in allem und jedem sehen. Überall.

Kommentare

  1. Ach Muschelmädchen! Ich kann Dich leider nur virtuell umärmeln ...

    Ich kenne die Diskrepanz zwischen "Vertrauen schenken" und "Vertrauen erarbeiten". Bei mir ist inzwischen auch eher das "Erarbeiten" angesagt. Vertrauen ist ein hohes Gut, da muss man mit dem "Verschenken" schon sparsam und vorsichtig umgehen.

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    1. Danke für die Umärmelung.
      Vielleicht aber sollten wir uns viel mehr und viel öfter verschenken?
      Mut zum Risiko.

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