Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Stempel

Vielleicht liegt es an meinem Alter. Und daran, dass ich zweifelsohne älter werde. Aber in den letzten Wochen habe ich das Gefühl, dass es schlimmer wird. Mittlerweile vergeht kaum noch ein Tag, an dem mir kein Fauxpas passiert. Ich bin ein bisschen gesichtsblind. Es fällt mir schwer, Menschen zu erkennen. Wiederzuerkennen. Sie nicht zu verwechseln.

So kommt es vor, dass man mir Fotos von Personen zeigt. Auf jedem Foto ist ein anderer Mensch dargestellt. Aber für mich sehen sie alle gleich aus. Weil sie alle die gleiche rote Badehose tragen. Das sorgt für irritiertes, aber herzliches Gelächter. Wenn ich zusammen mit Freunden einen Film schaue, nerve ich sie unterdessen mit leisen Nachfragen, weil ich die Protagonisten nicht auseinanderhalten kann. Filme aus Asien kann ich mir generell nicht angucken, weil sie für mich aus nur einem einzigen Schauspieler bestehen. Aber in deutschen Filmen komme ich schon durcheinander, wenn sich die Hauptfigur innerhalb des Filmes nur die Haare schneidet. Dann verstehe ich die Handlung nicht mehr. Und bleibe nach dem Film vollkommen verwirrt zurück.
Das allein mag irgendwie noch lustig sein. Weniger witzig ist es allerdings, wenn ich damit beginne, Mitarbeiter zu verwechseln. Manchmal gelingt es mir noch, mich herauszureden - "Sie waren doch beim Friseur, oder?!" - , doch in den meisten Fällen ist es einfach nur unangenehm. Da bekommt der falsche Mitarbeiter das Lob. Was ja noch motivationsfördernd sein könnte. Blöd wird es jedoch, wenn ich den fleißigen Mitarbeiter in ein Kritikgespräch zu seiner stark nachgelassenen Arbeitsleistung verwickle. Oder, was tatsächlich immer wieder vorkommt, in der falschen Sprache mit ihm spreche. Nämlich in der Sprache, die er nicht versteht.
Auf der Straße laufe ich an Menschen, die ich kenne, vorbei, ohne zu grüßen. Was mir durchaus auch mal zum Vorwurf gemacht wird. Dafür grüße ich wiederum Leute, die mir irgendwie bekannt vorkommen, die ich aber anscheinend noch nie in meinem Leben gesehen habe, so enthusiastisch, dass sie völlig verwirrt zusammenzucken und mich fragen, ob wir uns kennen.

Ich merke mir Menschen, die ich kenne, an auffälligen körperlichen Eigenheiten. Ich achte auf die Statur einer Person, auf seine Körpergröße, auf Piercings, Tätowierungen und Ohrringe, präge mir die Haare ein, die Stimme oder bestimmte, sich häufig wiederholende Gestiken. Aber schön ist das nicht. Im Gegenteil. Es ist anstrengend und oftmals peinlich. Vor allem deshalb, weil viele Menschen nicht an "Gesichtsblindheit" (Prosopagnosie) glauben. Das Nichterkennen wird gerne auf Desinteresse, Nichtachtung und mangelnde Konzentration geschoben. Wenn ich mich als eine halbe Gesichtsblinde zu erkennen gebe, werde ich oft milde belächelt. Und nicht als gesichtsblind, sondern als tollpatschig abgestempelt.
Vielleicht macht das aber letztendlich auch keinen Unterschied: Stempel ist schließlich Stempel.

Kommentare

  1. Stempel ist nicht gleich Stempel - aber natürlich bedarf es einer Erläuterung, wenn man einen Gesprächspartner vor sich hat, der sich partout nicht merken kann, wie man heißt oder der mich dauernd verwechselt.
    Das ist aber gar nicht schlimm. Wenn man's weiß :-).

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    1. Also das würde ich so nicht unterschreiben, Elvis. ;-)
      Viele finden es, trotz Wissen, schlimm, verwechselt zu werden. Weil es respektlos ist. Was irgendwie auch stimmt. Allerdings hat das bei mir nichts mit mangelndem Respekt oder Konzentration zu tun. Es hapert einfach am Können.
      Ich bin recht sicher, dass ich dich in freier Wildbahn (wieder)erkennen würde.
      Das ist seltsam: Bei manchen Menschen klappt es. Bei anderen gar nicht.

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