Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Wochenende


"Er sah den langen, langsamen Pazifikwellen zu, die über den Sand heranrollten, und wartete und wartete auf das Nichts, das, wie er wußte, jeden Moment passieren würde. Als die Zeit kam, daß es nicht passierte, passierte es pflichtgemäß nicht, und so verläpperte sich der Nachmittag, die Sonne ging hinter der langen Horizontlinie des Meeres unter, und der Tag war zu Ende."

(Douglas Adams: Macht´s gut, und danke für den Fisch)

An diesem Wochenende fällt es mir schwer, das Kopfchaos loszulassen. Aber irgendwann, vielleicht nach dem zehnten oder dreizehnten Kilometer, den mein Papa und ich zurücklegen, leert sich mein Kopf. Und spätestens als wir spontan anfangen loszurennen, um uns vollbekleidet ins Meer zu stürzen, denke ich gar nichts mehr. Außer das ich hier bin und dass ich lebe. Und dass das schön ist und ich jeden Moment dieses Lebens genießen sollte.
Am blauen Himmel steht die strahlende Sonne. Wir laufen dem Meer hinterher, das sich langsam zurückzieht, wandern hinein in das Watt, versinken bis zu den Knien in Schlamm, hinterlassen Spuren dort, wo in den letzten Stunden niemand mehr war. Plötzlich kann ich mich in alle Richtungen drehen und sehe nirgendwo mehr Menschen. Stattdessen besteht die Welt nur noch aus Horizont. Das Gefühl von Freiheit kitzelt sich durch mich hindurch. Mit den Fingerspitzen male ich Herzen an den Horizont. Halb lachend, halb weinend.

Stunden später rettet uns ein Einheimischer. Das Wasser kommt mit rasanter Geschwindigkeit zurück. Aber er, der hier wohnt, direkt hinter dem Deich sein Zuhause gefunden hat, kennt die Sandbänke, die durch die Priele zurück an das rettende Ufer führen. Wenn ich das Gefühl habe, der Strömung nicht mehr standhalten zu können, reicht er mir die Hand, lacht herzlich und winkt beruhigend ab. Er kennt dieses Watt wie seine Westentasche. Mein Handy, das sich in meiner Hosentasche befindet, stirbt unterdessen einen elendigen Wassertod. Und erst zerbreche ich mir den Kopf darüber, dass sich ja irgendjemand Sorgen um mich machen und versuchen könnte, mich telefonisch zu erreichen. Bis mir klar wird, dass diese Gedanken vollkommen unnötig sind. Plötzlich wird mir bewusst, wie sehr ich mich von diesem digitalen Dingelhopper versklaven lasse. Also lasse ich das Handy dort, wo es ist. Ich wechsle es weder, noch versuche ich, es zu trocknen. Vielleicht, um ein kleines bisschen Freiheit festzuhalten.

Zum Abendbrot gibt es Eis und als Nachttisch Spargel, Schnitzel und Kartoffeln.
Die Diät darf morgen wieder nerven.
Heute will ich nur genießen.
Das gute Essen, meine sonnenerhitzte, glühende Haut, die müden Füße und das Leben.
Tage wie diese sollten nicht enden.









Kommentare

  1. Klingt gut. Ich mag den Leuchtturm.

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  2. Solche Tage sind ganz wichtig. Sie geben Kraft.
    Und man darf sie einfach genießen.

    Die Bilder sind schön. Und sie verstärken meine Vorfreude.
    Nicht mal mehr 2 Wochen...

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    1. Stimmt.
      Bald ist es soweit! Hab eine tolle Zeit an der Nordsee und lass es dir gut gehen. Grüß das Meer von mir...

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  3. Hübsche Beine!!!
    Und ich muss noch 4 Monate bis zum Nordseeurlaub warten :-(

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    1. Dreckige Beine ;-)
      Vier Monate? Ach, die Zeit wird schnell vergehen.
      Genieß die Vorfreude. :-)

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  4. Ach wie schoen.
    Mir geht das Herz auf.
    Du machst das schon alles richtig.

    Es gruesst janz brav das Schaaf

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    1. Vielen Dank.
      Ich arbeite daran ;-)

      Brave, vor allem aber sonnige Grüße zurück.

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