Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom Schwammsein

 

Ich bin wie ein Schwamm. Zumindest fühlt es sich zurzeit so an. Ich absorbiere die Stimmungen meiner Mitmenschen. Blöderweise sind diese Stimmungen alles andere als gut. Im Moment bin ich von Menschen umgeben, die die ganze Welt schwarzmalen, die alles und jeden negativ bewerten und kaum ein gutes Wort finden. Das macht mich wahnsinnig müde. Vor allem aber macht es mich, am Ende eines anstrengenden Arbeitstages, einfach nur traurig. Denn am Abend fühle ich mich, als hätte man mir ein paar Kilo Blei an die Füße gebunden und dann befohlen, damit einen Marathon zu laufen.

Am schlimmsten ist aber, dass mir unter dieser Welle von Negativität, die über mich hinwegrollt, sämtliche Empathie abhanden kommt. Ich kann nicht mehr feinfühlig darauf reagieren, dass "alles scheiße" ist und "sowieso voll sinnlos". Weil einfach zu viel davon auf mich einstürmt. Mir fehlt gerade die Kraft, um Trost zu spenden, Lösungen zu suchen und andere Perspektiven aufzuzeigen. Weil viel an Leid einfach so selbstgemacht auf mich wirkt. Und ich anstrengend pragmatisch bin. Zu pragmatisch für die meisten Menschen. Denn wenn jemand alles "scheiße und sinnlos" findet, dann will er nicht hören, dass er mal seinen Hintern bewegen und etwas an seiner Situation ändern soll. Stattdessen will er Zuneigung, Trost und Mitgefühl. Da ich auf immer mehr Kanälen mit Problemen und Gefühlschaos zugeballert werde, fällt es mir zunehmend schwerer, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Also ziehe ich mich in mich selbst zurück. Anstatt zu trösten, werde ich still. Denn wenn man nichts kluges zu sagen weiß, sollte man lieber schweigen.

Es nützt mir nichts, wenn sich am Ende des Tages Menschen bei mir dafür bedanken, dass ich ihnen zugehört, ihnen eine andere Perspektive aufgezeigt oder ihnen einfach gutgetan habe. Vielleicht bin ich undankbar wenn ich schreibe, dass das zwar nett ist, aber manchmal - zugegebenermaßen: selten - einfach nicht ausreichend ist. Denn am Ende des Tages fühle ich mich trotzdem einsam.
Ich wäre heute gerne mal gefragt worden, wie es mir geht.
Oder warum es mir geht, wie es mir geht.
Und ich hätte eine Umarmung gebraucht.
Das wäre schön gewesen.

Kommentare

  1. Antworten
    1. Es wird besser. Gibt halt Phasen, die einfach oll sind. Augen zu und durch, nicht wahr?

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  2. Das klingt gar nicht gut ... Hast Du niemanden, bei dem Du Dich mal "auskotzen" könntest? Ich mach´ mir Sorgen ... um Deine Seele!

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    1. Doch, ich habe Menschen, bei denen ich mich auskotzen kann. Aber ich fordere nicht ein. Das mag ich nicht. Oder: Ich habe es nicht gelernt. Mir fällt das schwer. Ich mag einfach mal so nach meinem Befinden gefragt werden. Aus Interesse. Meistens muss ich mich dann gar nicht auskotzen. Das liegt mir gar nicht. Ich mache viel mit mir selbst aus. Aber ich würde gerne etwas mehr Interesse spüren. Das würde mir gut tun. Nur neige ich dazu, schnell zum Zuhörenden zu werden.
      Außerdem muss ich lernen, mich von den Stimmungen anderer Menschen abzugrenzen.
      Auch das fällt mir unwahrscheinlich schwer.

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  3. Und genau das, dass ich mich oft wie ein Mülleimer gefühlt habe, bei dem man alles Abladen kann, hat mich dazu gebracht, mit meinen sogenannten Freunden aufzuräumen, und bei Fremden so halb/halb hinzuhören. Natürlich bin ich immer gern mit Tipps und Ratschlägen zugegen. Wenn aber so gar nichts angenommen wird, und so gar nichts selbst in die Hand genommen wird, drehe ich mich um und gehe - den Energieräubern aus dem Weg. Auch auf die Gefahr hin, dass die dann "verschnupft" sind. Umso besser sogar. Das nächste Mal werden sie ihren Müll nicht mehr bei mir abladen, sondern bei jemanden, der geduldiger mit ihnen umgeht.
    Versuchs mal! Du bist wichtig. Das Leid der anderen wichtiger nehmen als die eigenen Gefühle tut auf Dauer nicht gut. Und mitfühlen schon gar nicht. (Ok, vielleicht ein bisschen, ab und zu ;-))

    Ich schicke dir eine krämfitevirtuelle Umärmelung!

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    1. ups - dieses krämfitevirtuelle hätte "kräftige, virtuelle" heissen sollen...

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    2. Dein Kommentar ist super - hätte ich meinen eigenen Post als eine Fremde gelesen, hätte ich ungefähr die selben Worte benutzt. ;-) Und du hast natürlich vollkommen recht.
      Auch ich sortiere ab und zu Bekannte/Freunde aus, die mir nicht gut tun. Allerdings mache ich das nicht leichtfertig. Und manchmal ist es schmerzhaft.
      Ich muss es noch ein wenig üben, mich von den Energieräubern - ein sehr passendes Wort übrigens - abzugrenzen.
      Danke für die Umarmung. Die habe ich nur allzu gerne angenommen. :-)

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