Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von mir

31 Jahre alt. Skorpion. Grüne Augen. Wobei manche behaupten, sie wären blau. Komische schräge Nase. Familie, in der Nase und Ohren mit dem Alter wachsen. Am Ende des Lebens bestehen sie alle nur noch aus Nase und Ohren. Und Bauch. Ein sogenanntes alles-oben-Mädchen (G-Cup). Ziemlich feinfühlig und sensibel. Früher klassischer Enneagramm Typ 6, heute Ennegramm Typ 2 mit starker Tendenz zu Typ 5. Chronische Angst vor Psychotherapeuten. Nachdenklich. Probiert alles aus (Motocross, Paragliding, Reiten, Ballett, Klavierspielen, Improvisationstheater, Klettern, Stockkampf, ...). Ständig von der Angst begleitet, nicht "gut" genug oder nicht "ausreichend" genug zu sein. Katzenliebhaberin. Heimliche Sammelleidenschaft für besondere Gartenzwerge. Würde gerne irgendetwas richtig können, kann aber vieles und alles nur ein bisschen. Bücherverliebt. Hat sich mal ein paar schallende Ohrfeigen eingefangen, weil sie eine Menge Geld auf der Straße verschenkt hat ("Die Menschen haben sich so gefreut!"). Hat als Kind einen Umweltclub gegründet - als sich die Lehrer eingemischt und jedem Kind einen riesigen Stapel Papier in die Hand gedrückt haben, auf dem stand, wie man umweltbewusst lebt, ist sie ausgetreten und hat stattdessen einen Geheimclub eröffnet (Deckname: Felicitas). Hatte mal einen Unfall und wusste danach nicht mehr, wo oben und wo unten ist. Lebensfroh. Tanzt gerne durch Regen, Schnee und Hagel. War mal bei Gewitter baden. Hat mal Hausfriedensbruch begangen, um weinselig Trampolin zu springen und zu küssen. Hatte mal Sex in einem Raum voller Leute. Achtet angeblich zu wenig auf sich selbst. Ist es nicht gewohnt über sich selbst zu sprechen. Vermutlich verhältnismäßig sexuell unerfahren für ihr Alter. Liebt Meer und Wolken und Kaffee und Kunst. Hat einen ausgeprägten Hang zur Ästhetik. Muss sich täglich zusammenreißen, um nicht zum Zwangsneurotiker zu werden. Mittelprächtig gestörtes Verhältnis zu Temposchwellen und Tempolimits. Vernarrt in Gänseblümchen und Sonnenblumen. Wäre gerne schlank. Pflegt ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Körper. Selbstwahrnehmung weicht gerne von der Fremdwahrnehmung ab. War mal in der Guinness Show der Rekorde und hat einen Rekord aufgestellt. Lehnt den Sänger Sasha seitdem voller Inbrunst ab. Hat häufig das Gefühl, zu zerbrechlich für die Welt zu sein. Ist immer suchend. Hat mal 99 bunte Luftballons verschenkt und sie aus dem 5. Stock eines grauen Plattenbaus geworfen. Will später ihrem Kind beibringen das es Wunder gibt und große Fabriken nur so rauchen, weil sie Wolken produzieren. Wäre gerne Sailor Moon geworden. Und hätte als diese die Welt gerettet. Fragt gerne und ist chronisch neugierig. Findet Menschen und ihre Abgründe zutiefst faszinierend. Zieht Schizophrene und Narzissten an. Hat die Reinkarnation von Sissi kennengelernt. Wurde sehr von dem Selbstmordversuch eines geliebten Menschen geprägt, an dem sie sich schuld gefühlt hat. Singt gerne schräg unter der Dusche. Unterhält sich mit Tieren, Gartenzwergen und allerlei anderen Gegenständen. Hat einen starken Hand zu gebrauchten, vernachlässigten Dingen, wie einarmigen Teddybären und zersplitterten Vasen. Kann Unrecht gegenüber Kindern und Tieren gar nicht ertragen. Hält Weinen für sehr intim und versucht niemals vor anderen Menschen zu weinen. Ist morgenmufflig und vor dem ersten Kaffee schlecht anzusprechen. Scheut Ärzte. Hat über einen langen Zeitraum das Haus nicht verlassen, aus Angst vor Menschen. Hat sich geschworen, nie vom Opfer zum Täter zu werden. Sollte bei einem geplanten (und vereitelten) Amokversuch gerettet werden. Liebevoll. Besitzt ausgeprägten Fluchtinstinkt, wenn ihr jemand zu nahe kommt. Würde gerne einen fliegenden Stuhl erfinden, der wie ein Fahrrad funktioniert. Wünscht sich ein eigenes Haus an einem See. 7 Jahre Selbstverletzung. Hat mal eine Viertelstunde lang im Schneidersitz auf der linken Spur einer Autobahn gesessen, auf einem geschwindigkeitsunbegrenzten Streckenabschnitt. Drogen hat sie auch mal probiert. Bis zu dem Tag, an dem sie zu viel genommen hat. Ostdeutsch. Ist felsenfest davon überzeugt, dass der Mond ein Gesicht hat und fragt sich regelmäßig, warum sie die einzige ist, die das sieht. War ein sehr verträumtes Kind und hat nie Allgemeinwissen aufgebaut - etwas, was sich so richtig nie wieder aufholen ließ. Meidet deshalb Wissensspiele. Fühlt sich häufig doof. Hat studiert. Zweimal. Mit 1,6 und 2,4. Kann so doof also rein theoretisch eigentlich nicht sein. Ist U-Boot-Christ. Glaubt an Karma. Und an die Liebe. Hasst Ungerechtigkeit. War eine Zeit lang Satanist, anschließend Punk und später Demonstrant und Steinewerfer. Wurde zweimal "Schlampe" genannt - einmal aus Hass und einmal in einer sexuellen Situation. Schreit niemals. Zieht sich lieber in sich selbst zurück als zu streiten. Verzeiht viel. Hört auf zu verzeihen, wenn es zu viel ist und zieht dass dann auch konsequent durch. Mag Kerzenlicht. Wein. Whiskey. Sekt. Genießt gerne. Braucht viel Zeit für sich und Menschen, die zart zu ihr sind. Hört gerne Grammophon und Schallplatte. Führt eine Heiratsliste auf der unter anderem Philip Seymour Hofmann und Jack Black stehen. Hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit. Ist ziemlich durchschnittlich. Und vielleicht ein ganz kleines bisschen seltsam.

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