Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Tagebuchsachen

Der Mann im Baumarkt hat "50 shades of Grey" (btw: Schlechtestes Buch der Welt) gelesen. Oder zumindest den Kinofilm gesehen. Denn sein Blick, als ich ihn frage, wo ich Kabelbinder finde, ist einfach nur Gold wert: Ihm rutscht nicht nur alles aus dem Gesicht, sondern er wechselt auch gleich zweimal die Gesichtsfarbe, während er mich von Kopf bis Fuß mustert. Die Situation ist einfach nur köstlich und bringt mich dazu, leise in mich hineinzukichern.
Leider kippt meine Stimmung im Laufe des Tages. Es ist ein langsames Kippen, aber irgendwann kann ich ihm nicht mehr standhalten.
  • T. bittet mich, noch ein wenig zu bleiben. Ich zögere kurz. Ja, ich zögere wirklich. Erinnere mich an die letzten Worte, die gefallen sind und an das Versprechen, das ich mir selbst gegeben habe: Ich habe die Tür geschlossen. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Ich brauche Respekt, Wertschätzung, Sicherheit und Stabilität in meinen Beziehungen. Menschen, die mir gut tun.
  • Der Motorradfahrer fliegt schneller aus der Kurve, als ich es realisieren kann. Sein Kopf schlägt auf dem Asphalt auf, der Körper rutscht hinterher und schrammt einige Meter über den Beton. Viel Blut. Viele Polizisten. Viele Sanitäter. Mein Erste-Hilfe-Kasten. Einer der Sanitäter fragt, ob er mir meinen Erste-Hilfe-Kasten wieder auffüllen soll. In dem hektischen Geschehen um mich herum wirkt die Frage merkwürdig irrelevant. Aber wenigstens halte ich etwas in den Händen, an dem ich mich festhalten kann. Ich schüttle den Kopf. Meinen Erste-Hilfe-Kasten gebe ich nicht aus der Hand.
  • Es gibt einen Menschen, der mir sehr unter die Haut geht. Wahrscheinlich ist das nicht gut. Ich bin nicht gut darin, emotionale Distanz zu wahren, wenn ich jemanden mag. Irgendwie geht das alles zu schnell. Am Abend bin ich merkwürdig leicht verletzbar und spüre, wie die Angst in mir hochkriecht. Nicht gut, nicht gut, nicht gut. Zu viel Risiko, erneut beschädigt aus diesem Wiedersehen herauszugehen. Außerdem bin ich doch noch ganz kaputt. Und generell irgendwie irreparabel.
Aber ich bin am Leben. Das Leben erscheint so wertvoll nach einem Tag wie diesem. Trotzdem fühle ich mich gerade einfach nur traurig.

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