Vom Irren

Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, mich mit ihm darüber zu unterhalten. Aber wenn ich daran denke, wird mir übel. Weil ich seine Argumentation so unterirdisch finde.
"Was soll ich denn tun, wenn ich dich anfassen will? Dann muss ich das doch."
"Ich kann nichts dafür, dass du scharf bist."
"Du tust ja gerade so, als hätte ich dich vergewaltigt."
"Nicht, dass du jetzt zu einer frigiden Trulla wirst!"

Heute hat mich jemand, der diesen Blog liest, gefragt, ob mich dieses Thema, das ich in meinem Jahresrückblick angeschnitten habe, noch beschäftigt. Meine Antwort war "Ja." Danach konnte ich nicht mehr sprechen, weil der müselig zusammengekleisterte Staudamm sich angefühlt hat, als wäre er kurz davor, zu brechen. Ich hatte sofort Tränen in den Augen und einen riesigen Kloß im Hals. Das hat mich selbst erschrocken. Bisher war mir nicht bewusst, wie tief meine Empfindungen dazu gehen. Aber wie sollte mir das auch bewusst sein: Ich…

Vom nahenden Tod

Er steigt in das Auto hinein. Ich habe das Gefühl, dass er meinen Blick meidet und ich glaube, dass das daran liegt, dass wir beide wissen, dass es das letzte Mal sein wird, dass wir einander sehen. Er stirbt und, so Gott es will, ich werde noch ein wenig bleiben. Werden wir uns wiedersehen?

Schon jetzt hat der Krebs seinen Körper zerfressen. Man sieht, dass die Krankheit seine Statur und sein Wesen prägt. Aus dem Bär von einem Mann, der stets einen dunklen Rauschbart und einen mächtigen Bauch vor sich her trug, ist ein hagerer, zierlicher Mann mit Glatze geworden. Das Gesicht eingefallen, ein paar vereinzelte weiße Haare. Die Augen ernst. Als ich ihn drücke, habe ich Angst, ihn zu zerbrechen.
Damals hat er mich beschützt. Als ich ein Kind war.
Heute habe ich das Gefühl, dass ich ihm etwas geben muss. Liebe. Zuneigung. Wärme.
Aber wie viel Liebe kann man einem Menschen in so wenigen Stunden zuteil werden lassen?
Was ich ihm geben kann, ist viel zu wenig. Ich fühle mich ihm und seiner Krankheit gegenüber hilflos und unzureichend. Ungenügend. Wie so oft.

Er winkt, als sich das Auto in Bewegung setzt. Mit festem Griff schnürt mir die Beklemmung das Herz zusammen.
Ich wünsche dir Gesundheit und Frieden. Für dich sollte es Farben regnen. Und ich hoffe, dass du sie alle, in diesem oder unserem nächsten Leben, frei von Depression, sehen und genießen kannst.
Ich will dich nicht verlieren, weißt du?
Aber ich will dich auch gehen lassen.
Ich will das, was du willst.
Das was für dich am besten ist.
Zumindest will ich versuchen, das zu wollen.
Für dich.

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