Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom nahenden Tod

Er steigt in das Auto hinein. Ich habe das Gefühl, dass er meinen Blick meidet und ich glaube, dass das daran liegt, dass wir beide wissen, dass es das letzte Mal sein wird, dass wir einander sehen. Er stirbt und, so Gott es will, ich werde noch ein wenig bleiben. Werden wir uns wiedersehen?

Schon jetzt hat der Krebs seinen Körper zerfressen. Man sieht, dass die Krankheit seine Statur und sein Wesen prägt. Aus dem Bär von einem Mann, der stets einen dunklen Rauschbart und einen mächtigen Bauch vor sich her trug, ist ein hagerer, zierlicher Mann mit Glatze geworden. Das Gesicht eingefallen, ein paar vereinzelte weiße Haare. Die Augen ernst. Als ich ihn drücke, habe ich Angst, ihn zu zerbrechen.
Damals hat er mich beschützt. Als ich ein Kind war.
Heute habe ich das Gefühl, dass ich ihm etwas geben muss. Liebe. Zuneigung. Wärme.
Aber wie viel Liebe kann man einem Menschen in so wenigen Stunden zuteil werden lassen?
Was ich ihm geben kann, ist viel zu wenig. Ich fühle mich ihm und seiner Krankheit gegenüber hilflos und unzureichend. Ungenügend. Wie so oft.

Er winkt, als sich das Auto in Bewegung setzt. Mit festem Griff schnürt mir die Beklemmung das Herz zusammen.
Ich wünsche dir Gesundheit und Frieden. Für dich sollte es Farben regnen. Und ich hoffe, dass du sie alle, in diesem oder unserem nächsten Leben, frei von Depression, sehen und genießen kannst.
Ich will dich nicht verlieren, weißt du?
Aber ich will dich auch gehen lassen.
Ich will das, was du willst.
Das was für dich am besten ist.
Zumindest will ich versuchen, das zu wollen.
Für dich.

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