Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Herzen und Augen

"Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll."
(Johann Wolfgang von Goethe)

"Sie haben ein großes Herz", sagt die Bewerberin und sieht mir direkt in die Augen. Ich werde ganz verlegen. Neben mir sitzen meine Geschäftsleitung und mein oberster Chef. Doch die Bewerberin lächelt mich an und spricht einfach weiter: "Man sieht es an ihren Augen, wissen sie?", sagt sie lächelnd, "Augen verraten sehr, sehr viel über einen Menschen. Sie sind ein guter Mensch. Ich hoffe, sie wissen das."
Ich wünschte, sie hätte recht.
Stattdessen habe ich das Gefühl, irgendwo in meinem Inneren, ganz leise, etwas Brechen zu hören.

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