Von Fischen

Mein Verhältnis zu Angel- und Aquaristikläden ist irgendwie speziell. In dieser Art von Laden lerne ich immer mal wieder etwas über mich selbst. Und mache mich zum Apfel. Üblicherweise.

Bei einem Besuch vor ein paar Jahren habe ich beispielsweise über mich selbst gelernt, dass ich offenbar in Maßen zur Objektophilie neige. Anders kann ich mir meine Liebe, die ich urplötzlich für einen Pilker (künstlicher Köder), den ich noch nie im Leben gebraucht habe, nicht erklären. Dieser Pilker lag so schön in meiner Hand. Er hat so perfekt hineingepasst und hatte das ideale Gewicht. Und geglitzert hat er auch. Ich wollte ihn unbedingt haben.

Überhaupt überfallen mich in Angel- und Aquaristikläden häufig Liebesanfälle. So bin ich neuerdings verliebt in einen bezaubernden Fisch, der in dem Laden meiner Wahl fröhlich vor sich hin fischt. Wenn meine Wohnung ein riesiges Aquarium wäre, hätte ich ihn schon gekauft. So stehe ich nur in den letzten Tagen immer mal wieder vor dem Becken und murmle verzüc…

Von all den Geschichten

"In irgendeine Nische passen wir schon rein,
ist sie zu schmal machen wir uns klein.
Irgendeine Ecke findet sich für dich,
irgendeine Ecke, wo du glücklich bist."

(LOT feat. Alin Coen: Nische)

Herrn Müllers Frau brennt durch und räumt ihm die Wohnung aus. Sie leert den Kühlschrank und nimmt sein Auto mit. Frau Fischer holt das Kind ihres Mannes vom Kindergarten ab und verschleppt es nach Tschechien. Seit Wochen ist sie spurlos verschwunden. Mit 12 Jahren wird Frau Müller während eines Praktikums mehrfach sexuell von ihrem Chef und verschiedenen seiner Angestellten missbraucht. Sie wird gerne Autoritäten gegenüber handgreiflich. Herr Arnold hat die sexuellen Übergriffe in seiner Vergangenheit auch nicht verkraftet. Das äußert sich in seinem Verhältnis zu analen Ausscheidungen. Frau Schneider ist hoch verschuldet und kauft sich am Wochenende trotzdem das neueste iPhone. Media Markt ist nur ein weiterer Gläubiger auf einer Liste, die kein Ende nimmt. Und man muss ja auch nicht jeden Brief öffnen, der im Briefkasten liegt. Herr Schmidt läuft dagegen seit Monaten in dem gleichen Hemd umher. Er riecht komisch und hat die letzten Stromrechnungen nicht mehr bezahlt. Frau Meier muss auf Toilette, wenn sie nervös wird. Manchmal bemerkt sie das erst, wenn es bereits zu spät ist. Dann wird sie rot und fängt an zu weinen. Herr Wagners Haus wurde zwangsversteigert. Er ist mit seiner pflegebedürftigen Mutter in eine Gartenlaube gezogen. Weil es keine Heizung gibt, teilen sie sich ein Bett. Frau Weber steht jeden Tag nach der Arbeit am Kiosk am Bahnhof und trinkt in Gesellschaft ihrer Freunde ein paar Flaschen Bier. Außer Freitags. Freitags sitzt sie vorm Aldi und gönnt sich zwei Flaschen Jim Beam. Der Ehemann von Frau Richter zieht sie manchmal aus und fesselt sie bis zur vollkommenen Bewegungsunfähigkeit ans Bett. Es bereitet ihm Freude, sie zu verprügeln, während sie wehrlos dort liegt. Er fotografiert ihre Hämatome und Wunden und sie liebt ihn. Frau Klein wünscht sich ein Kind. Welcher Mann ihr diesen Wunsch erfüllt, ist ihr egal. Sie sehnt sich nur danach, sich ein bisschen weniger einsam zu fühlen. Herr Becker lebt in seiner eigenen Welt und spinnt sich ein Netz aus Lügen. Niemals hat ihn jemand eine Spielhalle betreten sehen. Das Obdachlosenheim ist eine riesige Wohngemeinschaft voller Freunde.

"Auf irgendeine Art und Weise sind wir alle verkrachte Existenzen. Wir stehen am Rand der Gesellschaft. Als Zahl in einer Statistik, die niemanden interessiert. Glauben sie nicht, dass ich das nicht weiß.", sagt mein Mitarbeiter resigniert, "Wir sind nicht umsonst hier gelandet."
Ich möchte meine Hand auf seine legen. Das Gefühl, verloren zu sein, ist mir bekannt. Es ist unerträglich. So gerne würde ich ihm ein wenig mehr Halt in dieser Welt geben.


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