Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von all den Geschichten

"In irgendeine Nische passen wir schon rein,
ist sie zu schmal machen wir uns klein.
Irgendeine Ecke findet sich für dich,
irgendeine Ecke, wo du glücklich bist."

(LOT feat. Alin Coen: Nische)

Herrn Müllers Frau brennt durch und räumt ihm die Wohnung aus. Sie leert den Kühlschrank und nimmt sein Auto mit. Frau Fischer holt das Kind ihres Mannes vom Kindergarten ab und verschleppt es nach Tschechien. Seit Wochen ist sie spurlos verschwunden. Mit 12 Jahren wird Frau Müller während eines Praktikums mehrfach sexuell von ihrem Chef und verschiedenen seiner Angestellten missbraucht. Sie wird gerne Autoritäten gegenüber handgreiflich. Herr Arnold hat die sexuellen Übergriffe in seiner Vergangenheit auch nicht verkraftet. Das äußert sich in seinem Verhältnis zu analen Ausscheidungen. Frau Schneider ist hoch verschuldet und kauft sich am Wochenende trotzdem das neueste iPhone. Media Markt ist nur ein weiterer Gläubiger auf einer Liste, die kein Ende nimmt. Und man muss ja auch nicht jeden Brief öffnen, der im Briefkasten liegt. Herr Schmidt läuft dagegen seit Monaten in dem gleichen Hemd umher. Er riecht komisch und hat die letzten Stromrechnungen nicht mehr bezahlt. Frau Meier muss auf Toilette, wenn sie nervös wird. Manchmal bemerkt sie das erst, wenn es bereits zu spät ist. Dann wird sie rot und fängt an zu weinen. Herr Wagners Haus wurde zwangsversteigert. Er ist mit seiner pflegebedürftigen Mutter in eine Gartenlaube gezogen. Weil es keine Heizung gibt, teilen sie sich ein Bett. Frau Weber steht jeden Tag nach der Arbeit am Kiosk am Bahnhof und trinkt in Gesellschaft ihrer Freunde ein paar Flaschen Bier. Außer Freitags. Freitags sitzt sie vorm Aldi und gönnt sich zwei Flaschen Jim Beam. Der Ehemann von Frau Richter zieht sie manchmal aus und fesselt sie bis zur vollkommenen Bewegungsunfähigkeit ans Bett. Es bereitet ihm Freude, sie zu verprügeln, während sie wehrlos dort liegt. Er fotografiert ihre Hämatome und Wunden und sie liebt ihn. Frau Klein wünscht sich ein Kind. Welcher Mann ihr diesen Wunsch erfüllt, ist ihr egal. Sie sehnt sich nur danach, sich ein bisschen weniger einsam zu fühlen. Herr Becker lebt in seiner eigenen Welt und spinnt sich ein Netz aus Lügen. Niemals hat ihn jemand eine Spielhalle betreten sehen. Das Obdachlosenheim ist eine riesige Wohngemeinschaft voller Freunde.

"Auf irgendeine Art und Weise sind wir alle verkrachte Existenzen. Wir stehen am Rand der Gesellschaft. Als Zahl in einer Statistik, die niemanden interessiert. Glauben sie nicht, dass ich das nicht weiß.", sagt mein Mitarbeiter resigniert, "Wir sind nicht umsonst hier gelandet."
Ich möchte meine Hand auf seine legen. Das Gefühl, verloren zu sein, ist mir bekannt. Es ist unerträglich. So gerne würde ich ihm ein wenig mehr Halt in dieser Welt geben.


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