Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Sicherheitsbedürfnis eines russischen Kastenbrotes

"How I wish you were here...
We're just two lost souls,
swimming in a fish bow..."

(Pink Floyd - Wish you were here)

Es klingelt und als ich die Tür öffne, steht Harry davor. Fröhlich schwenkt er zwei Einkaufstüten vor meiner Nase herum.
"Essen macht glücklich!", ruft er und strahlt mich an.
Ich lächle etwas schief zurück. Die vergangene Nacht hängt mir ein wenig hinterher. Zu drei Stunden Schlaf habe ich es immerhin gebracht. Den Rest der Zeit habe ich meine Gedanken zu Tode gegrübelt. Jetzt fühle ich mich, als hätte ich den vergangenen Abend mit zwei Flaschen schweren Rotweins verbracht. Dafür bin ich nicht mehr so überdreht und aufgewühlt. Nur noch müde.

Harry drückt sich an mir vorbei und läuft in die Küche.
"Ich habe so leckere Sachen gekauft, Muschelmädchen!", stellt er begeistert fest und fängt sofort an, mir eine Reihe von Lebensmitteln aufzuzählen.
Während er erzählt, lasse ich mich erschöpft auf den nächsten Stuhl fallen und präsentiere meine allerschönsten Schlumpelklamotten: Meine Füße zieren dicke, wollene Stiefelhausschuhe, meine Beine stecken in einer dunklen, dünnen Leggins und der Rest meines Körpers erinnert vermutlich entfernt an ein sprechendes Kastenbrot. An ein pinkes sprechendes Kastenbrot, denn ich verstecke mich in einem viel zu riesigen pinken Pullover. Und einen Schal trage ich auch. Ich sehe aus wie eine russische... ein russisches Kastenbrot.

"Hast du auch russisches Brot mitgebracht?", frage ich Harry kontextlos, aber durchaus interessiert.
Er unterbricht seinen Monolog und schaut mich verwirrt an.
"Was?", fragt er irritiert.
Ich beiße mir auf die Lippen, jetzt muss ich doch grinsen.
"Gibt es einen Nachtisch?", präzisiere ich meine Frage.
"Ach so!", Harry seufzt und sieht mich amüsiert an. "Natürlich gibt es einen Nachtisch, Nussbäumchen!", sagt er.
"Einen mit Schokolade?", frage ich hoffnungsvoll.
"Pf.", sagt Harry nur. Dann nuschelt er: "Natürlich mit Schokolade. Als ob ich dich nicht schon hundert Jahre kennen würde!".
Jetzt lächle ich ihn offensiv an. Ich freue mich. Aber als ich nach der Tüte greifen will, um herauszufinden, was es zum Nachtisch gibt, verscheucht er mich.
"Ich: Küche. Du: sitzen!", weist er streng an.
Ich versuche beleidigt zu gucken, setze mich aber folgsam wieder auf meinen Stuhl. Mit dem Alter bin ich weiser geworden: Ich sammle Bonuspunkte im voraus.
"Du, Harry?", frage ich und ziehe seinen Namen ein wenig in die Länge. Er guckt sofort genervt, denn er weiß, was ihm blüht.
"Was ist denn, Muschelmädchen?"
"Können wir mit dem Nachtisch anfangen? Erst den Nachtisch essen und dann den Hauptgang?", frage ich und gucke so liebenswürdig, wie es mir möglich ist.
"Nein!", sagt er bestimmt.
"Och...", sage ich, "Komm schon..."
"Nein."
"Aber Harry?", frage ich weiter, "Das ist doch viel besser? Dann isst du von der Hauptspeise nicht mehr so viel, weil dich der Nachtisch schon satt gemacht hat, und kannst dir noch etwas für morgen mitnehmen? Dann musst du morgen nicht kochen?"
"Vergiss es, Muschel!", knurrt er grimmig und ich muss lächeln.
Ich liebe es, ihn zu ärgern! Außerdem weiß ich ganz genau, dass ich trotzdem Nachtisch vor dem Essen naschen darf. Denn Harry ist der einzige Mann in meinem Leben, der mich die Reihenfolgen kippen lässt. Wie gerne ich ihn mag...

Er beugt sich zu mir hinab und mustert mich.
"Du gefällst mir heute nicht.", stellt er sanft fest und streicht mir über den Kopf.
Ich lehne mich an ihn an und schließe die Augen. Harrys Bauch fühlt sich weich und warm an.
"Willst du mir erzählen, was los ist?", fragt er.
Ich schüttle den Kopf, überlege es mir aber nur einen Augenblick später anders.
"Ich fühle mich nicht mehr sicher.", sage ich und spare mir die anstrengende Einleitung einfach. Er schweigt. "Mir ist das alles, was im Moment passiert, zu viel. Es gibt nur noch zwei Menschen in meinem Leben, bei denen ich mich absolut sicher fühlen kann und beide sehe ich viel zu selten. Ich habe das Gefühl, völlig in der Luft zu hängen. Alle Menschen, die mir nahestehen, ...".
Ich überlege, was ich sagen will. Schließlich entscheide ich mich aber für die vollkommen direkte Variante.
"Es reicht mir einfach.", stelle ich fest, "Ich will nicht mehr verletzt werden. Ich will mich nicht unter Druck setzen lassen, will nicht mehr wie selbstverständlich geben, will nicht mehr, dass man über meine Gefühle hinweggeht, will keine guten Ratschläge mehr, will nicht mehr daran teilhaben müssen, dass jeder es grundsätzlich immer besser weiß, will mir nicht mehr sagen lassen, wie ich sein sollte, was ich tun und lassen sollte, wer ich bin. Ich will mich nicht mehr beurteilen lassen. Nicht mehr verurteilen lassen. Nicht mehr bewerten lassen. Ich habe das Gefühl, permanent bewertet zu werden, in allem, was ich tue und sage.".
Ich hole tief Luft.
"Ich will jemanden, der mich in den Arm nimmt und mich mag. Ganz einfach. Jemanden, der mir sagt: Es ist okay. Du bist okay. Alles wird gut. Jemanden, der mir eine Hand reicht. Der mich mit Schlumpelklamotten, ungeschminkt und unterschiedlich farbigen Socken mag. Jemanden, bei dem ich einfach... Ich will Sicherheit. Ich will... Ja. Einfach nur Sicherheit. Keine Verletzungen mehr. Nur Stille und Nähe und absolute, zweifellose Sicherheit.".
Harry lächelt. "Du brauchst Zeit, um dich zu regenerieren...", fügt er sanft hinzu.
"Hey...", beschwere ich mich leise, "Das sind meine Worte..."
"Und sie sind wahr.", sagt er, geht neben mir in die Hocke und legt seine Arme um mich. Das fühlt sich an, als würde er mich vor dem Auseinanderfallen bewahren. Das ist... gut. Es bringt mir ein wenig Frieden und Ruhe.
Davon brauche ich so viel mehr.

Später, nachdem er gegangen ist, wird mir kalt. Vielleicht brauche ich diese Art der Sicherheit dauerhaft. Einen Menschen, der mit der Fingerspitze mein Herz antippt. Sanft. Der sanft bleibt und mir über Beständigkeit die Angst nimmt. Aber das ist nicht möglich. Das gibt es nicht.


Kommentare

  1. Ich schließe mich der Frage von Frau Ziggenheimer an: Wieso sollte es das / ihn nicht geben? Was gibt Dir die Gewissheit?
    Du bist so ein kluges Mädchen, Du solltest es besser wissen! Gib. Nicht. Auf!
    Ich drück´ Dich!

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    1. Ich finde es irgendwie nett, dass ich bei dir noch als Mädechen durchgehe. :-)
      Dann verweise ich dich auch mal an meine Antwort auf Helmas Frage oben.
      Ich gebe nicht auf. Das ist gar keine Option. Niemals.
      Eine Umarmung zurück! :-)

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  2. Alles ist möglich.
    Und so lange alles möglich ist, darf man auch daran glauben,
    dass es das gibt.
    Und so lange man glauben kann, muss man auch.

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  3. Hmm. Dazu fallen mir ein paar Fragen ein, die ich aber lieber nicht hier im blog stellen möchte. Darf ich sie dir per E-Mail stellen?

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