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Vom Zufluchtsort

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„Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“
(Michael Ende: Momo)
Ich mag die Art, wie er sein Leben lebt. Er hat sich fast vollkommen aus der Gesellschaft zurückgezogen, lebt annähernd autark. Weil er nicht oft seinen Wald verlässt, sieht er immer ein bisschen schlumpelig aus. Die grauen Haare sind meistens ein wenig zauselig und zu lang, seine Kleidung wirkt alt und manchmal etwas zu groß und seine Schuhe sind ganz ausgetreten. Wann immer ich ihn besuche, erwartet er mich an dem großen hölzernen Tor seines Grundstückes. In seinen Augen spiegelt sich die Freude darüber, mich zu sehen und die Pfeife, die zu fast jeder Tages- und Nachtzeit seinen Mundwinkel ziert, wippt lustig, wenn er seine Lippen zu einem warmen Lächeln verzieht. Sein liebes, vom Leben gegerbtes Gesicht öffnet mir das Herz.
Wann immer ich ihn besuche, lerne ich etwas. Über die Arbeit mit den Händen, über Selbstorganisation, Bescheidenheit, mich selbst und nicht zuletzt über das Leben. Dabei ist …

Vom Opfersein

(Mir war schon bewusst, dass die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht", die in den Medien ja relativ kontrovers diskutiert wurde, nicht spurlos an mir vorbeigeht. Sie mir anzusehen ist eine Aufgabe, die ich mir selbst gestellt habe. Manchmal ist es mir wichtig, mir selbst zu beweisen, dass ich keine Angst mehr haben muss. Weder vor Erinnerungen, noch vor den Gefühlen, die diese in mir lostreten. Aber ein paar von den Empfindungen, die die Serie in mir hervorruft, muss ich hier parken. Damit ich sie wieder loslassen kann. Kompensations-Schreiben halt. Ihnen ist ja bewusst, dass dieser Blog fast ausschließlich ungefiltertes Kopfchaos von mir enthält. Hoffe ich.)

"Gewalt nimmt nicht immer sichtbare Formen an, und nicht bei allen Verletzungen fließt Blut."
(Haruki Murakami: IQ84)

Opfer sein. Ich war für zwei Jahre Opfer. Auf dem Schulhof. Drohungen, Nötigung, psychische und physische Gewalt. Jungs sind zwar grob, aber Mädchen sind grausam. Das ist es zumindest, was i…

Von dem Klischeemann in mir

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(Von der Klischeefrau in mir)
Manchmal fühle ich mich so gar nicht weiblich. Dennoch bin ich aber eine Frau. Indizien dafür habe ich ja schon vor kurzem aufgelistet. Nun gibt es aber auch noch, natürlich, gewisse Indizien, die dafür sprechen, dass ich, trotz eindeutig weiblichen Aussehens, auch ein paar männliche Klischees ganz gut erfülle:
Salat ist für mich kein Essen. Maximal ein Teil eines Essens. Eine Vorspeise. Aber er macht nicht satt. Und wenn ich die freie Wahl habe, dann entscheide ich mich gerne für ein gutes Stück Steak. Medium rare. Ich bin schließlich kein Kaninchen.Ich habe eine Freundin, die unglaublich darauf steht, sich Essen zu teilen, wenn man zusammen essen geht. Wenn ich mich weigere mein Essen mit ihr zu teilen, begeht sie Mundraub. Wenn ich mich darauf einlasse, mein Essen zu teilen, isst sie den Belag von der Pizza und lässt mir den Boden über. Ich hasse es, Essen zu teilen. Wenn ich jemals mein Essen mit jemandem teile, dann entweder aus Höflichkeit oder aus…

Vom schwimmenden Kompliment

"Komm, wir gehen zusammen den Bach runter, denn ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert..."
(Alligatoah: Willst du)
Irgendwann necke ich ihn mal wieder. Solange, bis er seine Hände auf meine Hüften legt, sein Gesicht zu mir hinunterbeugt und gefährlich leise sagt: "Hör auf, mich zu ärgern. Anderenfalls stopfe ich dir den Mund." Von da an sind wir friends-with-benefits. Zwar ist er das eine oder andere Jahr jünger als ich, aber ich mag es, dass er im Bett weiß, was er tut und sich nicht davor scheut, auch mal zuzupacken. Er ist der erste Mann, bei dem ich mich nicht unwillkürlich frage, was er da unten tut, während er mich hingebungsvoll leckt. Stattdessen kann ich mich einfach fallenlassen. So sehr, wie man sich eben fallenlassen kann, wenn man sich turtelnd und lachend in einem leeren Vorlesungssaal verbarrikadiert hat.

Eines Morgens, wir sind gerade miteinander durch die Betten getobt, liegen wir rücklings nebeneinander auf der weichen Matratze, atemlos…

Vom äußeren Eindruck

Hals, Kopf, Gliederschmerzen, Husten. Also verkrieche ich mich heute Abend unter der Bettdecke. Und stelle dabei fest, dass ich manchmal eben doch ganz schön weiblich bin: Beim Aussuchen eines Gerichtes vom Lieferservice kann ich mich nicht entscheiden und bestelle mich deshalb einmal quer durch die ganze Karte hindurch. Ohne Hunger, dafür aber mit ein wenig Appetit.
Später öffne ich dem Lieferservicemann die Tür. So wie ich eben bin. Mit dickem Schal um den Hals. Einen grauen Oversize-Winterpulli, pinke Leggins und dicke Wollhausschuhe tragend. Wider Erwarten schreckt mein Gegenüber nicht, oder zumindest nicht merklich, vor meinem Anblick zurück. Dafür grüßt er mich fröhlich mit Vornamen. Und dann bricht, während ich die Bestellung entgegennehme, auch noch eine der Katzen aus und scharwenzelt dem flotten Lieferservicemann um die Beine, als hätte sie seit Jahren keine menschliche Gesellschaft mehr genossen.
Oh Gott! Die beim Lieferservice duzen mich schon, weil ich so oft bestelle. Di…

Vom Berlin City Girl

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Ich habe heute Morgen gelernt, dass ich den verqueren Morgen auch in andersherum schaffe - nämlich nicht, wie hier beschrieben, in "alles geht schief", sondern durchaus auch mal in der "Besser geht es nicht!"-Variante.

Es ist 7:30 Uhr, als ich mit meinem Firmenwagen ("Rasowski") an einer Ampel in der Innenstadt stehe. Wie fast jeden Morgen wecke ich mich laut mit Musik. Aus den Boxen dröhnt Culcha Candelas "Berlin City Girl". Das passt zu mir, denn ich bin eine waschechte Berliner Göre. Und in manchen Momenten, wenn ich Berlin vermisse, höre ich dieses Lied auf voller Lautstärke. Wie fast immer hüpfe ich auch heute wie ein Flummi hinter dem Lenkrad herum und tanze, so gut es mir im Sitzen eben möglich ist.
In meinem Augenwinkel leuchtet plötzlich etwas Oranges auf. Als ich aus dem Fenster blicke, sehe ich etwa drei Meter von mir entfernt einen Mitarbeiter der Entsorgungsbetriebe stehen. Von Kopf bis Fuß in orange gekleidet. Er wendet mir den Rüc…

Vom Versteck im Kleiderschrank

'Ja, aber glaben Sie denn wirklich, Herr Professor', fragte Peter, 'andere Welten sind überall zu finden, und einfach nur so um die Ecke herum?'
'Nichts ist wahrscheinlicher', antwortete der Professor. Er nahm seine Brille von der Nase und putzte sie sorgfältig. Dabei murmelte er: 'Ich frage mich wirklich, was sie ihnen eigentlich auf den Schulen beibringen.'

(C.S. Lewis: Die Chroniken von Narnia)

Zwei Jahre meines Lebens habe ich weitestgehend damit verbracht, so zu tun, als würde ich am Leben teilnehmen:
In Wahrheit öffne ich morgens, während das Haus bereits vom geschäftigen Treiben erfüllt ist und alle abgelenkt sind, ein Kellerfenster. Ich verabschiede von meinen Eltern, um zur Schule zu gehen. An den meisten Tagen hege ich sogar den ernsthaften Vorsatz wirklich hinzugehen. Aber meistens überwiegt die Angst, die Angst vor allem und vor allem vor all den Menschen. So dass meine Schritte, je näher ich der Schule komme, immer schwerer werden und …