Vom Irren

Es ist nicht so, dass ich nicht versucht habe, mich mit ihm darüber zu unterhalten. Aber wenn ich daran denke, wird mir übel. Weil ich seine Argumentation so unterirdisch finde.
"Was soll ich denn tun, wenn ich dich anfassen will? Dann muss ich das doch."
"Ich kann nichts dafür, dass du scharf bist."
"Du tust ja gerade so, als hätte ich dich vergewaltigt."
"Nicht, dass du jetzt zu einer frigiden Trulla wirst!"

Heute hat mich jemand, der diesen Blog liest, gefragt, ob mich dieses Thema, das ich in meinem Jahresrückblick angeschnitten habe, noch beschäftigt. Meine Antwort war "Ja." Danach konnte ich nicht mehr sprechen, weil der müselig zusammengekleisterte Staudamm sich angefühlt hat, als wäre er kurz davor, zu brechen. Ich hatte sofort Tränen in den Augen und einen riesigen Kloß im Hals. Das hat mich selbst erschrocken. Bisher war mir nicht bewusst, wie tief meine Empfindungen dazu gehen. Aber wie sollte mir das auch bewusst sein: Ich…

Von der späten Erkenntnis

Zwischen Staubsaugen und dem Abwaschen des alten Geschirrs, ist er plötzlich da, dieser Moment, auf den ich seit vielen, vielen Monaten warte: Mit einem Male fühlt es sich richtig an, mir einen Stapel weißes Papier zu nehmen und ihm einen Brief zu schreiben. Mein Stift fliegt über die leeren Seiten, füllt sie mit Worten, während sich zeitgleich mein Kopf immer mehr leert. Ich schreibe alles auf, was mir auf der Seele liegt. Alles, was mir wichtig erscheint und alles, was ich sagen will. Fast vier Stunden lang schreibe ich.

Erst einige Stunden danach spüre ich die Sackgasse, in die mich dieses Schreiben hineingezwungen hat. Denn es geht mir nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich ringe vielmehr um Fassung und mir ist danach, mich zusammenzurollen und zu weinen. Denn mit einem Schlag wird mir bewusst, dass die Zeilen, die ich geschrieben habe, niemals ihren Empfänger erreichen dürfen. Denn es ist doch so: Wir haben seit vielen, vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Und nichts und niemand gibt mir das Recht, das, in Form meines Briefes, zu ändern. Es steht mit schlicht und ergreifend nicht zu, einem Menschen, den ich früher mal kannte, der mir aber heute vollkommen fremd ist, mit meinen Zeilen zu konfrontieren. Es wäre eine vollkommen brachiale Art und Weise in seine Welt, seinen Alltag, vielleicht: seine Familie einzudringen.

Wenn ich ihm den Brief schicken würde, wäre es absolut egoistisch. Denn eines ist ganz klar: Ich habe all die Worte für mich geschrieben. Damit es mir besser geht. Damit ich verstehen kann. Damit es mir möglich wird, loszulassen. Das zu erkennen, fühlt sich für mich an, als müsste ich zwischen seinem und meinem Wohlbefinden wählen. Und ich bin kein Mensch, der sein eigenes Wohl über das anderer Menschen stellen kann.

Ich darf ihn also nicht mit meinen Gedanken und Gefühlen belasten.
Richtig?
Ach, fuck. Das ist so scheiße.

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