Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von der späten Erkenntnis

Zwischen Staubsaugen und dem Abwaschen des alten Geschirrs, ist er plötzlich da, dieser Moment, auf den ich seit vielen, vielen Monaten warte: Mit einem Male fühlt es sich richtig an, mir einen Stapel weißes Papier zu nehmen und ihm einen Brief zu schreiben. Mein Stift fliegt über die leeren Seiten, füllt sie mit Worten, während sich zeitgleich mein Kopf immer mehr leert. Ich schreibe alles auf, was mir auf der Seele liegt. Alles, was mir wichtig erscheint und alles, was ich sagen will. Fast vier Stunden lang schreibe ich.

Erst einige Stunden danach spüre ich die Sackgasse, in die mich dieses Schreiben hineingezwungen hat. Denn es geht mir nicht besser. Ganz im Gegenteil. Ich ringe vielmehr um Fassung und mir ist danach, mich zusammenzurollen und zu weinen. Denn mit einem Schlag wird mir bewusst, dass die Zeilen, die ich geschrieben habe, niemals ihren Empfänger erreichen dürfen. Denn es ist doch so: Wir haben seit vielen, vielen Jahren keinen Kontakt mehr. Und nichts und niemand gibt mir das Recht, das, in Form meines Briefes, zu ändern. Es steht mit schlicht und ergreifend nicht zu, einem Menschen, den ich früher mal kannte, der mir aber heute vollkommen fremd ist, mit meinen Zeilen zu konfrontieren. Es wäre eine vollkommen brachiale Art und Weise in seine Welt, seinen Alltag, vielleicht: seine Familie einzudringen.

Wenn ich ihm den Brief schicken würde, wäre es absolut egoistisch. Denn eines ist ganz klar: Ich habe all die Worte für mich geschrieben. Damit es mir besser geht. Damit ich verstehen kann. Damit es mir möglich wird, loszulassen. Das zu erkennen, fühlt sich für mich an, als müsste ich zwischen seinem und meinem Wohlbefinden wählen. Und ich bin kein Mensch, der sein eigenes Wohl über das anderer Menschen stellen kann.

Ich darf ihn also nicht mit meinen Gedanken und Gefühlen belasten.
Richtig?
Ach, fuck. Das ist so scheiße.

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