Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von der stumpfen Nuss

Wenn ich dieses Wochenende etwas gelernt habe, dann ist es wohl, dass es nicht allzu klug ist, immer alles an Gedanken und Gefühlen mit sich selbst auszumachen. Denn auch wenn das Motiv, andere nicht mit den eigenen Nöten und Sorgen belasten zu wollen, vermutlich ehrenhaft ist, muss ich das Erlebte irgendwann beichten. Und merke unterdessen, dass es ziemlich verletzend für die beste Freundin ist, zu bemerken, dass sie mir nicht die Stütze sein durfte, die sie mir gerne gewesen wäre. Nachdem ich ziemlich zittrig beichte, dass ich schwanger war und das Kind verloren habe, ist sie diejenige, die völlig fassungslos, mit Tränen in den Augen, vor mir sitzt und wieder und wieder fragt: "Aber warum hast du denn, verdammt nochmal, nichts gesagt?!"
Schock und Ungläubigkeit stehen ihr gleichermaßen ins Gesicht geschrieben.
Eine wirklich gute Erklärung habe ich nicht. Denn ich habe nichts gesagt, um sie, die es gerade eh nicht leicht hat, nicht noch zusätzlich zu belasten. Das ist allerdings so gar nichts, was sie hören will. Was so ungefähr die freundliche Übersetzung von "Das ist mir scheißegal, Muschelmädchen! Ich will, dass du mir solche Sachen sagst!" ist.

In den viel zu kurzen fünf Stunden, die wir uns am Sonntag sehen, weil uns normalerweise halb Deutschland trennt, durchleben wir einmal die komplette Gefühlspalette. Wir weinen zusammen, lachen Tränen, trinken Bier, sterben fast, werden Unfallzeuge, essen Eis, verlieren uns in der thailändischen Küche, lassen schweigend den Blick über das weite Meer schweifen und reden uns dennoch leer.
Am Ende fühle ich mich erschöpfter als je zuvor.
Denn es fühlt sich an, als hätte ich mir Salz in die noch viel zu frischen Wunden gestreut.
Trotzem spüre ich, dass ich diese Art von Gespräch gebraucht habe.
Diese Art von Umarmung, die vielen liebevollen Worte und das Gefühl, jemandem etwas zu bedeuten. Ich durfte reden. Und fühle mich jetzt viel weniger allein.

"Ich bewundere deine Stärke.", sagt sie, als sie mich zum Abschied schließlich in eine feste Umarmung zieht.
Ich zucke mit den Schultern.
"Die Leute sagen mir ständig, ich weine zu wenig.", gebe ich nachdenklich zurück, "Und von allen Seiten höre ich wieder und wieder, dass ich trauern soll. Dann frage ich immer: Wie geht denn das? Wie trauert man? Aber bisher habe ich es noch nicht so richtig rausgefunden. Ich weiß nur, dass ich mich nicht wochenlang im Bett zusammenrollen, weinen und mich selbst bemitleiden kann. Das funktioniert für mich nicht."
Ich atme tief ein.
"Ich glaube, ich bin einfach eine fürchterlich stumpfe Nuss.", sage ich, "Ich bin so pragmatisch, dass es schon fast schmerzt. Versteh mich bitte nicht falsch: Es tut weh, was passiert ist, es tut wirklich richtig weh. Aber ich kann es doch nicht ändern... Also mache ich weiter. Versuche zurück zur Normalität zu finden. Ich glaube, dass das alles ist, was ich für mich selbst tun kann."
Meine Freundin lächelt zaghaft.
"Ich hab dich lieb, du pragmatische, stumpfe Lieblingsnuss."
"Ich hab dich auch lieb.", flüstere ich leise und halte sie noch einen Moment länger fest.
Wohlwissend, dass uns in nur wenigen Stunden schon wieder hunderte von Kilometern trennen.

Kommentare

  1. Das liest sich sehr gut. Und das ist Trauerarbeit. Anderen von deinem Verlust erzählen. Trotzdem nicht aus dem Auge verlieren, dass es weiter geht, und man wieder zu einer Art Normalität zurückfinden muss. Das schmerzliche dran Denken. Das liebevolle dran Denken. Das Zulassen, dass einem halt manchmal die Tränen kommen. Und dann gleich drauf mal wieder lachen.

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  2. Immer eine "stumpfe Nuss" zu sein ist genau so falsch, wie niemals eine zu sein. Anders: Jede Trauer die man hat, muss man "vearbeiten" wie man es in dem Fall jeweils für richtig hält.

    Gute Freunde verstehen das. Gute Freunde sind nicht eingeschnappt es auch mal nicht erfahren zu haben. Gute Freunde können das ab.

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