Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von Bewerbern

Das Jo.bcen.ter ist seltsam. Ich meine, mir ist bewusst, dass Mitarbeiter des Jo.bcen.ters auch nur nach Vorgaben handeln. Aber die Bewerber, die mir im letzter Zeit vom Jo.bcen.ter vermittelt werden, werden immer seltsamer. Für eine Stelle in der Produktion, bei der man körperlich belastbar sein muss, wurde mir zuletzt ein Bewerber vorgeschlagen, dem ein ganzer Arm fehlte. Ein anderer hatte Glasknochen. Und ein Dritter erzählt mir während unseres Gespräches, dass er mal ein führendes Mitglied einer bekannten Motorradgang war und mit einem Fingerschnipsen den Laden hier abbrennen könnte, ohne sich selbst dabei die Hände schmutzig zu machen, wenn er das denn wollte. Ich bin ein Mädchen. Natürlich schrecke ich vor Einstellungen dieser Art zurück. Weil ich diese Erfahrung bereits gemacht habe. Und sie mich, vor gar nicht allzu langer Zeit, fast meinen Job gekostet hätte.

Auch das heutige Bewerbungsgespräch läuft nicht besser.
Denn das heutige Gespräch endet bereits nach 15 Minuten. So lange brauche ich, bis mir der Bewerber schüchtern offenbart, dass er eigentlich gar nicht arbeiten möchte, weil er vor einiger Zeit schwer erkrankt ist und seine Lebenserwartung, laut ärztlichem Befund, mehr als absehbar ist. Verdutzt sehe ich ihn an und frage ihn ziemlich verwirrt, warum er denn dann hier ist?
Sollte er nicht dort draußen sein, zeige ich auf das Fenster, um die Sonne und das Leben zu genießen?

Er nickt, mit Tränen in den Augen. Erzählt, dass er am allerliebsten Zeit mit seiner Familie verbringt. Aber das er auch versteht, dass er sich arbeitswillig zeigen muss, damit das Jobcenter ihm die Leistungen nicht kürzt. Er würde ja arbeiten wollen. Sagt er. Wenn er nicht solche Schmerzen hätte. Und seine Zeit nicht so knapp bemessen wäre.

Als ich ihn später zur Tür begleite, ihm behutsam die Hand drücke und alles Gute wünsche, lächelt er. Wir alle müssen das Leben viel mehr genießen, sagt er, das vergessen wir viel zu oft.
Ich nicke nachdenklich. Und spüre intuitiv, wie viel Wahrheit in den Worten steckt, die er mir mit auf den Weg gibt.

Kommentare

  1. Ich möchte ganz vorsichtig eine Frage stellen... Wenn man schwer erkrankt ist, so dass die Lebenszeit nur noch begrenzt ist - ist man dann nicht arbeitsunfähig und als solches auch geschrieben? Dann muss man sich nirgends bewerben..
    Ich würd es gern verstehen..

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    1. Er hatte ein ärztliches Schreiben (keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) mit. Das war auch aktuell datiert. Darin war vermerkt, welche Tätigkeiten er machen darf. Nicht heben, nicht lange stehen, nicht viel laufen usw.
      Es mag auch durchaus sein, dass es noch Jobs gibt, denen er nachgehen kann. Aber für einen Job in der Produktion kommt er definitiv nicht in Frage - um das zu sehen, war kein ärztliches Attest notwendig. Er kann keine drei Meter laufen, ohne zu husten, sich festzuhalten und zu schwanken. Wenn ich ihn in die Produktion stelle, dann kann ich warten, bis er in die nächste Maschine hineinfällt. Und das... will ich nicht.

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    2. Hm. Meinst du, ich war zu nachsichtig?

      Ich muss zugeben, dass ich heute sicher auch nicht ganz objektiv war. Ohne die Krankheit beim Namen nennen zu wollen, sei gesagt, dass mein Opa an der gleichen Krankheit verstorben ist. Sie ist immer tödlich. Ein langsames Sterben, bei dem man in seinem eigenen Körper ertrinkt und am Ende nacheinander die Organe versagen.
      Ich habe meinen Opa vor ein paar Jahren beim Sterben begleitet. Es kann sein, dass ich deswegen... vielleicht irgendwie... befangen bin und war. Und nicht zu Klarsicht fähig.

      Nur... also wirklich, es wäre absolut gegen die Fürsorgepflicht eines Arbeitgebers, einen Menschen mit dieser Erkrankung in die Produktion zu stellen.

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    3. Nein, das kann niemand wollen. Ich danke Dir ehrlich für die Antwort, es hat mich wirklich verwundert.
      Warum man den Mann nicht schont und ihn arbeitsunfähig schreibt, versteh ich dennoch nicht. Für ihn tut es mir wirklich richtig leid.
      Das Leben genießen.. ja das sollten wir wirklich viel öfter und inniger tun.

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    4. Ich glaube, dass es schwierig ist, beurteilen zu können, inwieweit jemand zu etwas in der Lage ist oder nicht. Ich hab es in der eigenen Firma erlebt: Es gibt Diagnosen, durchaus, jedoch jeder geht anders damit um und bei aller Rücksicht auf Individualität des Menschen: Manche ruhen sich tatsächlich auf Diagnosen aus.
      Jedoch in Deinem speziellen Fall - wenn Du aus eigener Erfahrung Krankheit, Verlauf und auch das unausweichliche Ende kennst - dann ist es nicht zu nachsichtig beurteilt. Dann hast Du vor Deiner Position vor allem als Mensch reagiert - und gerade so etwas vermisse ich immer öfter. Umso schöner zu lesen, wie es auch anders geht.

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    5. Ich verstehe deine Frage, kann dir das allerdings - zu meinem Schrecken - auch nicht so recht beantworten. Ich nehme an, weil er durchaus, wenngleich nur sehr beschränkt, arbeitsfähig ist - im zu ihm passenden Job, Zeitrahmen, bei auf ihn abgestimmten Arbeitsbedingungen usw.

      Aber: Die Antwort auf deine Frage finde ich heraus. Ich hab bestimmt demnächst Mal wieder einen Mitarbeiter vom Jo.bcen.ter am Telefon. Dann frage ich mal und lasse dich die Antwort wissen...

      (Am Rand sei noch bemerkt, dass es für diesen Mann sicher nicht zu einer Einstellung kommen wird. So bitter sich das anhört: Der Arbeitgeber müsste regelmäßige Krankheitsaufälle einkalkulieren... Die er dann bezahlt. Zumindest für 6 Wochen. Das wird niemand tun...)

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  2. Bei uns heisst das Jo.bcen.ter Arbe.itsm.arkts.ervi.ce. Macht es auch nicht besser. Ich habe aufgehört, mit denen arbeiten zu wollen. Recht gut in Erinnerung ist mir ein Fall, wo der Bewerber noch ein halbes Jahr bis zur Pensionierung hatte. Er wollte nicht mehr arbeiten. Wir haben im Vorfeld das Arbe.itsm.arkts.ervi.ce gebrieft, dass wir jemanden suchen, der uns möglichst jahrelang erhalten bleiben soll. Auf Rückfrage hieß es, dieser Bewerber sei ihnen "druntergerutscht". Bei der nächsten offenen Stelle, 2 Monate später, hatte ich denselben Bewerber wieder in den Unterlagen. Da hatte er dann noch 4 Monate zur Pensionierung. Im Vorgespräch mit dem Arbe.itsm.arkts.ervi.ce klang das alles noch so gut. Sie selektieren vor, sie schicken nur Bewerber, die auch wirklich geeignet sind, je genauer unser Briefing, desto besser ihre Bewerberauswahl... nix war's.
    Was deinen Bewerber betrifft, so kann ich seine Motivation des "Arbeitswilligkeit zeigen" gut verstehen, aber das ist ein grausames System.
    Hier hat man ja inzwischen ein System eingeführt, wonach du krank geschrieben wirst (ob bei dieser Krankheit, kann ich natürlich nicht beurteilen), und du von Zeit zu Zeit beim Amtsarzt vorstellig werden musst, der überprüft, ob du wieder arbeitsfähig bist. Wenn es für den Todkranken gut kommt, ist er nach 1-2 Jahren wegen Krankheit frühpensioniert (wobei natürlich auch fraglich ist, ob das wünschenswert ist). Wenn es schlecht kommt, stecken diese Menschen manchmal bis zu ihrem Ende in diesem System. Die Politik versucht von Zeit zu Zeit, unser Sozialsystem "zu verbessern" bzw. "gerechter" zu machen. Ob es ihnen gelingt, ist eine andere Frage.

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    1. Das mit dem Amtsarzt gibt es bei uns auch; ich glaube, insbesondere dann, wenn man über diese 78 Wochen der von der Krankenkasse bezahlten Arbeitsunfähigkeit hinaus ist - oder wenn sie prüfen wollen, ob man tatsächlich so krank ist wie es zB der Hausarzt bescheinigt. Was das für Mühlen sind, vor allem dann, wenn es in eine Frühberentung enden soll, habe ich bei einem Freund von mir erlebt. Mit der Arbeitsagentur ist es schon schwierig, aber mit der BfA, also der Rentenstelle, da findet man oft keine Worte. Für den Freund von mir war die Frühpensionierung tatsächlich ein Segen, weil arbeitsmäßig nichts mehr geht und voraussichtlich auch nicht mehr gehen wird - und man selbst als Frührentner mit Mini-Mini-Jobs (die man aus Gesundheitsgründen jederzeit aufgeben kann) dazuverdienen darf. Insofern war ihm der Druck von Seiten des Amtes aber genommen, was wiederum gut für seinen gesundheitlichen Fortgang ist.
      Ich persönlich kann mich über die Agentur als Vermittler nicht beklagen. Die schicken uns tatsächlich nur auf den Tisch, was wir wirklich auch suchen und brauchen. Wir sind allerdings nicht in der Produktion.
      Aber wir hatten auch schon Bewerber, die geschickt wurden und auch nicht mehr all zu lange bis zur Pensionierung hatten. Manche wollen wirklich diese Zeit noch nutzen, andere nicht mehr, die sagen uns das offen und bitten dann um den Stempel und die Bestätigung, dass sie da waren, sich beworben haben, wir uns aber für jemand anderen entschieden.
      Hinsichtlich der Verbesserung des Sozialsystems habe auch ich so meine Bedenken. Ich hoffe wirklich, dass wir eines Tages nicht in amerikanischen Verhältnissen enden.

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  3. @all: Zur Frage "Arbeitsunfähigkeit bei tödlicher Erkrankung"

    Es ist inzwischen menschenverachtender Standard, dass die Arbeitssklaven gefälligst bis zur letzten Sekunde der neoliberalen Verwertungsmaschinerie zur Verfügung stehen müssen. Im letzten Jahr erhielt eine gute Freundin die tödliche Diagnose. Sie wäre gerne noch gereist, durfte sich aber ständig zu irgendwelchen Untersuchungen / Terminen o.ä. einfinden mit dem Bestreben, ob sie nicht doch noch irgendwie arbeiten gehen kann. Den letzten derartigen Termin hatte sie knapp eine Woche vor ihrem Tod.

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    1. Brrr. Das ist einfach nur furchtbar...
      Mein Beileid, Rano.

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