Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von der Glaskugel

„Ich lebe in einer engen Welt der alten Wörter, dachte er, es gibt keine neuen. Selbst die neuen Dinge benennen wir mit alten Wörtern. Und für die Dinge, nach denen man sich sehnt, findet man keine. Wenn man die Sehnsüchte benennen könnte wie die tausend Düfte der Tees...“

(Ewald Arenz: Der Teezauberer)


Muschelmädchen ist ein aufgewecktes Kind. Das ihr der Schalk im Nacken sitzt, ist kaum zu übersehen. Die blonden Haare stehen wirr in alle Richtungen ab, tausende kleiner Sommersprossen sammeln sich auf ihrer Nase und beginnen zu tanzen, wenn sie lacht. Sie ist fröhlich und frech, lässt sich schnell von den Dingen begeistern, die die Welt zu bieten hat, und hinterfragt annähernd alles. Die Liebe zur Sprache lernt sie schon früh. Oma und Opa sind Lehrer, sie schenken ihr ihr erstes eigenes Balladenbuch und noch bevor sie eingeschult wird, kann sie lesen. Sie liest annähernd alles, was ihr in die Finger gerät: Zuerst wahllos Pferdebücher wie Bille und Zottel, dann Die rote Zora, Pippi Langstrumpf, Momo, Die unendliche Geschichte, Der letzte Mohikaner, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, Die Schatzinsel und Moby Dick. Zehn Bücher darf sie sich jeden Freitag in der Schulbibliothek ausleihen und bereits Montag hat sie alle gelesen. Das liegt daran, dass sie all ihre Bücher mit auf ihre Streifzüge durch die Wildnis nimmt und nachts, bewaffnet mit einer Taschenlampe, heimlich unter der Bettdecke liest, bis ihr das Buch langsam aus den Fingern fällt und sie in den Schlaf hinübergleitet. 

Schon bald hat sie alle Bücher aus der kleinen Bibliothek gelesen. Also beginnt sie, sich an den Bücherregalen ihrer Eltern zu vergreifen. Sie liest annähernd alle Karl May-Bücher, viel zu früh gerät ihr Houellebecqs Elementarteilchen in die Hände, dicht gefolgt von Manns Die Buddenbrooks, Schillers Die Räuber und Goethes Faust. Die Entdeckung der Langsamkeit, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Das Spiel ist aus, Der Spieler und de Beauvoirs Alle Menschen sind sterblich reihen sich nahtlos an. Am liebsten hat sie Der alte Mann und das Meer.  
Viele der Dinge, die sie liest, versteht sie noch nicht so richtig, aber das macht ihr nichts aus. Sie denkt so lange über das Gelesene nach, bis sie es sich erklären kann. Und ihre Erklärungen sind toll, kreativ, verrückt, absonderlich. Von der Zehenspitze bis zur Haarwurzel strotzt sie vor Fantasie. Nichts Schöneres gibt es auf der Welt, als Zeit zum denken und träumen zu haben.
Manchmal versucht sie selbst zu schreiben. So sitzt sie eines Tages mit ihren Großeltern, bei strahlendem Sonnenschein, im Garten und beobachtet, wie sich die Blätter der Birke im Wind wiegen. Sie fragt die Oma nach einem Stift und einem Stück Papier und feilt stundenlang, voller Geduld und Konzentration, an vier Zeilen:  


Das Blatt in meinem Traum,
es fiel vom Birkenbaum.
Darum ist es jetzt mein, 
du lieber Sonnenschein.


Heute fühlt es sich manchmal so an, als wären die Worte ihr Gefängnis. Es sind immer die gleichen 26 Buchstaben, die sie zu den gleichen Worten verbindet, immer wieder landet sie bei ähnlichen Formulierungen und schafft es einfach nicht, aus ihnen auszubrechen. Während manche Menschen das als "Stil" bezeichnen, fühlt es sich für sie an, als fände ihr Schreiben innerhalb einer Glaskugel statt und sie würde ein ums andere Mal versuchen, das Glas von innen aufzubrechen, um schlußendlich  doch wieder an diesem Versuch zu scheitern. Vielleicht können manche Menschen im Schreiben keine Freiheit finden, solange sie selbst nicht frei sind. Von Freiheit zu träumen, reicht nicht aus, um Freiheit zu beschreiben. Sie will gelebt werden. Erst dann lässt sie sich vielleicht in Worte kleiden.

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