Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von Wolverine


Und dann gibt es diese Situationen, in denen mein Hirn auf Stecknadelkopfgröße schrumpft und meinem Herz den Dienst versagt: Ich handle schneller, als ich denken kann. Völlig unkontrolliert gebe ich einem Impuls nach, fange an zu grinsen, hebe, in der einen Hand den Tonarm des Grammophons haltend, meine Arme und drehe mich singend fünfmal um die eigene Achse, bis ich schließlich unsanft mit einem der Baumarkt-Mitarbeiter zusammenstoße.

„Oh!“, sage ich, etwas überrumpelt, grinse verlegen und streiche mir die wirren Haare aus dem Gesicht. Er lacht. „Kein Problem!“, sagt er und nimmt meine Entschuldigung vorweg, ohne dass ich sie aussprechen muss. 
Verwirrt mustere ich ihn. Irgendwie kommt er mir bekannt vor? Er ist etwa einen Kopf größer als ich, drahtig, hat volles, leicht angegrautes Haar, ziemlich zerzauste Koteletten und stahlblaue Augen. Koteletten? Wolverine! Er ist schmaler, aber er sieht aus wie Wolverine! Ich beiße mir auf die Lippen, um nicht zu lachen. Hübsch ist er. Also: Wolverine. Hugh Jackman ist mir ein wenig zu glatt und durchtrainiert. 

„Kann ich ihnen helfen?“, fragt Wolverine freundlich. „Ja“, sage ich und halte ihm den Tonarm meines Grammophons hin. „Ich restauriere ein altes Grammophon.“, antworte ich und zeige auf eine Schraube, „Und habe es – klugerweise – geschafft, die Rändelschraube, die die Nadel hält, abzubrechen. Leider kenne ich niemandem mit einer Standbohrmaschine, also will ich die von Hand ausbohren und dann das Gewinde neu schneiden.“. 
Ungläubig starrt er mich an. „Haben sie das schon mal gemacht?“, erkundigt er sich. „Nö.“, sage ich, „Aber mir fällt nichts besseres ein. Das ist der originale Tonarm und eigentlich will ich den behalten. Außerdem dürfte da doch eigentlich nichts schiefgehen? Wenn ich es verbocke, kann ich das Gewinde ja einfach größer schneiden, dachte ich?“. Ich gucke fragend. Hat mein Plan Löcher? Ich habe keine Ahnung davon. Aber so wie ich mir das vorgestellt habe, war das logisch. In meinem Kopf. Aber mein Kopf ist nun mal mein Kopf ist nun mal mein Kopf. Logik gehört eher selten zu seinen Stärken. Wolverine guckt, als hätte ich ihm gerade ein unmoralisches Angebot gemacht. Amüsiert und ein bisschen erstaunt, aber durchaus nicht abgeneigt. 

„Na ja, doch, das geht schon.“, gibt er zögernd zu. „Schön!“, freue ich mich und ignoriere seinen das-funktioniert-niemals-Gesichtsausdruck erfolgreich. „Dann suche ich einen passenden Bohrer.“, lächle ich ihn an, „Können sie mir da behilflich sein?“. „Natürlich.“, grinst er und führt mich ein paar Meter weiter. Er zeigt mir ein paar Exemplare, erklärt hier und da etwas und glänzt mit seinem Fachwissen. Anders formuliert: Er nimmt sich Zeit für mich und beteiligt sich voller Leidenschaft an der Rettung des Tonarms, was ihn nicht nur ziemlich sympathisch, sondern auch noch sehr viel attraktiver macht. Deshalb fällt es mir schwer, mich auf seine Worte zu konzentrieren. Stattdessen verführe ich ihn in Gedanken, hier, in der fünften Reihe des Baumarktes, um zwischen lauter Schrauben und Bohrern wilden und hemmungslosen Sex zu haben. 

„Auf jeden Fall wünsche ich ihnen viel Erfolg!“, sagt er freundlich, womit ich ziemlich abrupt wieder in die Realität zurückkehre. Ich spüre, wie eine leichte, atemlose Röte mein Gesicht überzieht, als mir mein kurzes Gedanken-Intermezzo bewusst wird. „Danke.“, sage ich leise und lege den Kopf schräg, als könnte ich mein Kopfkino stoppen, indem ich es aus meinem Kopf herausschüttle. „Das ist nett von ihnen.“, sage ich, „Drücken sie mir die Daumen.“. Er grinst mich offensiv an. „Ich werde den ganzen Tag an sie denken.“, verspricht er und zwinkert mir zu, was im Angesicht meiner Gedanken seltsam zweideutig anklingt. In diesem Moment bin ich mir vollkommen sicher, dass er meine Gedanken lesen kann. Verlegen lächelnd weiche ich seinem Blick aus, um ihn nicht noch mehr in mir lesen zu lassen.
Aber als ich mich schon längst auf dem Weg nach Hause befinde, stelle ich fest, dass ein annähernd grenzdebiles Grinsen auf meinen Lippen klebt. Hach. Manchmal mag ich Baumärkte.

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