Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Schreiben unserer Geschichte

Wir toben uns durch das Leben. Das Kennenlernen geht schnell, aber meine Freiheit muss ich mir erkämpfen. Ich bin der erste Mensch, den Harry an sich heranlässt. Mit Fingerspitzengefühl bringe ich ihn dazu, sich mir zu öffnen. Dafür hängt er sich an mich. Kaum einen Schritt kann ich gehen, ohne dass er sich wie ein Schatten an meine Fersen heftet oder bereits dort ist, wo ich hinwill. Während er lernt, mir zu vertrauen, muss ich es lernen, ihm Grenzen zu setzen. Wenngleich wir dafür eine Menge Zeit brauchen, funktioniert es: Wir kommen einander immer näher und schaffen es, unsere Freundschaft auf ein sicheres Fundament zu stellen. Wir lernen einander zu lieben und zu brauchen.

In dunklen Nächten wacht er, neben meinem Bett sitzend, über meinen Schlaf und geht für mich zum Frauenarzt, um mir einen Schwangerschaftstest zu besorgen und sich beraten zu lassen. Als Ephraim versucht, sich das Leben zu nehmen, ist er derjenige, den ich mitten in der Nacht anrufe. Über Jahre und Monate hinweg reicht er mir seine Hand, sitzt mit mir über den Dächern unserer Großstadt, versorgt mich mit Alkohol und erträgt meinen Liebeskummer. Er stellt sicher, dass ich mich ´nur´ Rasierklingen und nicht schlimmerem zuwende. Vielleicht ist er der Mensch, der mich zurück auf den sicheren Boden reißt, als ich schon direkt über dem Abgrund schwebe. Wir treffen uns in Berlin, in Hamburg, in München und in Spanien. Ich leihe ihm mein Zimmer, damit er 24 Stunden lang ohrenbetäubenden Sex mit seiner nymphomanischen ersten Freundin haben kann.

Später lerne ich, dass auch jemand, der mich nicht wirklich sexuell anzieht, wahnsinnig gut im Bett sein kann, denn unter alkoholischem Einfluss ist wiederum er derjenige, der mich dazu verführt, den damaligen Mann an meiner Seite zu betrügen. Als mir das klar wird, fange ich hemmungslos an zu weinen. Er bringt mich nach Hause und verspricht mir, dass er mich nie wieder anfassen wird, während ich in einer Beziehung bin. Wir versumpfen in ranzigen Untergrundclubs, schlagen uns auf illegalen Raves die Nächte um die Ohren, kiffen uns die Seele aus dem Leib und halten uns beim Kotzen gegenseitig die Haare aus dem Gesicht. Wenn ich mich Nachts in einer wildfremden Stadt verlaufe, ist er derjenige, der telefonisch erreichbar ist und mich zum Zielort navigiert, so wie er der erste ist, den ich versuche anzurufen, als ich erfahre, dass ich mich nur so betrunken fühle, weil irgendein Typ mir etwas in mein Getränkt gemixt hat, um mich dazu zu bringen, mit ihm zu schlafen.

Bei dem Versuch, einen Streit zu schlichten, lässt er sich die Nase brechen. Als sie wieder gerichtet wird, begleite ich ihn zu seiner Operation und verlasse sein Bett lediglich dann, wenn mich die Ärzte dazu zwingen. Er leiht mir einen ganzen Batzen Geld, damit ich mich aus einer großen Misere befreien kann, fährt uns, während ich ihn von hinten eng mit den Armen umschlinge, auf dem Moped durch  Griechenland, baut Hanf mit mir im Schrank an und feuert so viele Raketen in den Himmel, dass ich mich auswünschen kann, weil ich mir jeden einzelnen Wunsch, der mir einfällt, gewünscht habe. Vor ihm kann ich weinen und schäme mich nicht dafür. Er liebt die deutsche Sprache mindestens ebenso sehr wie ich und die Literatur bestimmt noch mehr. Außerdem kann er Formeln aufstellen, die ich nicht einmal bis zu Ende lesen kann, ohne dabei einzuschlafen, und ohne ihn hätte ich sicher mein Abitur nicht geschafft. Nach den ersten drei Tagen an der Uni treffen wir uns zum Frühstück. Ich erzähle ihm, dass ich Angst davor habe, an der Uni zum Außenseiter zu werden und keine Freunde zu finden. Daraufhin überrascht er mich nur wenige Stunden später, als er sich in einer meiner Vorlesungen plötzlich neben mich setzt, ermutigend meine Hand drückt und mich liebevoll anlächelt. Wenn er da ist, weiß ich, dass alles in Ordnung ist. Vor ihm bin ich vollkommen verletzlich. Wir tanzen im Regen und schlafen die unzähligen Nächte, in denen wir niemandem versprochen sind, aneinander gekuschelt ein. Wir geben uns Geborgenheit und ein Zuhause.

Der Plan, einander mit 40 Jahren zu heiraten, sollten wir zu diesem Zeitpunkt ungebunden sein, ist schnell gefasst. Damals sind wir gerade erst 18 Jahre alt und dulden kein Blatt Papier zwischen uns. Wann immer ein Mensch versucht, sich zwischen uns zu schieben, wird er abgeschafft. Denn wir sind einander verbunden und verteidigen den jeweils anderen absolut kompromisslos. "Was soll ich denn mit Menschen, die dich nicht mögen?", fragt er manchmal. Ich ziehe dann skeptisch die Augenbrauen nach oben, sehe ihn ernsthaft an und sage mahnend: "Aber das ist nicht nötig, Harry. Mich muss nicht jeder mögen. Das ist vollkommen in Ordnung. Ich bin doch schon groß, ich kann mich selbst verteidigen.". Aber er schüttelt den Kopf. "Dich muss jeder mögen.", sagt er, "Du bist ein wunderbarer Mensch. Wer das nicht versteht, ist einfach nur ein riesiger Idiot". Wir beschließen für den jeweils anderen barfuß über Scherben bis nach China zu laufen. Sollte das jemals notwendig werden.

Wenn wir alles verlieren würden, so hätten wir noch uns. Aber verlöre ich ihn, wäre ich heimatlos. Er ist der einzige Mensch, der mich immer so genommen hat, wie ich war - selbst dann, wenn genau das schwierig wurde. Einmal hat er mir, still, vor vielen, vielen Jahren, einen Zettel an meine Tür geheftet. Ich habe ihn aufbewahrt, weil er besser beschreibt, was wir teilen, als ich es jemals selbst in Worte fassen könnte. Auf dem kleinen Blatt steht, in ungelenker, männlicher Handschrift geschrieben:

"Ein Freund ist jemand, der dich besser kennt als jeder andere Mensch. 
Aber der dich trotzdem liebt.". 


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