Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Zauber

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“ 

(Joseph Freiherr von Eichendorff: Wünschelrute)

Ich denke gar nicht darüber nach. Ohne zu zögern oder ein Wort zu verlieren, verlasse ich den Weg und damit die Menschen, denen ich folge. Die blattlosen Bäume verschlucken die letzten Spuren menschlicher Gesellschaft, meine Füße versinken in Blättern und Moos und tragen mich solange voran, bis mir ein kleiner Bach den Weg abschneidet. Suchend sehe ich mich um. Und tatsächlich: Gar nicht weit von mir entfernt befindet sich eine verwitterte, grauweiße Holzbrücke. Weder ein Trampelpfad noch Fußspuren führen zu ihr hin. Es ist, als wäre sie mitten ins Nichts hineingebaut worden.

Während ich sie überquere, streichen meine Fingerspitzen behutsam über das Geländer. Meine Füße wirbeln Blätter des vergangenen Herbstes auf, die sachte in den Bach hinein segeln und sich von der Strömung tragen lassen. Ganz still ist es plötzlich. Als ich mich umdrehe und versuche, zu erahnen, woher ich komme, sehe ich durch die Spitzen der Baumkronen dunkle Regenwolken. Wie selbstverständlich beginnen sich die feinen Härchen an meinen Armen und in meinem Nacken aufzurichten. Ich fröstle leicht.

Erst als ich die Brücke verlasse und den ersten Fuß auf den Boden setze, erkenne ich, dass ich mich auf einer kleinen Insel befinde. Meine Füße rascheln leise durch die Blätter, die den Boden so dicht bedecken, als hätte das Leben in den letzten Jahren nahtlos aus einer einzigen Jahreszeit, einem einzigen großen Herbst, bestanden. Bis zur Spitze der Insel laufe ich. Vor mir führt eine steinerne, mit Moos bedeckte Treppe ins Wasser. Als hätte man die Welt, mit all ihrer Hektik und Lautstärke, hier abgeschnitten.

Und plötzlich ist es mir, als würde sich etwas verändern. Mir ist, als müsste ich nur meine Hand ausstrecken, um den Zauber zu berühren, der von diesem Ort ausgeht. Mit dem ersten Windstoß schließe ich die Augen.
Als ich sie wieder öffne, bricht die Sonne durch die dunklen Wolken. Glitzernd legt sie sich auf das Wasser und alles, was mich umgibt. Die vielen kleinen Blätter, die am Boden liegen, wirbeln auf und beginnen im Wind zu tanzen. Inmitten von allem lege ich den Kopf in den Nacken, strecke die Arme aus und lasse lächelnd los. Dem Rascheln, Rauschen und Plätschern lauschend, den Wind und die Sonne auf der Haut spürend, kann ich regelrecht spüren, wie der Frieden in mich einzieht und ich mich entspanne. Zum ersten Mal seit vielen Tagen habe ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können. Und während ich das denke, ist mir, als würde sich hinter mir meine Villa Kunterbunt, mit den blauen Fensterläden und der roten Bank vor dem Haus, von selbst erbauen. Als könnte ich den Duft von frischem Kaffee riechen, Geschirr klappern und leise Grammophonmusik spielen hören.

Doch als ich mich umdrehe, sehe ich statt meiner Villa Kunterbunt nur eine alte Statue. Sie verschmilzt so nahtlos mit dem Hintergrund, dass sie mir vorher gar nicht aufgefallen ist. Von Wind, Regen, Schnee und Sonne gezeichnet, erkenne ich zunächst gar nicht, was sie darstellt. Erst als ich nähertrete, sehe ich drei steinernde Kinder, vertieft in sich selbst, miteinander spielen.

Ich fühle mich, als würde ich an diesem verwunschenem Ort ankommen. Ein Gefühl, das mir bleibt, lange nachdem ich mich losgerissen habe und gegangen bin. Vielleicht weil ich verzaubert bin. Bis in die letzte Faser meiner Seele hinein.




Kommentare

  1. Danke, dass Du mich mitgenommen hast, liebes Muschelmädchen. Es ist schön dort und ich glaube, wenn ich Dich dort sehen würde, könnte ich wieder an Elfen glauben.

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    1. Nicht an Elfen... Eher an Pummelfeen ;-)
      Immer wieder gerne...

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  2. Hach ... Ich könnte Dich stundenlang lesen ...
    Vielleicht bist Du eine Fee ... Aber eine Pummelfee? Niemals!

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    1. Die Wahrheit liegt vermutlich im Auge des Betrachters... ;-)

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