Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Papier

Während ich den Arbeitsvertrag mit meinem neuen syrischen Mitarbeiter bespreche, lächelt er. Zunächst schiebe ich es darauf, dass er sich darüber freut, dass wir ein Arbeitsverhältnis eingehen. Dann aber unterbricht er mich. Im absolut perfekten Deutsch wendet er sich schmunzelnd an mich.

"Im Flüchtlingsheim, wo ich wohne, gibt es einen Witz, den man sich über die Deutschen erzählt.", sagt er, "Eigentlich ist das ein Witz, der nur bei uns bleibt und den wir nicht weiter erzählen. Aber ihr Arbeitsvertrag ist so umfangreich..."
"Erzählen sie mir den Witz?", frage ich freundlich.
Er nickt.
"Aus Ländern, die man besucht, bringt man Souvenirs mit.", erzählt er, "Aus Italien bringt man zum Beispiel eine Flasche Limoncello mit. In der Schweiz kauft man Schokolade. Was aber bringt man aus Deutschland mit?"
Erwartungsvoll sieht er mich an.
Ich schüttle ahnungslos den Kopf und zucke mit den Schultern.
Er strahlt mich an.
"Aus Deutschland bringt man eine Alditüte voller Papier mit!"

Wir lachen herzlich, wobei die tiefen Lachfältchen, die sich um seine Augen ranken, tanzen. Und ich finde es irgendwie schön, dass er noch so lachen kann, so frei und unbeschwert, obwohl er in den vergangenen Jahren so viele Familienmitglieder hat sterben sehen und selbst ein Verfolgter war.
"Danke.", sagt er, als wir wieder zu Atem kommen, "Danke für den Arbeitsvertrag. Ich freue mich darauf, endlich wieder zu arbeiten."

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