Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Vom Betrug

"Kinder lieben zunächst ihre Eltern blind, später fangen sie an, diese zu beurteilen, manchmal verzeihen sie ihnen sogar."

(Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray)

Ich bin etwa 9 Jahre alt. Normalerweise liege ich abends, wenn ich längst schon schlafen soll, mit der Taschenlampe unter meiner Bettdecke und lese so lange heimlich, bis mir die Augen zufallen. Eines Tages aber kann ich mich nicht konzentrieren. Stattdessen lausche ich den gedämpften Stimmen meiner Eltern. Ich kann hören, wie sie sich im Wohnzimmer streiten. Je heftiger ihr Streit wird, desto aufgewühlter werde ich. Die Art, wie sie mit einander umgehen, macht mir Angst. Unwillkürlich stelle ich mir vor, dass sie sich scheiden lassen. Vor lauter Furcht fange ich leise an zu weinen. Bis Mama in mein Zimmer kommt. Sie streicht mir mit den Fingerspitzen über mein Haar und flüstert mir zu, dass alles gut ist. So richtig glaube ich ihr nicht. Dafür klingt ihre Stimme zu wackelig. Trotzdem schließe ich die Augen und versuche, zu schlafen.

In den kommenden Wochen und Monaten streiten sich meine Eltern immer mal wieder. Und eines Abends höre ich zum ersten Mal, wie sich meine Mama im Flur ihre Stöckelschuhe anzieht und die Tür hinter sich zu zieht. Ihre Schuhe hinterlassen ein leises Klacken auf dem Weg, der von unserem Haus wegführt. Die ersten zehnmal habe ich fürchterliche Angst, dass sie uns verlässt und niemals zurück kommt. Papa kommt in dieser Zeit manchmal Nachts in mein Zimmer, setzt sich neben mein Bett und passt auf mich auf. Während alles in mir zittert, versuche ich, mich schlafend zu stellen. Bis ich tatsächlich einschlafe.
Morgens erwarten mich meine Eltern, müde lächelnd, in der Küche. Zum Frühstück gibt es Toastbrot mit Nutella und heißen Kakao. Wir essen zusammen und die Süße vertreibt die schweren Nachtgeister. Irgendwann gewöhne ich mich an das abendliche Rumpeln der Haustür, die von außen zugezogen wird.

Ein paar Monate später holt mich Mama an einem Freitagabend vom Ballettunterricht ab. Als sicherlich überdurchschnittlich feinfühliges Kind kann ich sofort spüren, dass sie merkwürdig nervös ist. Auf dem Weg nach Hause erklärt sie mir, dass wir einen kurzen Zwischenstopp bei einem Arbeitskollegen einlegen müssen, sie hätte vergessen, etwas bei ihm abzugeben. Als uns der besagte Arbeitskollege die Tür öffnet, ist sofort vollkommen klar, dass er vielleicht ein Arbeitskollege ist, dass das Treffen diesem Umstand allerdings sicher nicht geschuldet ist. Denn er ist mindestens genauso aufgeregt wie sie, als er mir seine Hand reicht und sich bei mir vorstellt. Ohne das irgendetwas davon ausgesprochen wird, kann ich spüren, dass dieser Mann eine Bedrohung für meine Familie und mich ist. Also finde ich ihn blöd, vollkommen egal, wie freundlich er mich anlächelt und wie viel Mühe er sich mit mir gibt. Ich finde ihn blöd, ich finde seine Söhne blöd und ich will einfach nur aus dieser Wohnung raus und nach Hause, zu meinem Papa. Ich will das alles hier nicht.

In meiner Erinnerung, die von der Realität abweichen mag, vergehen nur etwa ein bis zwei Wochen, bis mich eines Abends mein Vater vom Ballettunterricht abholt. In einem kleinen Café stellt auch er mir eine Arbeitskollegin und deren Sohn vor. Die Art, wie sie miteinander umgehen, sich zufällig berühren und einander anlächeln, lässt mich wissen, dass ihr Verhältnis sich keineswegs auf den Beruf beschränkt. In gewisser Weise erleichtert es mich, zu wissen, dass meine Eltern beide eine Affäre haben, dass sie nicht alleine sind. Vermutlich nimmt es sogar eine Menge Druck von mir, zu wissen, dass sie beide unehrlich dem anderen gegenüber sind. Dennoch fühle ich mich unwohl. Weil ich das Gefühl nicht loswerde, beide zu betrügen.

Das Theater findet seinen Höhepunkt, als meine Mutter mich dazu überredet, mit ihrem Freund und seinen zwei Söhnen in den Urlaub zu fahren. Die Hälfte des Urlaubes verbringe ich damit, rumzunörgeln, dass ich Papa anrufen will. Die andere Hälte baue ich Iglos mit den Söhnen ihres Freundes und versuche den älteren der beiden zu küssen, weil er in meinem Alter ist. Zusammen schummeln wir uns ins Kino, gucken MiB und haben unser erstes Date. Mehr wird nicht daraus. Denn irgendwann wird mir, ob des Betruges, den ich begehe, kotzübel und ich will nur noch heim.
Zuhause angekommen, nimmt mich mein Papa immer mal wieder mit zu seiner Freundin und deren Sohn. Zu passender Gelegenheit erklärt mir dieser, dass er mit einem Kind wie mir nichts zu tun haben will. Das prägt mich so nachhaltig, dass ich anfange, mich abzugrenzen. Von beiden Affären. Weder will ich etwas von den Partnern meiner Eltern wissen, noch will ich etwas mit ihnen und ihren Familien zu tun haben. Ich möchte mir viel lieber weiter vorstellen, meine Familie wäre in Ordnung. Also verdränge ich viel, verschließe Ohren und Augen vor den Dingen, die ich nicht wissen will. Entziehe mich. Gedanklich und emotional und überhaupt.

Als ich etwa 18 Jahre alt bin, trennen sich meine Eltern. Morgens, nach dem Frühstück, zitieren sie mich an den Küchentisch, dorthin, wo alle schweren Familienentscheidungen getroffen werden. In unzähligen vorangegangenen Situationen habe ich damit gerechnet, dass sie mir mitteilen, dass sie sich trennen werden. Doch in diesem Moment erwischt mich ihre Mitteilung kalt. "Sag du es ihr.", sagt mein Vater, "Du willst es doch." Der Vorwurf in seiner Stimme ist kaum zu überhören. Und als meine Mama in Worte fasst, was ich plötzlich ahne, bricht mein Papa in Tränen aus. Ich dagegen bin einfach nur fassungslos. Und voller Mitgefühl für meinen Papa. Der offenbar mit der Entscheidung meiner Mutter nicht einverstanden ist.

Ich war immer ein Papa-Kind. Wahrscheinlich weil wir uns von Wesen und Charakter her sehr ähneln. Wir sind zutiefst ausgeglichene, ruhige Menschen, die wert auf ein verständnisvolles Miteinander und Harmonie legen. Meine Mama ist dagegen ein sehr temperamentvoller Mensch, impulsiv, aufbrausend, zickig und manchmal so ehrlich, dass es unfassbar schmerzt.
Weil ich sehe, fast körperlich spüren kann, wie sehr meinen Papa die Trennung von meiner Mama verletzt, ergreife ich unwillkürlich Partei für ihn. Ohne das Opfer, das meine Mama mir erbracht hat und was sie selbst nie als solches bezeichnen würde, erkennen zu können: Sie hat jahrelang eine unglückliche Ehe ertragen.
Ich gebe meiner Mutter die Schuld an der Trennung.
Das muss ich nicht aussprechen.
Es steht lange - allgegenwärtig - im Raum.

Viele Jahre später erleidet mein Vater einen Schlaganfall. Er wird in ein künstliches Koma gelegt und braucht Monate, um wieder gesund zu werden. Es ist es meine Mutter, die mir in dieser Zeit zur Seite steht, denn sie will nicht, dass ich mich mit all den Arztgesprächen, Papierkram und der Pflege von Papa alleine auseinandersetzen muss. Hierbei nähern wir uns einander an. Abends, wenn wir erschöpft und besorgt den Tag ausklingen lassen, trinken wir ein Glas Wein. Dabei fangen wir an, uns das erste Mal über die Ehe, die meine Eltern geführt haben, zu unterhalten. Zum ersten Mal höre ich meiner Mama ernsthaft zu. Und erschrecke mich vor den Antworten auf all die Fragen, die ich nie gestellt habe: Wer hat wen betrogen? Wer hat aktiv versucht, die Ehe zu retten? Wer ist passiv geblieben?
Diese Gespräche verstören mich zutiefst, denn all die Erkenntnisse, die ich stets als gesichert betrachtet habe, geraten über den vielen offenen Worten ins Wanken. Vor allem aber erschrecke ich mich vor mir selbst: Denn ich muss erst weit über 20 Jahre alt werden, um zu erkennen, dass meine Eltern nicht perfekt sind, sondern Menschen, die Fehler machen und von Gefühlen geleitet werden. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass eine Trennung grundsätzlich dem Verhalten beider Personen geschuldet ist. Das ist jedoch noch nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass ich mir eingestehen muss, dass meine Mama recht hat, wenn sie liebevoll lächelnd behauptet, dass mein Papa wie ein Chamäleon ist: Er passt sich permanent seiner Umwelt an. In fast jeder Situation schafft er es, sich so zu drehen und zu wenden, dass er wirkt, als wäre er unschuldig an all dem, was vor sich geht. Manchmal gelingt ihm das alleine dadurch, dass er passiv bleibt. Er macht sich selbst zum Opfer. Tut es heute noch gerne.

Manchmal frage ich mich, wie sehr mich die oben beschriebene Familiensituation geprägt hat. Aber ich stelle ein ums andere Mal fest, dass ich, glaube ich, ganz gut geraten bin. Ich denke nicht, dass ich nachhaltige Schäden davongetragen habe. In Abschaltung und Verdrängung war ich immer gut. Deshalb konnte ich meine Kindheit genießen. Und wenn ich in meinem Kopf krame, fallen mir fast ausschließlich bunte, schöne Erinnerungen ein, die ich nicht missen möchte.
Alles, was ich aus der Art, wie meine Eltern ihre Ehe geführt haben, mitgenommen habe, ist der feste Vorsatz, dass ich mir einen Mann an meiner Seite wünsche, für den ich mich reinen Herzens entschieden habe und dem ich kompromisslos vertrauen kann. Und natürlich das unumstößliche Wissen, dass ich meinem zukünftigen Kind niemals einer solchen Situation aussetzen werde.

Ich liebe meine Eltern von ganzem Herzen.


(Still geworden ist es hier in der letzten Woche. 
Das liegt zum einen daran, dass ich wahnsinnig viel arbeite. 
Zum anderen bin ich dünnhäutig und es fällt mir schwer, mich zu öffnen. 
Selbst anonym und in Textform.)

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