Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von Tagebuchsachen

Als ich heute morgen aufgestanden bin, habe ich darüber nachgedacht, dass es sich anfühlt, als hätte ich die letzten 24 Stunden lang geträumt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich gestern wirklich spontan in den Urlaub geschickt wurde. Ob mein Opa gestern wirklich verstorben ist. Und sich meine Familie wirklich ein weiteres Mal dezimiert hat. Wie schon so oft in diesem und auch in den letzten zwei Jahren.
Aber heute fühle ich mich weniger konfus als gestern.
Nichtsdestotrotz sind da Fragen in mir.
Auf die ich noch die Antwort suche.

Ich wollte von Sonntag bis zum Ende der kommenden Woche in den Urlaub fliegen. Kann ich diese Reise denn überhaupt mit meinem Gewissen vereinbaren? Kann ich wegfliegen und mir eine fremde Stadt ansehen, vielleicht sogar so etwas wie Neugier und Freude empfinden, während meine Familie trauert und meine Oma, nach weit über 60 Jahren Ehe, einen großen Teil ihres Lebensinhaltes verloren hat? Wie lange braucht man, um eine Beerdigung zu organisieren?
Soll ich wirklich verreisen?
Mein Papa sagt: Ja, du sollst.
Meine Oma sagt: Ja, du sollst.
Mein Onkel sagt: Ja, du sollst.
Aber... vielleicht wollen sie es mir nur einfach machen.
Und ich fühle mich schlecht dabei.
Ich muss zeitnah eine Entscheidung treffen.

Und dann ist da noch diese Mail, die heute morgen pünktlich in mein Postfach flattert, um wie so oft, nochmal verbal einen draufzusetzen. Eine Mail von vielen. Auf die ich nicht mehr reagiere. Normalerweise bemühe ich mich, bestimmte Bereiche meines Lebens hier im Blog auszublenden. Weil ich niemanden bloßstellen möchte. Aber vielleicht ist der Inhalt dieser Mail wesentlich. Weil sie sehr klar formuliert, wer ich bin. Wie ich bin. Und warum es wichtig ist, sich von mir fernzuhalten.
Deshalb zwei Ausschnitte:

"Ich glaube, Muschelmädchen, dass Du Dir Dein Glück wünscht, und nicht mehr, als das. Ich glaube auch (berücksichtigt man Deine Vergangenheit, [...]), dass Du Dich gern als jemand sehen möchtest, der sich das Glück eines anderen Menschen wünscht. Ich glaube, Du möchtest den Eindruck erwecken, Du wärst eine Heilige. Vielleicht wünschst Du Dir nicht mein Glück, sondern Du wünschst Dir, von anderen Menschen als jemand gesehen zu werden, der sich das Glück eines anderen Menschen wünscht. Vielleicht. Weil Du Dich seit [dem Selbstmordversuch] damals irgendwie tief drinnen schuldig fühlst und glaubst, dass Du das jetzt ein Leben lang kompensieren musst, oder etwas in der Art - keine Ahnung. Letztlich kann ich über Deine Gründe nur spekulieren und ich glaube, ich bin auch nicht besonders gut darin. (Oder Du bist eine Masochistin, die sich zwar etwas wünscht, aber dann für Jahre und Jahre darauf verzichtet, dass ihr dieser Wunsch erfüllt wird. Das könnte auch sein, aber das glaube ich nicht. Denn dafür liebst Du das Leben viel zu sehr.)"

"Wenn du dir wirklich mein Glück wünschen würdest, warum bin ich dann so oft an dir zerbrochen? Warum hast du mich dann so verdammt oft so unglücklich gemacht?"

Es ist okay, dass er das schreibt.

(Kommentare und E-Mails werden erstmal unbeantwortet bleiben. 
Ich muss diesen Blog gerade für den Zweck nutzen, 
für den er ursprünglich gedacht war: Tagebuchsachen. 
Schreiben als Gefühlskompensation.
Und schon sind wir wieder beim Thema "Autounfall".)

Kommentare

  1. Liebes Muschelmädchen, ich fühle sehr mit Dir, dass Dein Großvater gestorben ist. Mit einem Abschied, der so unwiderruflich ist, tu ich persönlich mich sehr schwer, eben weil er der einzige ist, der nicht umkehrbar ist.

    Zu dem anderen.. Kommentare muss man nicht kommentieren, manchmal genügts auch, sie einfach nur zur Kenntnis zu nehmen.. Gleich den Gedanken anderer, die man im vis á vis aufnimmt und dennoch keine Erwiderung findet. Muss man aber auch nicht immer, finde ich.
    Aus meiner persönlichen Sicht heraus halte ich es für schwierig, das Glück eines Einzelnen darauf zu bauen, dass und wen man an seiner Seite hat. Ich halte es für schwierig, das eigene Glück von einem anderen Menschen abhängig zu machen - denn das ist niemandes Aufgabe.
    Wenn zwei Menschen zueinander finden und beschließen, ein Paar sein zu wollen - dann ist das eine ganz wunderbare, wundervolle Sache, aber es entbindet niemanden von der eigenen Verantwortung für sich selbst. Wenn ich also spüre, dass ich nicht glücklich bin, dann obliegt es mir, den Ursachen nachzugehen - und dann auch Entscheidungen zu treffen. Dafür ist nicht mein Partner verantwortlich, auch wenn man sich sicherlich wünscht, der Partner möge sich dafür bzw. für einen interessieren und an mitunter einer gemeinsamen Lösung (je nach Thematik) interessiert sein. Sonst wärs wohl auch keine Beziehung im herkömmlichen Sinne, sondern eher nur ein "Friends with benefits"-Dingens.

    Dieses Gefühl von Schuld.. Ich kenne dieses Gefühl, wenngleich auch mit einem anderen Hintergrund. Das ist eine Narbe, die niemals verheilt - und jegliche (logischen) Argumentationen und sicherlich auch richtigen Gedanken können das auch nicht ändern. Die Folge ist auch bei mir: Man kompensiert (vermutlich) sein Leben lang. Mehr oder weniger. Nicht zwingend aus dem Schuldgefühl heraus, aber weil man es in Zukunft einfach anders machen und niemals wieder so weit kommen lassen möchte.
    Ich persönlich aber halte es dennoch für absolut gesund, sich sein persönliches Glück zu wünschen. Daran kann ich nichts Verkehrtes sehen. Und nichts Falsches.
    Wir könnten niemanden anderen glücklich machen, wenn wir es selber nicht sind.
    Damit habe ich im Januar 2003 die Trennung begründet, die ich von meinem Ex-Mann wollte. Er hat mich nicht verstanden - vielleicht wollte er auch nicht. Viele Jahre anschließend hat er mir vorgeworfen, ich sei schuld an seinem nunmehr verkorksten Leben. (Er hat letztes Jahr wieder geheiratet, seine neue Frau lernte er schon 2003 kennen, also sooo verkorkst kanns dann wohl doch nicht gewesen sein.)
    Ich habe damals geantwortet: "Jeder von uns ist Anfang 30, jeder hat einen Job und eine Wohnung, jeder von uns 1 Kind (der Große wollte damals bei ihm bleiben), ich zahle dir monatlich Betrag xx, dann hat jeder von uns auch dasselbe Einkommen. Wir sind noch jung, wir können beide noch mal vorn anfangen und es diesmal richtig machen. Das ist doch nicht nur ein Ende, das ist doch vor allem auch eine Chance für uns beide." Denn egal, was war, natürlich habe ich mir für ihn damals gewünscht, er möge glücklich werden. WIE er das dann gestaltet, ist seine eigene Entscheidung. Er hat sich für eine neue Beziehung entschieden und führt bis heute dasselbe Leben wie früher - nur eben mit einer anderen Frau. Und ich habe mich erst mal für mich entschieden.
    Unabdingbar ist immer in jedem Fall, wie man mit anderen Menschen umgeht - aber so, wie ich Dich hier lese, kann ich mir nicht vorstellen, dass Du jemand bist oder warst, der rücksichtslos und nur auf den eigenen Vorteil bedacht lebt. Das glaube ich einfach nicht.

    Ach, mir geht grad irrsinnig viel durch den Kopf. Auch im Hinblick auf meine aktuelle Beziehung.

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    1. Liebe Helma,

      hab vielen Dank für deine lieben Worte. Ich glaube, ich mag sie so einfach stehen lassen. Aber ich danke dir sehr für deine Meinung. Über den einen oder anderen Satz in deinem Kommentar werde ich sicher noch länger nachdenken.
      Im Gegensatz zu den Kommentaren hier, glaube ich nämlich, dass man immer auch, in jeder Beziehung, ein wenig Verantwortung für das Wohlergehen des Partners mitträgt. "Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied" ist mir irgendwie zu einfach, das fühlt sich nicht richtig an. Dennoch glaube ich, wie du, dass eine Beziehung einen selbst niemals von der Verantwortung für sich selbst entbindet.

      Ich hoffe, dass es nur positive Gedanken sind, die dich hinsichtlich deiner Beziehung beschäftigen? Falls nicht: Pass gut auf dich auf. Und falls doch: Pass auch gut auf dich auf.

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  2. Ich probier's mal eine Oktave kürzer als Frau Helma:

    Die an Dich gestellte Frage
    "Wenn Du Dir wirklich mein Glück wünschen würdest, warum bin ich dann so oft an Dir zerbrochen?"

    beinhaltet -was ich vom Aspekt der Verdichtung von Inhalten her durchaus zu bewundern in der Lage bin- gleich 3 Grundsatzfehler:


    1. wer so schreibt (und das lesen wir ja hier nicht zum ersten Mal) klingt jetzt nicht wirklich "zerbrochen".

    2. es ist nicht der gottverdammte JOB eines Partners, den Anderen glücklich zu machen - im Umkehrschluss ist man also für die Ausgestaltung seines Glücks SELBER zuständig, sofern man volljährig (spätestestens dann) und ein selbstbestimmtes Leben zu führen nachweislich in der Lage ist. Das ist hier der Fall.
    Da man also für sein Glück selber zuständig war, war man es auch für sein Unglück.

    3. Dinge passieren halt:

    Wer mit einem Menschen dauerhaft unglücklich war, hat anfangs eben nicht richtig hingeguckt und seine Eigenverantwortung, sich selbst als Allererstes glücklich zu machen, nicht ausreichend wahrgenommen.

    Wer mit einem Menschen erst glücklich und dann irgendwann nicht mehr glücklich und dann irgendwann kreuzunglücklich war, hat irgendwo auch ganz einfach unterwegs mal Pech gehabt.
    Der muss trotzdem irgendwann wieder auf sich aufpassen und sich glücklich machen.

    Der Punkt ist immer der:
    Der Andere ist nicht Alleinbesitzer der Schuld. Vermutlich ist er es nicht einmal mehrheitlich.

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    1. Wenn du das so schreibst, klingt das so einfach...
      Und in der Praxis ist es alles andere als das.

      Ach, Rain.
      Du weißt ja, wie sehr ich deine Meinung schätze...

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  3. ersteinmal mein herzliches beileid.
    dein Opa hätte sich bestimmt gewünscht, dass du in urlaub gehst.
    wichtiger scheint jedoch dein inneres gefühl. jeder mensch trauert halt unterschiedlich.
    als mein opa starb, habe ich noch nach wochen gedacht, ob dieser schmerz, den ich damals empfand, jemals vorbei geht. ich konnte nicht feiern, nicht fröhlich sein, nicht lachen.
    irgendwann, fast unmerklich, war es dann soweit, dass ich wieder normale empfindungen hatte.

    hör auf deine innere stimme. und dann entscheide für dich selbst.

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    1. Liebe Würfelzucker,
      es ist sehr wertvoll für mich, hier in den Kommentaren ab und zu einen Denkanstoß zu erhalten. Von daher danke ich dir sehr für deinen Kommentar, deine Meinung und die lieben Worte. Du hast mir weitergeholfen.

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  4. Seit wann sind andere fürs eigene Glück zuständig? Verstehe ich nicht.

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    1. Es ist einfacher, andere für sein Glück verantwortlich zu machen, als sich selbst in der Verantwortung zu sehen. Verantwortung zu tragen ist anstrengend.

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