Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Highlight-Mitarbeitergesprächen

  1. Ich bin ein wenig unkonzentriert, als ich dem Mitarbeiter zum wiederholten Male erzähle, er möge bitte seine Schlittschuhe zur Arbeit mitbringen. Natürlich meine ich nicht Schlittschuhe, sondern Arbeitssicherheitsschuhe. Sein entgeisterter Blick ist allerdings Gold wert. "Sie meinen echt Schlittschuhe?!", fragt er verstört. "Ja, natürlich.", antworte ich, ohne ich darüber nachzudenken. Der Mitarbeiter verzweifelt über dieser Aussage völlig: "Aber Frau Muschelmädchen, ich kann doch gar nicht Schlittschuhlaufen..." Ich muss jetzt noch kichern, wenn ich daran denke.
  2. Ein Mitarbeiter meldet sich um 23:05 Uhr über das Notfallhandy. Er holt mich aus dem Tiefschlaf. "Frau Muschelmädchen", sagt er ganz geknickt, "Ich muss ihnen etwas sagen." "Was denn?", frage ich. Ich will gar nicht zuhören, nur weiterschlafen. "Ich kann morgen nicht arbeiten gehen.", gibt er preis. "Warum nicht?", frage ich müde. Innerlich rattert es in mir schon: Kann ich Schichten schieben? Kann ich den Mitarbeiter ersetzen? Wie viel kostet mich ein Produktionsstillstand/Maschinenausfall? Der Mitarbeiter erzählt mir, dass er gerade auf Toilette war. Etwas unkonzentriert reagiere ich lediglich mit einem "Aha?". Er sagt: "Bitte lachen sie jetzt nicht, Frau Mädchenmädchen. Versprechen sie das?" "Mmhmmh.", sage ich zustimmend, "Immer raus damit - was ist los?" Auf der Gegenseite zögert es: "Ich blute." "Warum bluten sie?", frage ich irritiert. Er fasst sich ein Herz: "Ich habe mir gerade den Penis in meiner Hose eingeklemmt und dabei ist ein Stückchen abgerissen und durch das Badzimmer geflogen." Ich verschlucke mich fast. Muss tatsächlich das Telefon von meinem Ohr nehmen und mal eben das Mikrofon zuhalten. Mitten in der Nacht schüttelt mich ein ziemlich hartnäckiges Kichern. Ich wollte wirklich nicht wissen, dass er keine Unterhosen trägt.
  3. Das Telefon klingelt um 03:35 Uhr. Meine Zunge muss erst mal aufwachen. Vermutlich lalle ich den Firmannamen ziemlich wirr und unverständlich in das Diensttelefon. "Ja!", bellt mir die Stimme eines Mitarbeiters entgegen, "Hier ist Herr Meier! Ich wollte nur sagen, dass ich jetzt aufgehört habe zu arbeiten und gegangen bin - ihr Schichtleiter hat mich die ganze Zeit angeschrien! Das lasse ich mir nicht bieten! Sie können mich jetzt abholen und nach Hause bringen!" Ich brauche drei Sekunden, um mich zu sortieren. Den Tonfall meines Mitarbeiters ignoriere ich vorerst. "Wo sind sie denn?", frage ich schließlich. "Weiß ich auch nicht.", gibt Herr Meier unkooperativ von sich. Meine Augenbrauen wandern nach oben. "Ich habe mich so über ihren Schichtleiter aufgeregt, dass ich einfach losgelaufen bin, aus dem Werk heraus.", schimpft er. "In welche Richtung sind sie denn gelaufen?", frage ich müde. Ich will wissen, wo genau ich ihn abholen soll. "Keine Ahnung.", sagt er, "Ich bin dahin gelaufen, wo das Licht war." Ich seufze. "Was sehen sie denn jetzt?", frage ich. "Ja, nüscht!!!", wütet Herr Meier, "Jetzt ist alles dunkel!". Tief atme ich durch. "Gehen sie den Weg, den sie gekommen sind, zurück und warten sie am Werk.", weise ich an. Kurz bevor wir auflegen, schiebe ich nach: "Und Herr Meier? Ich kann verstehen, dass sie verärgert sind. Aber reden sie in einem anderen Tonfall mit mir - ich bin ihr Arbeitgeber. Und wenn ich in einer Stunde bei ihnen bin, erwarte ich, dass sie sich beruhigt haben. Wir klären das." 
  4. "Ich kann nachher nicht zur Arbeit gehen!", ruft der Mitarbeiter, eine Stunde vor Schichtbeginn, in den Telefonhörer. "Hallo.", grüße ich ihn lächelnd, "Warum können sie heute nicht arbeiten?" "Meine Oma ist gestorben.", schnupft es in den Hörer. Parallel zum Telefonat schnappe ich mir die Mitarbeiterakte. Ich habe da so ein Bauchgefühl. "Wieviele Omas haben sie denn?", frage ich nachdenklich, während ich die Akte durchblättere. "Nur noch diese eine...", die Stimme des Mitarbeiters zittert. "Das ist die fünfte Oma von Ihnen...", stelle ich sanft fest, schmunzle in mich hinein und zähle die Todefälle mit Datum auf. "Wir sehen uns in einer Stunde bei der Arbeit.", sage ich freundlich, "Und ich erwarte, dass sie pünktlich hier sind."
  5. 20:02 Uhr in der Rufbereitschaft - "Ich habe ein Problem!", schallt es mir entgegen. "Probleme nehme ich heute nicht an. Bitte wenden sie sich an die Auskunft.", scherze ich, "Sie erreichen sie unter der 1.18.33." "Oh...", der Mitarbeiter klingt überrascht, "Das war zu schnell für mich. Können sie mir die Nummer bitte nochmal sagen?" Ich beiße mir heftig auf die Lippe, um nicht laut loszukichern. "Aber natürlich.", sage ich freundlich und muss mich bemühen, ernst zu bleiben, "Bitte rufen sie die 1.18.33 an." Der Mitarbeiter notiert sich die Nummer und verabschiedet sich. "Vielen Dank für die Hilfe!", sagt er. "Sehr gerne!", antworte ich. Als wir aufgelegt haben, schüttelt mich ein Lachanfall. Aber natürlich rufe ich zurück, sobald ich mich beruhigt habe. Der Mitarbeiter braucht nur einen neuen Sicherheitscutter. Den darf er sich gerne morgen abholen. In der Geschäftszeit.
  6. "Ich muss ihnen etwas sagen.", teilt mir der Mitarbeiter mit, "Das ist mir aber unangehm." Ich bleibe entspannt. "Was ist denn los?", sage ich, "Ich kann ihnen nur helfen, wenn sie mir sagen, was los ist." Ist ja auch erst 00:05 Uhr, denke ich, da schlafe ich normalerweise nie. "Ich kann in 5 Stunden nicht zur Frühschicht kommen.", sagt er. "Warum nicht?", frage ich. "Sie haben mir heute eine neue Hose gegeben...", stottert er, "Und... Öhm... Also... Nunja...", seine Stimme wird immer leiser. Bis er fast flüstert und schließlich kaum hörbar sagt: "Die ist zu klein. Mein Penis passt da nicht rein." ...
  7. Das Handy gibt einen lauten pling von sich und offenbart die SMS eines deutschen Mitarbeiters: "Stehen ich Stau. Kommen später." Mit leichten Fingern tippe ich zurück: "Hallo Yoda. Klar, alles. Freuen wir uns sehr auf Ankunft. Kommen schnell, aber fahren vorsichtig, bitte. Ihr Lieblings-Star Wars-Arbeitgeber".

Läuft bei mir.
Aber ich liebe sie alle, meine Schäfchen.
Auch wenn sie mich immer öfter in den Wahnsinn treiben.


Kommentare

  1. kommt mir irgendwie bekannt vor....leiharbeitsfirma?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielleicht. Auf jeden Fall Disposition.
      Bekannt woher?

      Löschen
  2. Du bist eindeutig ein besserer Mensch als ich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. ...Und als ICH.

      Meine einzige Reaktion auf dies wäre "Hans! Get ze Flammenwerfer!"

      Löschen
    2. Ganz sicher nicht. Das bezieht sich auf euch beide.

      Löschen
    3. Um es deutlicher zu sagen: Es gäbe mindestens einen MA aus dieser Liste, der das Tageslicht nicht mehr gesehen hätte.
      Wenn mich jemand nach 01.00 Uhr anruft, gehe ich immer von einem richtigen Notfall aus und noch während ich das Gespräch annehme, überlege ich schon, wie ich a) schnellst möglich in meine Kleider komme b) schnellst möglich zum Anrufer und c) wie ich helfen kann.
      Also Adrenalin, Blutdruck und Atemfrequenz auf Notfall Level. Wenn es _kein_ Notfall ist, müssen wir halt einen draus machen und jemand verschwinden lassen. Tief

      Löschen
    4. Das bringt mich zum Schmunzeln. Guter Plan!
      Leider bin ich nicht sonderlich begabt darin, unfreundlich zu sein.Und schon gar nicht, wenn ich frisch aus dem Tiefschlaf komme.

      Löschen
  3. Das ist zwar unterhaltsam, aber ich wäre nachts für keinen erreichbar.
    Hat Nr. 6 noch eine passende Hose für seinen Penis bekommen?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also ICH hätte ihm einen ROCK zur Verfügung gestellt - sicher ist sicher 😉.

      Löschen
    2. An DrSchwein: Ja, das hat er. Und ich musste mir ganz heftig auf die Lippen beißen, um mir schmunzelnd den Hinweis zu verkneifen, dass sein Hosenproblem vielleicht nicht von seiner Penisgröße, sondern von seiner Hinterngröße herrührt. Himmel, ich bin ein böser Mensch.
      Bei der Formulierung "passende Hose für seinen Penis" malen sich mir gleich lustige Bilder in meinen Kopf...

      An Rain: Großartig! Das merke ich mir! Das wäre die absolut perfekte Antwort gewesen...

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Willkommen im Zauberreich. Da dieser Blog ziemlich viel persönlichen Krimskrams enthält, lassen Sie uns einander doch duzen:

Schreib mir gerne einen Kommentar, bringe mich zum nachdenken, schmunzeln oder lachen. Aber bitte vergiss nicht, dass dieser Blog ein Spiegel meines Innen- und Gedankenleben ist. Ich würde mich demnach freuen, wenn du deine Worte sorgfältig wählst und behutsam mit den Dingen umgehst, die ich hier niederschreibe. Außerdem möchte ich dich darum bitten, mir deinen Namen oder wenigstens ein Kürzel unter dem Kommentar zu hinterlassen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Dankeschön!

Bitte beachte zudem, dass die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://zauberreich.blogspot.de/p/datenschutz.html) und in der Datenschutzerklärung von Google.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Mittag

Vom Aufräumen

Vom Mitmach-Post: Mitarbeitergespräche