Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Vom schwimmenden Kompliment

"Komm, wir gehen zusammen den Bach runter,
denn ein Wrack ist ein Ort, an dem ein Schatz schlummert..."

(Alligatoah: Willst du)
 
Irgendwann necke ich ihn mal wieder. Solange, bis er seine Hände auf meine Hüften legt, sein Gesicht zu mir hinunterbeugt und gefährlich leise sagt: "Hör auf, mich zu ärgern. Anderenfalls stopfe ich dir den Mund." Von da an sind wir friends-with-benefits. Zwar ist er das eine oder andere Jahr jünger als ich, aber ich mag es, dass er im Bett weiß, was er tut und sich nicht davor scheut, auch mal zuzupacken. Er ist der erste Mann, bei dem ich mich nicht unwillkürlich frage, was er da unten tut, während er mich hingebungsvoll leckt. Stattdessen kann ich mich einfach fallenlassen. So sehr, wie man sich eben fallenlassen kann, wenn man sich turtelnd und lachend in einem leeren Vorlesungssaal verbarrikadiert hat.

Eines Morgens, wir sind gerade miteinander durch die Betten getobt, liegen wir rücklings nebeneinander auf der weichen Matratze, atemlos, erhitzt, verklebt von Körperflüssigkeiten. Noch hat der Wecker nicht geklingelt. Ich genieße die Stille. Die ersten Sonnenstrahlen, die sich den Weg in die kleine, gemütliche Einzimmerwohnung suchen. Das leise Zwitschern der Vögel vor dem Fenster.
Als ich ihn das nächste Mal ansehe, merke ich, dass er sich zu mir gedreht hat, den Kopf auf den Ellenbogen stützt und mich betrachtet. Ich lächle leicht.
Er sagt: "Wenn man alle Teile von dir einzeln betrachtet, bist du wunderschön."
Ich ziehe mir die Bettdecke bis zur Nasenspitze und fühle mich hässlich als Ganzes.

Und dann liebt er mich.
Von heute auf morgen.
Ohne Sex, aber dafür mit Haut und Haar und vielen Gefühlen.
Friends-with-benefits geht den Bach runter.
Dicht gefolgt von unserer Freundschaft.

Kommentare

  1. Eine schöne romantische Vorstellung, dass aus Freundschaft plus eine tiefe Beziehung entstehen kann. Pro: die Unkompliziertheit des Anfangs, Contra: die Seltenheit 😉

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    1. Contra: Solche Geschichten gehen niemals gut aus - wenigstens nicht bei mir. ;-)

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  2. So kann es Jedem ergehen - auf beiden Seiten der Erzählperspektive.
    Vielleicht war das "und dann liebt er mich" aber doch nicht so ganz von heute auf morgen?

    Und die zweite anzuzweifelnde Aussage steht dann im Kommentar unter dem von Nelly^^ - sag niemals "nie"... ;-)

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    1. Du bist der Grund, warum ich die Einschränkung "- wenigstens nicht bei mir" noch angefügt habe. Dass solcherlei Geschichten bei dir gut ausgehen, weiß ich. :-) Bei mir halte ich das allerdings eher für unwahrscheinlich. Dass mit den Gefühlen hätte genauso gut mir passieren können. Und ich glaube, dass ich normalerweise, ziemlich weiblich, dazu neige, Gefühl und Sex nicht allzu gut trennen zu können.

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