Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von Strohhalmen und Elchen

Stille kann peinlich sein, drückend, verbissen oder unheimlich. Stille kann Stillstand bedeuten, wie bei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, oder sie kann durch Einsamkeit entstehen, wie bei Menschen, die niemanden mehr haben, dem sie etwas sagen können. Die Stille, die (ihn) hier umgab, hatte nichts von alledem. Es war die seltene Form der Stille, die groß und vollkommen ist.

(Isabel Abedi: Imago)

Hier ist es so unfassbar still... Am blauen Himmel kuscheln sich Schaefchenwolken an einander, das Birkenwaeldchen, das das Haus umsaeumt, rauscht leise in den vereinzelten Wehen des Windes und der See, der sich vor mir erstreckt, plaetschert leise vor sich hin, wenn die zarten Wellen auf die Steingruppen treffen, die das Seeufer umgeben. Ab und an ruft ein Kaeuzchen. Ansonsten hoert man hier nichts. Alles, was sich den Weg in die Ohren sucht, ist Natur. Kein von Menschen verursachtes Geraeusch durchbricht die Stille. Und ich geniesse das so. Das hier ist genau der Urlaub, den ich brauche, um zur Ruhe zu kommen: Keine Lautstaerke, keine Geschwindigkeit, keine Menschen. Alles, wirklich absolut alles, ist entschleunigt.
Eine neue Freundschaft habe ich hier auch schon geschlossen. Gestern Abend rumpelte, knackte und knarzte das Unterholz als wuerde jemand eine Dampfwalze auf das kleine, rote Holzhaeuschen zusteuern. Man hoerte ein Stampfen und Trappeln. Ich haette zu gerne meinen unglaeubigen Gesichtsausdruck gesehen, als ploetzlich ein neugieriger Elch vor meiner Terasse stand. Dies ist nicht mein erster Schwedenurlaub. Deshalb kann ich sagen, dass man Elche in freier Wildbahn wesentlich seltener sieht, als man es vermutet. Rain und ich haben den Elch auf den Namen Jesus getauft. Als Jesus mich naemlich wahrnahm, tuermte er wie ein angestochenes Schweinchen, rannte die Boeschung hinab und stuermte in das naechstgelegene Waeldchen. Dabei konnte ich ein Foto von ihm ergattern, das belegt, dass er ueber das Wasser gelaufen ist. Mit der Eleganz eines Nilpferdes und der Grazie eines Zehntonners. Waehrend er fluechtete, musste ich in mich heineinschmunzeln: Jesus ist mir sympathisch: Er ist kein bisschen leichtfuessig und ultra schlechtgelaunt. Ausserdem guckt er ein bisschen treudoof. Ich wuerde mich wirklich sehr freuen, wenn er mich heute Abend wieder besucht. 

Beim schreiben dieser Zeilen musste ich ein bisschen an P. denken. Schon in jungen Jahren stellten wir, mit Hilfe einer Menge Rotwein und Gras, fest, dass Gott ein Strohhalm ist. Und nun werden wir aelter und es finden sich die Dinge, die gefunden werden wollen, und unsere Theorie um liebevolle Details ergaenzen. Was er wohl dazu sagen wuerde, dass Jesus ein Elch ist? Ich glaube, er wuerde herzlich lachen. 
Vielleicht schreibe ich am Ende meines Lebens ein Buch ueber die Weisheit. Ich werde es nennen: Von Strohhalmen und Elchen. Es wird kein bisschen weise sein.



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