Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von Strohhalmen und Elchen

Stille kann peinlich sein, drückend, verbissen oder unheimlich. Stille kann Stillstand bedeuten, wie bei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben, oder sie kann durch Einsamkeit entstehen, wie bei Menschen, die niemanden mehr haben, dem sie etwas sagen können. Die Stille, die (ihn) hier umgab, hatte nichts von alledem. Es war die seltene Form der Stille, die groß und vollkommen ist.

(Isabel Abedi: Imago)

Hier ist es so unfassbar still... Am blauen Himmel kuscheln sich Schaefchenwolken an einander, das Birkenwaeldchen, das das Haus umsaeumt, rauscht leise in den vereinzelten Wehen des Windes und der See, der sich vor mir erstreckt, plaetschert leise vor sich hin, wenn die zarten Wellen auf die Steingruppen treffen, die das Seeufer umgeben. Ab und an ruft ein Kaeuzchen. Ansonsten hoert man hier nichts. Alles, was sich den Weg in die Ohren sucht, ist Natur. Kein von Menschen verursachtes Geraeusch durchbricht die Stille. Und ich geniesse das so. Das hier ist genau der Urlaub, den ich brauche, um zur Ruhe zu kommen: Keine Lautstaerke, keine Geschwindigkeit, keine Menschen. Alles, wirklich absolut alles, ist entschleunigt.
Eine neue Freundschaft habe ich hier auch schon geschlossen. Gestern Abend rumpelte, knackte und knarzte das Unterholz als wuerde jemand eine Dampfwalze auf das kleine, rote Holzhaeuschen zusteuern. Man hoerte ein Stampfen und Trappeln. Ich haette zu gerne meinen unglaeubigen Gesichtsausdruck gesehen, als ploetzlich ein neugieriger Elch vor meiner Terasse stand. Dies ist nicht mein erster Schwedenurlaub. Deshalb kann ich sagen, dass man Elche in freier Wildbahn wesentlich seltener sieht, als man es vermutet. Rain und ich haben den Elch auf den Namen Jesus getauft. Als Jesus mich naemlich wahrnahm, tuermte er wie ein angestochenes Schweinchen, rannte die Boeschung hinab und stuermte in das naechstgelegene Waeldchen. Dabei konnte ich ein Foto von ihm ergattern, das belegt, dass er ueber das Wasser gelaufen ist. Mit der Eleganz eines Nilpferdes und der Grazie eines Zehntonners. Waehrend er fluechtete, musste ich in mich heineinschmunzeln: Jesus ist mir sympathisch: Er ist kein bisschen leichtfuessig und ultra schlechtgelaunt. Ausserdem guckt er ein bisschen treudoof. Ich wuerde mich wirklich sehr freuen, wenn er mich heute Abend wieder besucht. 

Beim schreiben dieser Zeilen musste ich ein bisschen an P. denken. Schon in jungen Jahren stellten wir, mit Hilfe einer Menge Rotwein und Gras, fest, dass Gott ein Strohhalm ist. Und nun werden wir aelter und es finden sich die Dinge, die gefunden werden wollen, und unsere Theorie um liebevolle Details ergaenzen. Was er wohl dazu sagen wuerde, dass Jesus ein Elch ist? Ich glaube, er wuerde herzlich lachen. 
Vielleicht schreibe ich am Ende meines Lebens ein Buch ueber die Weisheit. Ich werde es nennen: Von Strohhalmen und Elchen. Es wird kein bisschen weise sein.



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