Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von der Hilfe

"Dann sieh, daß Du Mensch bleibst: Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche."

(Rosa Luxemburg: Brief an Mathilde Wurm, 1916)

Sie ist 79 Jahre alt. Man sagt ihr Alters-Schusseligkeit nach. Zumindest nimmt ihr jüngerer Bruder ihr mit dieser Begründung den Zweitschlüssel für ihre Wohnung und den Briefkasten sowie ihre Bankkarte ab. Regelmäßig betritt er die Wohnung, wenn sie nicht da ist, und verkauft das Inventar. Außerdem bedient er sich fleißig an ihrer Witwenrente. Das ist auch der Grund dafür, dass sie an einem kalten Tag im Dezember fünf Kilometer zur Bank wandert, die 300 Euro, die ihr Konto noch hergibt, abhebt und damit weitere vier Kilometer zu einem Mietwagenverleih läuft. Nach diesem Gewaltmarsch schmerzt jeder Knochen in ihrem Körper. Aber sie hat ihr Ziel erreicht: Gegen eine Anzahlung mietet sie einen Kleinwagen. Sie schleppt drei I.kea-Tüten, die mit persönlichen Papieren gefüllt sind, in ihr Auto, leert den Kühlschrank und macht sich, zusammen mit ihrem Hund, auf den Weg in eine 500 Kilometer entfernte Großstadt. Dort befindet sich der Hauptsitz ihrer Bank. Sie hat eine neue Bankkarte beantragt, die sie sich persönlich abholen will, damit ihr Bruder sie nicht aus dem Briefkasten fischen kann.

Leider kommt sie in der gesuchten Großstadt nie an. Sie fährt mit Hilfe einer veralteten Deutschlandkarte und landet schließlich in einem kleinen Dorf, das den gleichen Namen trägt, wie die Großstadt, die sie eigentlich besuchen will. Dieses Dorf ist über 500 Kilometer von ihrem eigentlichen Ziel entfernt. Das stellt sie aber erst fest, als der Motor ihreres Mietwagens noch einmal laut rumst und das Auto schließlich mitten in der Nacht den Geist aufgibt. Sie stellt die Sitze um, hüllt sich frierend in ihren Pelzmantel und kuschelt sich an den Hund.
Am nächsten Tag versucht sie, ihr Auto zu reparieren. Selbst ist schließlich die Frau, denkt sie sich. Aber leider kann sie den Schaden am Auto nicht beheben. Zu Fuß macht sie sich also auf den Weg zu der nächstgelegenen Autowerkstatt. Da sie sich aber keine Anzahlung mehr leisten kann, verwehrt man ihr die Reparatur des Autos.

Zwei Tage später klingelt sie an der Tür zu meinem Büro und bittet mich um einen Job. Sie muss Geld verdienen, erklärt sie mir, damit sie das Auto reparieren lassen und sich auf dem Weg in die Großstadt machen kann. Während sie mir im Bewerbungsgespräch ihre Lebensgeschichte erzählt, versuche ich, ausschließlich durch den Mund zu atmen. Die ältere Dame, deren sonstiges Auftreten sehr gepflegt ist, riecht nach Schweiß und alter Kleidung. Ich verspreche ihr, dass ich schauen werde, was ich jobtechnisch für sie tun kann. Dann klaue ich dem Büro zwei Thermoskannen, eine Schale voller Äpfel sowie jede Menge Hundefutter. All das gebe ich ihr mit. Später suche ich, zusammen mit Kollegen, ihr liegen gebliebenes Auto, um ihr neues Essen sowie heiße Getränke vorbeizubringen. Ich lege ihr nahe, sich in einer sozialen Station zu melden, die Obdachlose im Winter betreut. Aber dagegen wehrt sie sich mit Händen und Füßen. Es geht ihr doch gut, sagt sie und beteuert, dass sie die paar Nächte im Auto schlafen will.
Gemeinsam sortieren wir tütenweise ihre Papiere, heften sie ordentlich und chronologisch in Ordner und setzen uns mit ihrer Bank in Verbindung, die sofort einwilligt, die Bankkarte der alten Dame zu unserer Dorf-Bank zu schicken, wo sie sich diese, gegen Vorlage ihres Personalausweises, in zwei Tagen wird abholen können. Diese zwei Tage gilt es nun also zu überbrücken.

Von Stunde zu Stunde, die vergeht, werden immer mehr Menschen auf die alte Dame, die vorübergehend in ihrem Auto wohnt, aufmerksam. Sie kommen vorbei, fragen, ob alles in Ordnung ist und wollen helfen. Viele bringen heiße Getränke, Lebensmittel und Futter für den Hund mit. Schlafplätze werden angeboten, die die alte Dame jedoch ablehnt, weil sie niemandem zur Last fallen will. Lediglich das Angebot einer heißen Dusche nimmt sie dankbar an.
Zwei Tage später hält sie ihre Bankkarte, mit den Tränen in den Augen, schließlich in den Händen. Sie weiß nun, dass alles wieder gut werden wird und möchte endlich wieder nach Hause.
Als sie sich von uns verabschiedet, drückt sie ihren kleinen Hund eng an ihre Brust.
Weil er alles ist, was sie noch hat.
Alles von Bedeutung.

Kommentare

  1. Jetzt müsste nur noch jemand ihren Bruder überfahren.

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    1. Erst war ich erschocken über deinen Kommentar, dann musste ich grinsen. Weil du insgeheim wiedergibst, was ich gedacht habe, auch wenn ich es mir weder gewünscht habe noch es jemals laut ausgesprochen hätte. Stattdessen habe ich den Gedanken schnell beiseite geschoben.

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