Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von der anderen Seite

Der Sommer ist die Hochsaison unserer Branche. Dementsprechend ausgelaugt fühlen wir uns zurzeit. Auch ich, obwohl ich erst seit ein paar Tagen aus dem Urlaub zurück bin. Die belastende interne Personalsituation - wir kämpfen uns zurzeit mit halber Personalstärke durch die Tage - ist bedrückend. Und macht in Kombination mit dem warmen Wetter einfach müde.
In einem kurzen Moment, in dem gerade keines der drei Telefone, die vor mir liegen, klingelt, fallen mir die Augen fast zu. Frustriert starre ich auf den Bildschirm meines Rechners. Ohne zu arbeiten. Ich will nur einen Augenblick durchatmen.
Leise tritt meine Chefin von hinten an mich heran. Sie zieht mich in eine Umarmung und setzt mir einen sanften Kuss auf das Haar.
"Danke, dass du das mit mir durchziehst.", sagt sie leise, bevor sie sich umdreht, um sich wieder ihrer eigenen Arbeit zuzuwenden. Ich halte sie auf.
"Kannst du das nochmal machen?", bitte ich sie.
Sie lächelt.
"Dich umarmen?", fragt sie.
Ich nicke.
"Genau das brauche ich jetzt.", sage ich.
Dieses Mal hält sie die Umarmung.
Und statt einem Kuss bekomme ich sechs oder sieben.
Sie wappnen mich für den Sturm, der nur Sekunden später erneut losbricht.

Und das ist die andere Seite meines Jobs:
Ein funktionierendes Team, in dem alle an einem Strang ziehen und sich gegenseitig den Rücken freihalten. Uns verbindet Freundschaft. In guten, wie eben auch in schlechten Tagen.


Kommentare

Kommentar veröffentlichen

Willkommen im Zauberreich. Da dieser Blog ziemlich viel persönlichen Krimskrams enthält, lassen Sie uns einander doch duzen:

Schreib mir gerne einen Kommentar, bringe mich zum nachdenken, schmunzeln oder lachen. Aber bitte vergiss nicht, dass dieser Blog ein Spiegel meines Innen- und Gedankenleben ist. Ich würde mich demnach freuen, wenn du deine Worte sorgfältig wählst und behutsam mit den Dingen umgehst, die ich hier niederschreibe. Außerdem möchte ich dich darum bitten, mir deinen Namen oder wenigstens ein Kürzel unter dem Kommentar zu hinterlassen, damit ich weiß, mit wem ich es zu tun habe. Dankeschön!

Bitte beachte zudem, dass die von dir eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie z. B. deine IP-Adresse) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Infos dazu findest du in meiner Datenschutzerklärung (https://zauberreich.blogspot.de/p/datenschutz.html) und in der Datenschutzerklärung von Google.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Vom Mittag

Vom Aufräumen

Vom Mitmach-Post: Mitarbeitergespräche