Vom Schwindel

In letzter Zeit ist mir oft schwindelig. Hauptsächlich dann, wenn ich mich hinlege oder mich im Liegen von einer Seite zur anderen umdrehe. Wenn ich aufstehe, verschwindet das Schwindelgefühl meistens. Nur morgens, direkt nach dem Weckerklingeln, begleitet es mich noch für ein paar Minuten. Dann muss ich aufpassen, dass ich keine abrupten Bewegungen mit dem Kopf vollführe, weil es mir sonst die Beine wegzieht. Vor kurzem hatte ich mir vorgenommen, deswegen mal zum Arzt zu gehen. Aber dann verschwand der Schwindel wieder.

Nun ist er, seit ein paar Tagen, wieder da. Morgens muss ich aufpassen, dass ich nicht zu schnell aufstehe und mich nicht zu ruckhaft bewege, damit ich nicht umfalle. Heute hatte ich, nach einem wirklich harten Arbeitstag, zum ersten Mal auch tagsüber etwas vom Schwindel. Auf der Heimfahrt, nach der Arbeit, hätte ich am liebsten, wie ein kleines Mädchen, losgeheult. Vor Erschöpfung, Wut und Frustration über die Herausforderungen, die mein Arbeitstag für mich bereithie…

Von 07:05 Uhr und 11:55 Uhr


Vor 15 Jahren habe ich morgens um diese Uhrzeit noch geschlafen. Um genau 07.05 Uhr klingelte damals mein Wecker, den ich einmal um 5 Minuten weiterstellte, bevor ich hektisch aufsprang, um innerhalb von 5 Minuten zu duschen, mir die Zähne zu putzen, Block und Stift aus den Tiefen meines chaotischen Zimmers zu angeln und mit nassen Haaren zur Schule zu rennen. Dort schlug ich täglich zu spät im Speisesaal auf, um mir einen wieder-nicht-pünktlich!-Rüffler einzufangen und mir hastig, unter lautem Protest der anderen Zuspätkommenden, die letzten zwei Käsebrötchen zu angeln. Mein Frühstücksei schlug ich zu dieser Zeit an meinem Kopf auf und manchmal, wenn ich morgens relativ fit war, ärgerte ich mein Umfeld, indem ich Zucker- und Salzstreuer austauschte und meinem Gegenüber einredete, dass er unbedingt mal probieren sollte, seinen Kaffee mit Zucker (bzw. Salz) zu trinken (Igitt! Beides!). Wenn ich es ein paar Tage lang übertrieben hatte, stellte man mir morgens schon meine gefüllte Kaffeetasse falschherum auf den Tisch, so dass ich einen Kaffeewasserfall auslösen musste, wenn ich sie benutzen wollte.

Vor zehn Jahren habe ich morgens um diese Uhrzeit nicht geschlafen. Stattdessen saß ich in irgendwelchen studentischen WGs, trank Bier, Wein und manchmal auch Whiskey, während ich stundenlangen Diskussionen über Gott und das Leben frönte. Ich stellte fest, dass Gott ein Strohhalm ist, Thomas Hobbes und ich in diesem Leben keine Freunde mehr werden, plante Demonstrationen und entwarf Flyer, betrieb guerilla gardening und versuchte, mir in dem Bachelor-Master-System Raum zu schaffen, um mir das, was ich mir von der Unizeit erhofft hatte, selbst zu schaffen: Freigeist-Zeit. Manchmal vergrub ich mich um diese Uhrzeit in meinen Büchern, tanzte mich wahllos durch Kneipen, bestaunte Sonnenaufgänge oder machte mich langsam auf den Weg nach Hause, um Stunden später kleine Andenken - wie Biergläser, Salzstreuer, Zeitungshalter, Schnapsgläser, Bierdeckel, Telefonnummern, in Alufolie eingewickelten kalten Döner usw. - in meiner Handtasche zu finden. 

Vor fünf Jahren um diese Uhrzeit habe ich versucht, meine Masterarbeit zu schreiben und den letzten Klausurversuch in "Management Accouting" zu bestehen. Morgens, um 07:05 Uhr, hat mein Kopf meistens noch ein wenig funktioniert, war wenigstens noch ein bisschen aufnahmefähig, bevor der Tag mich einholte und ich meinen Vater bei seinem Alkoholentzug unterstütze und meinen Opa beim Sterben begleitete. Viele Erinnerungen aus dieser Zeit sind mir nicht geblieben. Ein paar Bilder von einem gezogenen Katheter und einer Menge Blut, ein paar Bilder davon, wie ein Mensch aussieht, wenn er stirbt. Ein enger Freund, mit dem ich breche, weil er mir anvertraut, dass er sich das Leben nehmen will. Das Prüfungsamt, das mir telefonisch in die Ohren nörgelt, dass Prüfungen aus persönlichen Gründen nicht verschoben werden können. Ich bin so angekratzt, dass ich währenddessen tatsächlich in Tränen ausbreche. Der Hausarzt diagnostiziert einen Herzfehler. Will mich arbeitsunfähig schreiben. Aber ich bin zu stolz dazu, um vor der blöden Prüfungsamt-Trulla einzuknicken. Außerdem war ich das letzte Mal krankgeschrieben, als ich 16 Jahre alt war (Liebeskummer halt). Also ziehe ich es durch. Schreibe die Prüfung, gebe die Masterarbeit ab, bestehe das Studium. Obwohl ich von Rechnungswesen immer noch keine Ahnung habe.
Heute um 07:05 Uhr sitze ich im Büro. Ich habe einen verantwortungsvollen Job und so viel Arbeit, dass ich locker darin ertrinken könnte. Man traut mir eine Menge zu, setzt aber auch vieles als selbstverständlich voraus. Gemessen am Arbeitsaufwand und an der Schlafmenge, die mein Job mit sich bringt, bin ich mir in letzter Zeit nicht mehr so sicher, ob ich mich hier so wertgeschätzt fühle, wie ich mir das wünsche. Verstrickt in diese Gedanken, fällt mir plötzlich der Salzstreuer, der vor mir auf dem Tisch steht, auf und denke ich: Hey, Muschelmädchen, na komm, da geht doch noch etwas, oder? Das ist jetzt aber schon so ein bisschen spießig, was du hier machst, oder? Genau das wolltest du ja eigentlich nicht: Die Arbeit zu deinem Lebensinhalt machen. Vielleicht ist es gar nicht 07:05 Uhr, sondern gefühlt 11:55 Uhr. Es ist wohl an der Zeit, das Leben wieder ein bisschen mehr mit Leben, mit Inhalt zu füllen. Vor dir liegen noch so viele ungenutzte Möglichkeiten...
Wie wäre es mit einem Ausbruch?

Kommentare

  1. Ein gedanklicher Ausbruch kann schon eine Menge an "Gutfühlsein" auslösen....

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    1. Ich weiß nicht, ob mir Gedankenspiele noch reichen... Irgendwann ist es doch an der Zeit, das Träumen mal zu beenden und das Leben anzugehen.

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    2. am anfang war der tagtraum...das wirkliche leben danach anzugehen ist die kettenreaktion daraus;-)

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  2. Das Leben mit Inhalt füllen. Klingt gut. Wie macht man sowas?

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    1. Indem man lauter Dinge tut, die man schon immer mal tun wollte - genau die Dinge, die einen selbst glücklich machen.

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