Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von allem und nichts

Im Moment ist mir alles irgendwie zu viel. Ich knabbere sehr an den Geschehnissen der letzten Tage. Mein Opa ist soweit stabil. Gestern habe ich mit ihm gesprochen. Oma hat ihn gefragt, ob er weiß, wer ich bin, weil seine Demenz mittlerweile heftig vorangeschritten ist und er mich bei meinem letzten Besuch nicht mehr erkannt hat. Er hat gesagt, er weiß, wer ich bin. Ich habe ihn gefragt, wie es ihm geht. Offenbar konnte er in diesem Moment für einen Augenblick vergessen, wie schlecht es ihm geht. Voller Inbrunst hat er in den Telefonhörer gesungen:

Mir geht's gut,
ich bin froh
und ich sag dir auch wieso:
Weil ich dein Freund sein kann.“ *

Das letzte Mal, als ich meine Großeltern gesehen habe, haben sie dieses Lied im Duett gesungen. Opa konnte sich an diesem Tag vor Schmerzen kaum bewegen, hat niemanden außer Oma erkannt und die meiste Zeit unseres Gespräches verschlafen. Erst als Oma ihm einen sanften Kuss auf den Kopf gegeben hat und anfing zu singen, stimmte er ein. Und seine Augen strahlten dabei. Es war unbeschreiblich berührend, die beiden beim Singen zu beobachten. Sie sind über 60 Jahre verheiratet.

Nur eines wünsch ich mir:
Geh Arm in Arm mit mir.
Durch diese Welt zu gehen
Dann wär es immer schön
Dann wäre jeder Tag
Für mich ein Feiertag
Dann sagte ich was auch geschehen mag:

Ich will Freud und auch Leid mit dir teilen
Ohne dich fang ich gar nichts mehr an.
Mir geht's gut
Ich bin froh
Und ich sag dir auch wieso:
Weil ich dein Freund sein kann.“*
*(Heinz Rühmann: Mir geht’s gut)

Ansonsten beschäftigt es mich sehr, dass S. Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Ich verbinde so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend mit ihm. Obwohl wir uns gar nicht extrem nahe standen. Aber er ist gerade mal so alt wie mein Papa. Das hat er nicht verdient. Und ich habe mich immer unwahrscheinlich aufgehoben und beschützt bei ihm gefühlt. … Mir fehlen noch ein wenig die Worte, um hierüber zu schreiben.

Auf Arbeit komme ich gerade wenig zurecht. Ich mache Fehler. Kein Wunder bei einem Job, bei dem man immer zu 100% da sein und genau sein muss. Es fällt mir gerade sehr schwer bei der Sache zu bleiben. Hinzu kommt der Werksleiter, der nicht locker lässt und mich zum Essen einladen will. Ich bin im Moment schon allgemein völlig verunsichert und überfordert, aber damit umzugehen, kostet mich zusätzlich Kraft. Zum einen weil mir gerade wirklich nicht nach schäkern zumute ist (eher nach jemandem, der mich mal in den Arm nimmt), zum anderen bin ich auf ihn angewiesen in meiner Arbeit, wir stehen quasi in einer Abhängigkeitsbeziehung. Wie geht man mit solchen Annäherungsversuchen auf Arbeit um, ganz besonders vor dem Hintergrund einer Abhängigkeitsbeziehung? Ich hab Bauchschmerzen damit. Denn ich will ihn nicht vor den Kopf stoßen. Aber wahrscheinlich mache ich mir auch zu viele Gedanken. Vielleicht ist das alles auch nur ein Witz, der auf meine Kosten läuft...

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