Vom Schreien

Ich schreie nie, beiße normalerweise nicht um mich und verletze Mitmenschen niemals absichtlich. Und dennoch ist mir gerade danach, genau das zu tun. Ich möchte einfach losbrüllen. Wie verrückt, wie am Spieß und vollkommen unkontrolliert, solange, bis mir die Stimme ausgeht. Aus Wut, aus Frustration, aus verletzten Gefühlen heraus. Zum Abbau von Stress und Druck und überbordenden Emotionen.
Aber ich bleibe still.

Wieviel Kraft mich das wirklich kostet, zeigt mir meine allabendliche Gemütslage. Ich bin, was ungewöhnlich für mich ist, unfassbar nahe am Wasser gebaut. Zurzeit schlafe ich unglaublich früh ein. Denn sobald ich Zuhause bin, überfällt mich eine bleierne Müdigkeit, der ich mich nicht zu entziehen vermag. Trotzdem finde ich mich vier Stunden später hellwach in meinem Bett wieder. Zähle die Stunden bis zum Weckerklingeln runter. Noch immer rasend wütend. Und in Gedanken brüllend.
Morgens bin ich müde.

Das soll vorbeigehen.
Ich will nicht so wütend sein.

Von normalen Tagen

Stagnation macht meinen Geist rebellisch! Geben Sie mir Probleme, geben Sie mir Arbeit!“
(Film: Sherlock Holmes)
  • E-Mail-Postfach checken: 67 neue E-Mails. Alle überfliegen. 55 E-Mails löschen. 5 E-Mails ausdrucken. 4 E-Mails stillschweigend weiterleiten. 3 E-Mails bearbeiten. Die 5 neuen Mails, die gerade eintrudeln, ignorieren.
  • Teambesprechung: Tages- und Aufgabenplanung. Den täglichen Sparwitz abholen. (Dieses Mal: „Was sitzt auf einem Baum und schreit ´Aha´? Ein Uhu mit Sprachfehler.“)
  • Durchtelefonieren und Terminieren von 25 Bewerbern
  • Meckern mit dem Betreuer vom Arbeitsamt. Er hat mir auf meine vier ausgeschriebenen Stellen einen Bewerber aufgebucht. Das ist mal nicht viel.
  • Schaltung von drei neuen Stellenanzeigen
  • 7 Bewerbungsgespräche
    • Bestes Negativbeispiel aus allen Gesprächen: „Für 2500 Euro brutto gehe ich nicht arbeiten. Meine absolute Schmerzgrenze liegt bei 2600 Euro netto. Außerdem fahre ich mit der Bahn 30 Minuten zu Ihnen. Der Arbeitsplatz ist mir viel zu weit weg! Außer sie geben mir einen Firmenwagen!“ Der Bewerber hat keinen Schulabschluss und kann keinerlei Berufserfahrung vorweisen. Und er trägt einen Jogginganzug. Und er riecht... Ach, lassen wir das. Jeder der arbeiten will, soll arbeiten dürfen. Aber wer halt nicht mag, den zwinge ich nicht, denn das würde nicht funktionieren. Trotzdem ist es schade, dass er nicht arbeiten will. Solche Gespräche sind einfach Zeitverschwendung.
    • Bestes Positivbeispiel aus allen Gesprächen: Der Bewerber und zukünftige Mitarbeiter beginnt fast zu weinen, als ich ihm einen Arbeitsvertrag anbiete. Er hat eine Suchterkrankung hinter sich und war deshalb lange in Therapie und nicht arbeitsfähig. Ich schätze seine Ehrlichkeit und die offenen Worte über seine Krankheit. Sowas mag ich. Da weiß ich als Arbeitgeber, woran ich bin und kann mich darauf einstellen.
  • Erstellung von drei Arbeitsverträgen
  • Besprechung besagter drei Arbeitsverträge
  • Schichtplanung von circa 67 Mitarbeitern
  • Kurze Mittagspause. Mal wieder viel zu spät. Es lebe der Lieferservice.
  • Diverse telefonische Kundengespräche (Terminabstimmung, Fragen zum Tarifwerk usw.)
  • Mehrfache Umplanung der Schichtbesetzung aufgrund von Krankheitsausfällen
  • Informieren der Mitarbeiter über zeitliche Veränderungen hinsichtlich ihrer Schicht
  • Briefing der Produktionsleiter hinsichtlich zeitlicher Veränderungen in der Schichtbesetzung
  • 3 Personalgespräche
    • 1. Gespräch: Ich versuche zu erläutern, dass ich die Maschinen in der Produktion nicht anhalten kann, weil Herr Mustermanns seine Arbeitshose nicht finden konnte und deshalb 2,5 Stunden zu spät zur Arbeit kommt. Belasse es aber bei einer mündlichen Ermahnung. Hoffe auf Besserung. Mustermännchen zeigt sich einsichtig.
    • 2. Gespräch: Erklärendes Gespräch zur fristgerechten Kündigung. Nein, es ist nicht erlaubt, in den Produktionshallen zu rauchen. Deshalb hängen da überall diese lustigen, bunten „Rauchen verboten“-Schilder. Wir möchten nämlich nicht, dass sie sich selbst und ihre Kollegen in Gefahr bringen. Echt jetzt. Und wir haben sie mehrfach ermahnt, sie sogar darauf hingewiesen, dass ein erneuter Verstoß zur Kündigung führen kann. Sie haben trotzdem wieder in der Halle geraucht und sich erwischen lassen. Ehrlich, die Kündigung überrascht Sie? Hm. Mmmh. Was soll ich dazu sagen? Das tut mir leid. Aber ich freue mich, dass es Ihnen und Ihren Kollegen gut geht und sie nicht mit Ihrer Zigarette die Halle in Brand gesteck haben. Wussten Sie eigentlich, dass das Material, mit dem Sie arbeiten, hochentzündlich ist?
    • 3. Gespräch, auf Wunsch des Mitarbeiters: Er möchte gerne mehr arbeiten, um seiner Familie (ansässig im Ausland) Geld schicken zu können. Ich erkläre, das Mehrarbeit möglich ist, aber nur, wenn wir uns im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes bewegen. Der Mitarbeiter findet, dass das Arbeitszeitgesetz eine ziemlich blöde Erfindung ist. In seinem Heimatland konnte er schließlich ohne Probleme auch mal 20 Stunden am Stück arbeiten. Deutschland ist ein komisches Land. Ich beiße mir auf die Unterlippe, um ein Schmunzeln zu unterdrücken.
  • Planung, Organisation und Terminierung einer Fortbildung.
  • Von Posteingang/-ausgang, Ablage, Telefon und ähnlichen fange ich mal nicht an.
  • Und dann mag ich einfach nach Hause...
Ein ganz normaler Tag. Ich liebe meinen Job. Vor allem die Menschen, die meinen Job ausmachen. Auch wenn ich Abends meistens zu 100% einfach nur platt bin und direkt aus den Schuhen heraus aufs Sofa kippe.

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